Ein Angriff auf die Hisbollah oder Iran kommt für Israel der "roten Pille" gleich

Wenn Netanjahu und sein Verteidigungsminister Gallant – verzehrt vom Wunsch, die Ereignisse von vergangener Woche zu rächen – zu weit gehen, könnte sich Israel in existenzielle Gefahr begeben. Wird Netanjahu, verzehrt von Wut und Panik, ein Risiko eingehen?

Von Alastair Crooke

Ich habe vergangene Woche geschrieben, dass die Ursache des aktuellen Konflikts zwischen den USA und Russland darin liegt, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs kein schriftlicher Vertrag abgeschlossen wurde, in dem die Grenzen und die Definition westlicher "Interessen" festlegt wurden. Gleichsam wurde auch kein Vertrag abgeschlossen, in dem die Interessen Russlands und Chinas im asiatischen Kernland festlegt wurden.

In der Euphorie nach dem Zweiten Weltkrieg wurde alles vage gelassen und nicht auf Papier festgehalten, was den USA sehr viel Handlungsspielraum ermöglichte, und was sie in höchstem Maße ausnutzten. Es begann damit, Deutschland zu remilitarisieren und endete Jahrzehnte später, nach dem Ende des Kalten Krieges, damit, dass die NATO immer weiter in Richtung des asiatischen Kernlands vordrängte. Viele hatten davor gewarnt, dass dieses Vorgehen der USA letztendlich Krieg bedeuten würde.

Und tatsächlich wurden mit der russischen Sonderoperation in der Ukraine in vielen Bereichen horizontal asymmetrische "Kriegsfronten" eröffnet. Obwohl die Sonderoperation angeblich darauf abzielt, die heimliche Übernahme der Ukraine durch die NATO zu verhindern, öffnete es auch Russlands Hauptfront – nämlich die Eindämmung eines weiteren Vordringens der NATO.

Derzeit sind alle Augen auf den sich ausweitenden Konflikt im Nahen Osten gerichtet. Es werden viele Fragen gestellt, aber die wichtigste ist: Warum? Hier stellen wir fest, dass die Probleme im Konflikt zwischen Israel und Gaza und jener in der Ukraine unheimlich ähnlich sind. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wollte der Westen, dass die europäischen Juden ein "Heimatland" erhalten, und so wurde Palästina 1947 zwangsweise zwischen Juden und Arabern aufgeteilt.

Das vorherrschende Narrativ im Westen ist, dass die Mühen und Kriege, die sich aus diesem Ereignis ergaben – insbesondere die heutige Konfrontation zwischen Israel und Palästina – einfach auf die perverse Unfähigkeit der arabischen Staaten zurückzuführen sei, sich mit der Existenz des Staates Israel abzufinden. Viele im Westen betrachten dies zumindest als irrational – oder schlimmstenfalls für einen Charakterfehler der arabischen Kultur.

Nun, wie es auch in Bezug auf die militärische Situation in Europa nach dem Krieg der Fall war, wurde in Bezug auf Juden und Araber, die fortan auf einem und demselben Territorium lebten, keine formelle Vereinbarung getroffen. Die Abkommen von Oslo aus dem Jahr 1993 waren der Versuch einer Einigung. Aber auch hier blieb alles vage, und der entscheidende "Schlüssel" für das gesamte Abkommen blieb vollständig in der Hand der Israelis. Offensichtlich sollte damit Israel ein größtmöglicher Handlungsspielraum ermöglicht werden. Darüber hinaus war beabsichtigt, dass Israel einen strategischen Vorteil beibehalten würde – nicht nur politisch. Es war beabsichtigt, dass Israel auch einen militärischen Vorteil seinen Nachbarstaaten gegenüber beibehalten würde und zu dem sich die USA verpflichtet haben, diesen sicherzustellen. 

Das Ziel, die arabischen Staaten dazu zu bringen, die Existenz Israels zu akzeptieren, wurde, um es deutlich zu sagen, nie verfolgt oder durch militärische und finanzielle Maßnahmen erzwungen, so wie im Falle von Syrien, dem Irak, dem Libanon und Iran. Außer im Fall Ägyptens, durch die Rückgabe der Sinai-Halbinsel durch Israel im Jahr 1982. Der derzeitige Friedensvertrag zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten – Teil der Normalisierung zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten, die sogenannten Abraham Abkommen – wirft die Palästinenser jedoch effektiv den Wölfen zum Fraß vor, damit Saudi-Arabien sich an diese Normalisierung hält.

So wie das Vorrücken der NATO darauf abzielte, Asien unter die Herrschaft der USA zu bringen, so hätte die kulturelle Hegemonie eines Großisraels im Nahen Osten auch den Nahen Osten unter westliche Herrschaft bringen sollen – zumindest glaubt man das in den Denkfabriken in Washington. Was aber hinter der gegenwärtigen Welle des gewalttätigen palästinensischen Aufstands steckt, wurzelt in einem Verständnis, das konträr zu dem steht, was in Washington angenommen wird.

Diese konträre Realität besteht darin, dass sich Israel im vergangenen Jahrzehnt immer weiter von den Grundlagen entfernt hat, auf denen ein nachhaltiger Frieden in der Region hätte aufgebaut werden können. Israel hat sich auf perverse Weise in die entgegengesetzte Richtung bewegt – es hat jene Säulen niedergerissen, auf denen eine regionale Annäherung hätte aufgebaut werden können. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat im vergangenen Jahrzehnt die israelische Wählerschaft weit nach rechts geführt und den Iran als Trugbild genutzt, um die israelische Öffentlichkeit einzuschüchtern. Das war jedoch nicht immer so: Nach der iranischen Revolution im Jahr 1979, hatte sich Israel mit dem Iran gegen die arabische "nahe Nachbarschaft" verbündet.

Netanjahu verbreitete auch die Botschaft unter seiner Wählerschaft, dass sich der Rest der Welt dank der Abraham Abkommen "keinen Deut" mehr um die Palästinenser kümmern würde. Dass die Palästina-Frage "Nachrichten von gestern" seien. Diese Meisterleistung der Manipulation hat die Bürger Israels – und die der westlichen Welt – davon abgelenkt, vollständig zu verstehen, was radikale Minister im Regierungskabinett von Netanjahu im Schilde führen:

Eine vorrangige Verpflichtung einiger Minister im Kabinett von Netanjahu, ist die Errichtung des jüdischen dritten Tempels auf dem Tempelberg in Jerusalem, wo derzeit die al-Aqsa-Moschee steht. Im Klartext bedeutet dies die Verpflichtung, die al-Aqsa-Moschee abzureißen und an ihrer Stelle einen jüdischen Tempel zu errichten.

Die zweite vorrangige Verpflichtung besteht darin, Israel auf dem biblischen "Land Israel" zu etablieren. Oder deutlicher ausgedrückt: Dies würde alle Palästinenser im Westjordanland enteignen. Wie der israelische Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir klarstellte, stünden die Palästinenser vor der Wahl, entweder wegzuziehen oder als Araber in Unterwürfigkeit in einem von Juden beherrschten Staat zu leben.

Die dritte vorrangige Verpflichtung besteht darin, anstelle des westlich säkularen Rechts, das jüdische Recht – die Halacha – einzuführen. Dies würde Nichtjuden in Israel ihres rechtlichen Status berauben.

Zusammengefasst: Den Tempelberg, auf dem die al-Aqsa-Moschee steht, jüdisch zu machen, die Etablierung des israelischen Staates auf dem biblischen "Land Israel" und das Ende des säkularen Grundgesetzes – Palästina und das palästinensische Volk sollen einfach ausgelöscht werden. An der letzten Generalversammlung der UN hielt Netanjahu während seiner Ansprache eine Landkarte seiner Vision des "neuen Nahen Ostens" hoch. Auf der war Gaza und die palästinensischen Gebiete überhaupt nicht vorgesehen. Sie wurden einfach wegradiert. So existenziell ist die Situation für die Palästinenser geworden. 

Dies sind die Gründe, die letztendlich der extremen Reaktion der Hamas gegen Israel vorausgegangen sind. Mit dem Angriff der Hamas auf Israel sollte den oben beschriebenen Entwicklungen entgegengetreten werden. Der Angriff war nicht ein Weckruf nach einer Rückkehr zum Abkommen von Oslo.

Durch eine Überreaktion könnten Netanjahu und sein Team jedoch das Fundament des gesamten westlichen Projekts zum Einbrechen bringen. Joe Biden scheint die Gefahr nicht zu erkennen, die in seiner ihm eigenen übertrieben wütenden Sprache lauert, indem er Hamas mit ISIS gleichstellt und eine "rasche, entschlossene und überwältigende" Reaktion von Netanjahu befürwortet. Biden sagte, er glaube, dass Israel nicht nur das Recht, sondern auch die "Pflicht" habe, zurückzuschlagen, und fügte hinzu, dass "die Vereinigten Staaten Israel den Rücken stärken werden". Biden könnte mehr bekommen als das, was er sich wünscht: Eine Tragödie in Form einer totalen Vergeltung für die Palästinenser in Gaza. Netanjahu, gefangen in der Dynamik seiner eigenen Angst und Verletzlichkeit, spielt die Rolle von Dionysos, dem Gott des Wahnsinns und der Ekstase. Und Biden feuert ihn dabei an.

So wie das Team Biden die USA und die NATO in der Ukraine einer Demütigung ausgesetzt hat, so scheint das Team Biden nicht in der Lage zu sein, sich vorzustellen, was aus der Demütigung Israels folgen könnte, nach einem Feldzug der Rache wegen Gaza. Die Ukraine brachte schwerwiegende finanzielle Konsequenzen für Europa. In Israel sind die Geheimdienst- und Militärstrukturen eben erst geradezu implodiert. Man stelle sich vor, dass auch die politischen Strukturen dysfunktional werden.

Wenn der Westen die Situation rein statisch und rational betrachtet – das heißt, "die israelischen Verteidigungskräfte sind weitaus stärker als die Hamas, und daher ist Hamas dazu bestimmt, zerstört zu werden" – dann stellt er vielleicht die Frage falsch. Die zu stellende Frage ist vielmehr eine dynamische: Wie wird sich die Dramaturgie im Laufe der Zeit weiterentwickeln? In welcher Weise könnte ein Krieg Israels in Gaza die Berechnungen der Hisbollah, jene von Syrien und der muslimischen Welt nach und nach beeinflussen – und politische Gelegenheiten ermöglichen, die bisher nicht verfügbar waren?

Wir können bereits jetzt sehen, wie sich eine solche Gelegenheit eröffnet hat. Man höre sich an, was der Pentagon-Sprecher John Kirby sagte: "Einerseits deuteten Gerüchte darauf hin, dass Biden vorhatte, einen gigantischen, einmaligen Blankoscheck über 100 Milliarden US-Dollar auszustellen, um seine Hände von der Ukraine reinzuwaschen", und ergänzte dann ganz deutlich: 

"Man sollte nicht versuchen, sich zu langfristiger Unterstützung zu verpflichten, wenn man am Ende der Fahnenstange angelangt ist." Was bedeutet, dass Russland die Ukraine-Episode nun vorzeitig beenden werden wird.

Der Hauptzweck einer dramatischen Tragödie besteht darin, beim Publikum ein Gefühl der Ehrfurcht hervorzurufen, das im tragischen Helden ein Abbild seiner selbst sieht. Das ist es, was sich abspielt, während die islamische Welt zusieht, wie Gaza vernichtet wird. Der iranische Großajatollah Ali al-Sistani hat einen Aufruf an die ganze Welt gerichtet, "sich dieser schrecklichen Brutalität entgegenzustellen". Wird der Aufstand jetzt im Westjordanland ausbrechen? Werden sich die innerhalb der Grünen Zone lebenden Palästinenser erheben? Wenn israelische Streitkräfte in Gaza einmarschieren, könnte es leicht zu einer Situation wie im ukrainischen Artjomowsk (Bachmut) kommen – zu einem glühend heißen Fleischwolf.

Die Hisbollah bereitet langsam die Nordfront vor – wenn auch mit Bedacht. Werden es dieses Mal die USA sein, die überreagieren, so wie 1983, als die USS New Jersey Stellungen der Drusen im Libanon beschoss? Man sollte sich daran erinnern, wie das endete – mit der vollständigen Zerstörung der US-Botschaft und der Kaserne der US-Marines durch Bombenattentate, wobei 241 US-Soldaten getötet wurden. Derzeit segelt eine Flotte rund um den Flugzeugträger USS Gerald Ford vor dem Libanon, bereit, die Hisbollah "abzuschrecken". Die Hisbollah und die Widerstandsfront haben ihre roten Linien bekannt gegeben. Werden diese überquert, so hat Nasrallah, der Generalsekretär der Hisbollah versprochen, eine neue Front zu eröffnen.

Wir müssen also versuchen, die Ereignisse dynamisch zu betrachten und nicht nur durch die buchstäbliche Blase der heutigen Ablenkungen: Wenn Netanjahu und sein Verteidigungsminister Gallant – verzehrt vom Wunsch, die Ereignisse vom vergangener Woche zu rächen – zu weit gehen, könnte sich Israel in existenzielle Gefahr begeben.

Israel ist von Zehntausenden Raketen und Drohnen umgeben. Ein Angriff auf die Hisbollah oder Iran kommt für Israel der "roten Pille" gleich. Wird Netanjahu, verzehrt von Wut und Panik, ein Risiko eingehen? Und falls er oder Gallant nach der "roten Pille" greifen, könnte das die Säulen endgültig zum Einstürzen bringen?

Dieser Text erschien in englischer Sprache bei Strategic Culture Foundation.

Alastair Crooke ist ein ehemaliger britischer Diplomat, Gründer und Direktor des in Beirut ansässigen Conflicts Forum.

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