Diesmal waren's nicht die Russen? Außerirdische intervenieren im US-Machtkampf

Als nicht identifizierte Flugobjekte (UFOs) über den USA auftauchten, hielt man in Russland den Atem an: Man ist es gewohnt, an allem Schuld zu sein: Von Hillarys Wahlniederlage über Nawalnys dreckige Unterwäsche bis hin zu steigenden Preisen weltweit. Dass es diesmal nicht Russen, sondern irgendwelche Außerirdischen waren, ist fast schon enttäuschend.

Von Wiktorija Nikiforowa, RIA Nowosti

Letzte Woche schossen US-Kampfflugzeuge einen chinesischen Ballon und drei weitere nicht identifizierte Flugobjekte ab. Bei einem Objekt handelte es sich um "einen kleinen Metallballon", bei einem anderen um etwas Achteckiges (mit daran hängenden Schnüren) und bei dem dritten um "ein kleines Auto".

Die Kampfpiloten konnten nicht erklären, was genau sie abgeschossen hatten. Es wird versprochen, dass nach den Wrackteilen der nicht identifizierten Flugobjekte gesucht wird. Das Problem ist, dass sich die meisten Vorfälle in Alaska und im Yukon ereigneten, Tausende von Quadratkilometern unbewohnter Schneewüste, die Jack London als "White Silence" bezeichnete.

US-Luftwaffengeneral Glen Vanherk sagt, dass die "Objekte" – d. h. ihre Aufzeichnungen auf den Videokameras der Flugzeuge – von den Geheimdiensten untersucht werden, wobei zum jetzigen Zeitpunkt keine Version ausgeschlossen werden kann, bis hin zum außerirdischen Ursprung dieser Dinger. Nein, Vanherk ist kein Mann im Ruhestand, der in einer Fantasiewelt lebt, sondern ein hochrangiger Militäroffizier im aktiven Dienst.

Man würde sich natürlich wundern, aber das Pentagon hat das UFO-Thema seit einigen Jahren aktiv vorangetrieben. Durch Monographien, Seminare und Veröffentlichungen in durchaus intellektuellen Medien wurde das Thema aus der Welt von Verschwörungstheorien in die Kategorie der ganz normalen Dinge befördert, die von Astronomen, Geheimdienstoffizieren, Piloten und Ingenieuren mit einem ernsthaftem Blick besprochen werden.

Die kleinen grünen Männchen leben nicht nur im Kopf eines Air Force-Generals. Sie helfen dem US-Militär erfolgreich dabei, Geld aus dem Haushalt zu schaufeln und Overton-Fenster in militärischen Angelegenheiten, Politik und internationalen Beziehungen zu öffnen.

Die Frage war nur: Wessen kleine grüne Männer waren das? Wir in Russland haben natürlich sehnsüchtig auf eine neue Saga über die Abenteuer von Petrow und Boschirow gewartet, denen es diesmal gelungen ist, sich als "kleine Metallkugeln" zu tarnen. 

Überraschenderweise hat dieses Mal noch niemand Russen beschuldigt. Amerikanische Politiker, zumindest ihr republikanischer Teil, die die mysteriösen Objekte nicht gesehen haben, sind der festen Überzeugung, dass alle UFOs in China hergestellt wurden. Vielleicht wollten die Kommunisten die Weiten Amerikas auskundschaften – aber warum, sollte man meinen, wenn die chinesische Satellitenkonstellation ohnehin alles sehen kann? Vielleicht – diese Version passt den amerikanischen Hinterwäldlern sehr gut – versprühten die Objekte einen Coronavirus oder Schlimmeres über Amerika.

Natürlich reagierte China auf diesen Unsinn mit Irritation. Die Global Times wies darauf hin, dass diese "infantile Farce" die Welt nicht die Macht und Stärke der USA spüren lasse, sondern vielmehr die Verwundbarkeit des Ex-Hegemons demonstriere.

Was ist das Endergebnis dieser Weltraumoperette? Die Republikaner werfen den Demokraten vor, sie seien nicht in der Lage, mit der "chinesischen Bedrohung" umzugehen. Obwohl, nebenbei bemerkt, chinesische Wettersonden und Luftschiffe schon seit Jahren über Amerika fliegen und sich niemand darum kümmert. Gut, die Demokraten befahlen dem Militär, das chinesische Luftschiff abzuschießen. Die Republikaner sind empört – warum so spät? Die Demokraten reagieren darauf mit noch mehr Kampfjets und beginnen, alles abzuschießen, was nicht bei "drei" auf den Bäumen ist.

Es stellt sich heraus, dass in Friedenszeiten und ohne das Manöver US-Kampfjets über Nordamerika fliegen und alles abknallen, was sie für bedrohlich halten. Der kanadische Premierminister hat sie unhinterfragt in seinen Luftraum gelassen, und sie amüsieren sich nach Herzenslust.

Auf Befehl von Oberbefehlshaber Biden hat eine amerikanische F-22-Rakete ein Objekt im kanadischen Luftraum abgeschossen. Was aber, wenn das nächste UFO von Außerirdischen in den britischen Luftraum gelenkt wird? Wird Biden den Luftraum über Großbritannien sperren?

Eigentlich ist der Algorithmus für den Umgang mit allerlei obskuren Flugobjekten im Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt vorgeschrieben. Bezeichnenderweise steht dort nichts darüber, dass das US-Luftwaffenkommando Meteorsonden und Drohnen im fremden Luftraum abzufangen hat. Aber seit wann interessieren sich die Amerikaner für internationale Regeln, auch wenn das besagte Abkommen in Chicago unterzeichnet wurde?

Niemand hat bisher erklärt, welche Art von Bedrohung die "Objekte" darstellten. Es ist jedoch für jeden offensichtlich, welche Art von Bedrohung amerikanische Kampfjets im Luftraum darstellen. Zehntausende von Menschen – Amerikaner und Kanadier –, die friedlich ihren Geschäften nachgingen, fanden sich letzte Woche in der Zielzone des amerikanischen Militärs. Wie durch ein Wunder kam es zu keinen gefährlichen Zwischenfällen.

Aber Republikaner und Demokraten haben sich gegenseitig auf die Schippe genommen. Das zeigt die Eigenheiten des innenpolitischen Kampfes in den Vereinigten Staaten.

Und für die Außenwelt war diese geschickt inszenierte Hysterie mit UFOs und chinesischen Intrigen die perfekte Ablenkung von dem terroristischen Angriff auf Nord Stream. Gott bewahre, dass ein ehrlicher Journalist – eine vom Aussterben bedrohte Spezies, aber noch gibt es sie – die Seymour-Hersh-Untersuchung weiterführt?

Nehmen wir an, dass Washington die Sabotage der Gaspipeline tatsächlich organisiert hat. Findet die US-Militärs, die an der letztjährigen Ostsee-Übung beteiligt waren. Befragt die deutschen Geschäftsleute, die Milliarden von Euro in den Bau der Gasleitungen investiert haben und jetzt erfahren, dass Bundeskanzler Scholz von der geplanten Explosion im Voraus wusste und ihnen nichts gesagt hat. Wird das Öko-Aktivisten endlich auf den Plan rufen?

Denn wenn Hersch Recht hat, hat die amerikanische Regierung, die die Erderwärmung so eifrig bekämpft, die größte einzelne Umweltkatastrophe der Geschichte verursacht. Wie viele Tonnen Methan sind in das Wasser der Ostsee geflossen? Alle Kühe der Welt zusammen könnten nicht so viel produzieren.

Und selbst wenn kein ehrlicher Journalist gefunden wird, werden sich diese Fragen weiterhin in den Köpfen der Durchschnittsbürger festsetzen, ganz gleich, wo sie leben – in Deutschland oder Norwegen, in den USA oder China. Es besteht nämlich die Befürchtung, dass ein erfolgreicher Angriff nicht ohne Folgen bleibt und unsere strategischen Gegner auf den Geschmack kommen und versuchen werden, Ablenkungsmanöver auf dem Territorium eines Landes zu starten, das sie nicht mögen.

Deshalb ist das Infofeld voll mit UFO-Geschichten, um uns solche ungesunden Fragen aus dem Kopf zu schlagen. Die kleinen grünen Männchen arbeiten für das Weiße Haus. Und Sie denken immer noch, dass es Außerirdische nicht gibt?

Übersetzung aus dem Russischen. Der Artikel ist am 15.02.23 auf ria.ru erschienen.

Mehr zum Thema – Nord-Stream von USA gesprengt – Wer hatte je Zweifel daran?