Die "Welt" erkennt: Die Ukraine verliert

Es ist nicht lange her, da wurde das Verlangen des ukrainischen Generalstabschefs Waleri Saluschny auch in Deutschland so behandelt, als könne die ukrainische Armee mit 300 zusätzlichen Panzern bis Moskau marschieren. Jetzt scheint den Ersten zu dämmern, dass das nicht stimmt.

Von Dagmar Henn

Man könnte fast meinen, allmählich wird doch der Rückwärtsgang eingeschlagen: Nachdem vergangene Woche US-Außenminister Antony Blinken so getan hatte, als würde er einen Verhandlungsvorschlag machen, diese Woche der ägyptische Außenminister den Boten spielen sollte und die RAND Corporation gerade erst nahegelegt hatte, doch keinen langen Krieg in der Ukraine zu führen, erschien jetzt in der Welt ein Kommentar, der tatsächlich eine Tatsache ausspricht: "Warum es fast ausgeschlossen ist, dass die Ukraine noch siegt".

Die Gründe, die der Autor angibt: Der Westen habe zu viel Angst vor einer Eskalation. Die ukrainische Infrastruktur könne nicht geschützt werden und sei weitgehend zerstört. Russland habe enorme Rüstungsressourcen. Der Ukraine gingen die Soldaten aus. Und Russland werde vermutlich auch politisch siegen.

Kiew laufe die Zeit davon, wird zutreffend vermerkt. Allerdings tut der Schreiber dann so, als könnte der Westen mit mehr Waffen daran irgendetwas ändern. Das kann er nicht; der letzte Scherz aus dieser Richtung lautete, dass die einzige in der NATO verbliebene Fabrik, die noch Panzermotoren herstellt, MTU in Friedrichshafen, gerade beim Mutterkonzern Rolls-Royce am seidenen Faden hängt.

Hat der Westen wirklich Angst vor einer Eskalation? Vielleicht ist inzwischen die Botschaft angekommen, die Maria Sacharowa vergangene Woche auf die halbgaren Äußerungen Blinkens gab. "Nachdem alle Verhandlungen durch die Ukraine beendet wurden, wird dieses Thema auf dem Schlachtfeld gelöst. Ob auf Druck oder aus eigenem Beschluss, Kiew hat alle Verhandlungen mit Russland auf Regierungsebene verboten. Das ist es also. Der Rest ist für die Militärfachleute."

Der Westen fürchtet laut Welt ein "Überschwappen" des Konflikts. Gemeint ist, dass das Mantra "Wir liefern Waffen, sind aber nicht beteiligt" in der wirklichen Welt nicht zählt und die russische Seite bereits angedeutet hat, dass sich das Ende ihrer Geduld nähert; und wenn die Geduld zu Ende ist, dann werden eben alle Kriegsparteien wie Kriegsparteien behandelt. So deutlich kann man das in der Welt natürlich nicht sagen, also schwappt da ein Krieg über wie die Suppe im Teller.

Was die ukrainische Energieinfrastruktur angeht, ist das ein typischer Fall westlichen Nicht-Nachdenkens. Das sowjetische Stromsystem wurde nämlich mit einer anderen Hochspannung betrieben als das westliche, weshalb es für den Ersatz all der zerstörten ukrainischen Transformatoren nur eine Adresse gibt: Russland. So ein Pech auch. Aber im Grunde ist es mit der gesamten restlichen Wirtschaft ähnlich – unter westlicher Kontrolle säße die Ukraine auf ewiglich im Schuldturm und würde zur Beute von BlackRock und Goldman Sachs; ein Schicksal, das man den Ukrainern wirklich nicht wünschen möchte.

Der spannendste Punkt am ganzen Kommentar ist dieses Eingeständnis: "Der Ukraine gehen mit zunehmender Dauer des Krieges die Soldaten aus. (…) Mittlerweile werden Männer über 60 Jahren an die Front geschickt." Hier ist ein echtes, unverfälschtes Stück Wahrheit; und man muss kein Mathegenie sein, um zu erkennen, dass Kiew kaum einen Volkssturm aufbieten würde, wenn die bisherigen Verluste tatsächlich so gering wären wie bisher behauptet. 30.000 sollen es nach ukrainischen Angaben nur sein; die unterschiedlichen Schätzungen, die im Netz kursieren, reichen von 220.000 (aus Israel) bis 500.000 (aus China). Und hier reden wir von Gefallenen, nicht Verwundeten … Aber im Grunde genügt dieser eine Punkt. Männer über 60. Als Nazi-Deutschland an diesem Punkt angekommen war, im Frühjahr 1945, waren bereits ganze Jahrgänge ausgelöscht.

Und was den politischen Sieg betrifft: "Eine Mitgliedschaft [der Ukraine] in der NATO dürfte nach einem Waffenstillstand oder Friedensverhandlungen auf unabsehbare Zeit ausgeschlossen sein, und der EU-Beitritt der Ukraine wird – im günstigsten Fall – sehr viel länger dauern, als Kiew derzeit fordert." Ein kleiner Hinweis für die so im Dunkeln stehen gelassenen Leser der Welt, dass man genau dieses Ergebnis im Dezember 2021 hätte haben können, ganz ohne Verluste an Menschenleben, Sanktionstheater, Flüchtlinge und Wohlstandsverlust, wäre wirklich nett gewesen. Nur, damit auch der Ahnungslose begreift, wie sehr ihn die beiden Bundesregierungen aufs Glatteis geführt haben.

Aber an diesem Punkt gibt sich der Autor einer Illusion hin. Mit wem sollte Moskau denn verhandeln? In Kiew ist niemand, der Entscheidungen treffen kann, und der ganze kollektive Westen hat sich mit seinen rechtswidrigen Handlungen als Vertrags- und damit eben leider auch als Verhandlungspartner unmöglich gemacht. Derart unmöglich, dass selbst eifrigstes Schwenken einer weißen Fahne im Kreml kein Vertrauen schaffen dürfte.

So überraschend diese Dosis ungewohnten Realismus ist, der Welt-Autor dürfte gemerkt haben, dass die Jahrzehnte, in denen der Westen dann in der Ecke stehen darf, global übrigens, und nicht nur Russland gegenüber, auch für ihn unangenehme Konsequenzen haben dürften – wenn auch die Konsequenzen der anderen Variante, eines Komplettwechsels des politischen Personals, noch unangenehmer wären.

Noch vor zwei, drei Monaten wurde selbst Bundeskanzler Olaf Scholz attackiert, weil er nicht sagte, die Ukraine müsse siegen, sondern nur, sie dürfe nicht verlieren. Jetzt fällt also auf, dass weder die Ereignisse auf den Schlachtfeldern noch die der globalen Ökonomie sich nach dem richten, was die deutsche Blase aus Politik und Medien so vor sich hin wünscht.

Traurig nur, dass sie das nicht bereits vor Monaten begriffen haben. Denn gleich, wie und wann der russische Sieg besiegelt wird, all die unter 60-Jährigen, die in der Zeitspanne zwischen den von Boris Johnson gesprengten Istanbuler Verhandlungen und diesem künftigen Augenblick ihr Leben verloren, verloren es auch, weil niemand in besagter Blase in Deutschland oder anderen EU-Ländern willens war, die unvermeidliche Niederlage des ukrainischen Marionettenstaates früher zu benennen, sondern alle in das Kiewer Geschrei "Waffen, Waffen, Waffen" einstimmten, als sei das ein Fangesang bei einem Fußballspiel und das, was vergossen wurde, nur Filmblut.

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