Immer für Mordaufrufe zu haben: Die Propagandisten der Bild

Nicht nur in der Ukraine ist, gelinde gesagt, "kontraintuitiv", wer dieses Regime mit seiner Bandera-Ideologie stützt. Mit seinen deutschen Freunden sieht es ähnlich aus. Ein Musterbeispiel dafür ist ein Kommentator der Bild, der gerade erst zur Ermordung Putins aufrief.

Von Dagmar Henn

Spätestens seit 2014 wird in deutschen Medien zu den Themen Ukraine und Russland ausgiebig gelogen. Das vielleicht plastischste Beispiel dafür ist die Behauptung, von Mariupol aus ginge eine Landbrücke zur Krim; eine Aussage, die zuerst aus dem Munde des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier stammte, aber ein halbes Jahr lang von einer deutschen Zeitung nach der anderen wiederholt wurde, obwohl ein Blick auf eine Karte verraten hätte, dass es von Mariupol bis zur Landbrücke zur Krim immer noch 270 Kilometer sind. Ein anderes ist die über Jahre hinweg wiederholte Behauptung, nach den Minsker Vereinbarungen müssten die Donbassrepubliken sofort die Kontrolle der Grenze nach Russland an Kiew übergeben; ebenfalls anhand des Textes dieser Vereinbarungen schnell zu widerlegen. Zwei kleine, selbst überprüfbare Beispiele aus einer schier endlosen Liste.

Es gibt dabei zwei Arten von Lügnern: diejenigen, die es besser wissen könnten, und jene, die es besser wissen müssen. In die zweite Kategorie fallen all jene Personen, die unmittelbar mit den wirklichen Ereignissen zu tun hatten, wie beispielsweise Steinmeier, die den Text der Minsker Vereinbarungen kennen mussten, wie Angela Merkel; all jene, die Zugang zu den Erkenntnissen der Nachrichtendienste hatten oder haben, die sicher auch zu Ereignissen wie Odessa Informationen geliefert haben. In die zweite Kategorie fallen auch jene, für die es keinesfalls mit besonderen Mühen verbunden wäre, sich auf beiden Seiten kundig zu machen.

Das ist eine lange Einleitung. Aber wenn man die jüngste Titelgeschichte der Bild betrachten will, mit der charmanten Schlagzeile "Hätte die Ukraine Putin hier töten können", dann ist die Unterscheidung zwischen diesen beiden Arten von Lügnern relevant. Der Autor dieses Artikels gehört nämlich zu dieser zweiten Kategorie.

Man ist es von diesem Blatt eigentlich nicht anders gewohnt, von Anfang an hat es sich mit Sex und Blut verkauft und zumindest in den Anfangsjahren mit seiner Neigung zur Menschenjagd genug Entsetzen ausgelöst, um ein bekanntes Werk der Literatur ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum" von Heinrich Böll) und eine ebenso bekannte Langzeitreportage ("Der Aufmacher: Der Mann, der bei Bild Hans Esser war" von Günter Wallraff) auszulösen. Tiefer, als für die Bild zu schreiben, konnte man nicht sinken. Mordfantasien gehören in dieser Umgebung offenbar zum Handwerkszeug.

Nachdem das Redaktionsstatut des Springer-Verlags unverbrüchliche Westbindung verlangt und der Krieg in der Ukraine schon seit 2014 von den USA und der NATO betrieben wird, ist ebenfalls klar, dass das Blatt unverbrüchlich aufseiten der Bandera-Ukraine steht und im Verlauf der Jahre immer wieder hymnische Berichte gerade über die widerlichsten Kiewer Nazitruppen verfasste. Asow mit seiner unübersehbaren Nazisymbolik spielte dabei eine besonders herausragende Rolle und war schon 2014 mit einem Besuch beehrt worden. Auch das ist kein Wunder – der damalige Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann hatte selbst ein Video veröffentlicht, das gezeigt hatte, wie er in Kiew darauf gewartet hatte, von Petro Poroschenko empfangen zu werden, und diesen dann, als sich die Tür geöffnet hatte und Poroschenko herausgetreten war, mit Zusammenschlagen der Hacken und einem Bückling begrüßt hatte.

In den Anfangsjahren war die Art der Bild, über Politik zu schreiben, noch ein abschreckendes Beispiel gewesen, wie man Zusammenhänge unterschlägt und in manipulativer Absicht emotionalisiert. Seitdem hat sich diese Darstellungsweise verbreitet wie eine ansteckende Krankheit, und es ist kaum eine Zeitung mehr übrig, die es für erforderlich hält, Hintergründe zu liefern, oder die nicht der Versuchung erliegt, alles mit Gefühlen zu spicken. Die ganze deutsche Presselandschaft ist inzwischen verBildet.

Aber natürlich kann das Original das immer noch am besten. "Der Kreml-Diktator gilt als sicherheitsbesessen und paranoid. Nun soll Wladimir Putin (70) die Krim-Brücke besucht haben. Damit begab er sich an einen Ort, der erst im Oktober Ziel eines mutmaßlichen ukrainischen Angriffs wurde. Ganz in die Nähe der illegal besetzten Krim, deren russische Stützpunkte mehrfach von der Ukraine erfolgreich attackiert wurden."

Sprachlich ist das ein äußerst interessanter Einstieg, wenn man betrachtet, welche Aussagen als gesichert dargestellt werden und welche nicht. "Kreml-Diktator" steht da als gesicherte Aussage. Dabei gab es Wahlen in Russland, die Wladimir Putin klar gewonnen hat, und es gibt eine ganze Reihe westlicher Umfragen, die ihm geradezu hervorragende Umfragewerte bescheinigen. Da wird nun die Frage relevant, mit welcher Art von Lügner wir es hier zu tun haben, denn schon ein relativ begrenzter Blick in die russische Presse kann darüber aufklären, dass das mit der Diktatur nicht so ganz stimmt. Kann also der Autor dieses Bild-Textes die russische Presse lesen?

Er kann. Er heißt Filipp Piatov (was in Deutschland eigentlich Piatow geschrieben werden müsste) und wurde, man will es kaum glauben, in Leningrad geboren. Er kam zwar schon als Säugling nach Deutschland, spricht aber Deutsch wie auch Russisch fließend. Das, was den meisten Deutschen schwer zu vermitteln ist, die tatsächliche Meinungsvielfalt in Russland, das könnte er in einer Viertelstunde überprüfen.

Die Brücke über die Straße von Kertsch, die Putin nach Wiederherstellung der Fahrbahn besuchte, ist, so Piatov, nur das Ziel eines "mutmaßlichen ukrainischen Angriffs". Es ist vielleicht die Tatsache, dass der Fahrer des Lkw, der mit der Sprengladung versehen war, nichts von dem Schicksal wusste, das ihn erwartete, das ihn, Piatov, ein wenig zögern lässt. Aber letztlich geht seine Fantasie mit ihm durch: "Die große Frage: Begab sich Putin in die Reichweite der ukrainischen Streitkräfte? Hätten die Ukrainer den Kreml-Despoten auf seinem Brücken-Besuch ausschalten können?"

"Ausschalten", das ist das Vokabular der Spezialeinheiten, da macht er sich mit jenen gemein, die sich als Richter und Henker in einem sehen; Legalismus kann man ihm sicherlich nicht vorwerfen. Aber selbst aus einer innig mit der NATO verbundenen Position heraus müsste ihm klar sein, dass das Ergebnis einer solchen Handlung, so sie erfolgreich wäre, das Gegenteil dessen wäre, was der Westen immer erstrebt; an die Stelle Putins, der stets eine zurückhaltende und gemäßigte Position vertreten hat und versuchte, die Verbindung zum Westen so lange irgend möglich zu halten, würde mit absoluter Sicherheit jemand treten, dem Westeuropa völlig egal ist. Und bei genauerer Betrachtung der ökonomischen Lage sollte auch Piatov klar sein, dass die Misere, die jetzt angerührt wird, nicht anders wird beendet werden können als mit einer Wiederaufnahme vernünftiger Beziehungen zu Russland. Aber ihm ist die Herrenmenschenfantasie wichtiger, der Blick des US-Drohnenkriegers, für den Politiker, die nicht in den Kram passen, "ausgeschaltet" werden sollten.

Die eigentliche Botschaft, die Piatov vermitteln will, lautet, die Ukraine solle mit Raketen größerer Reichweite ausgestattet werden. Das haben selbst die USA vermieden; mehr noch, inzwischen ist klar, dass die gelieferten HIMARS-Systeme so umgebaut wurden, dass sie die Raketen größerer Reichweite gar nicht abfeuern könnten, selbst wenn die Ukraine irgendwie an sie kommen sollte. Warum? Weil die NATO bereits sehr tief involviert ist – bis zur Lieferung von Ziellisten für die Artillerie – und Russland es jederzeit als Beteiligung sehen könnte, so es dieses wollte.

Aber um diesen Punkt zu begreifen, muss man sich detaillierter mit den militärischen Sachverhalten auseinandersetzen, als es in der Bild vorgesehen ist. Piatov will nur stärkere Raketen für die Ukraine fordern und Wladimir Selenskij als Helden dastehen lassen, der "deutlich gefährlichere Orte als Putin" besucht habe. Wobei eines klar ist – die russische Armee könnte Selenskij jederzeit "ausschalten", selbst in Kiew; sie tut es nicht, weil nach wie vor die Möglichkeit offengehalten werden soll, Verhandlungen zu führen, so unwahrscheinlich das klingt, und das, was so hübsch "Enthauptungsschlag" genannt wird, eben auch das Gegenüber für mögliche Verhandlungen beseitigt. Weshalb gleichzeitig Piatovs Fantasie, Putin "auszuschalten", signalisiert, dass er entweder tatsächlich an die Möglichkeit eines ukrainischen Sieges glaubt oder zumindest so tut; es bedeutet aber auch ganz nebenbei, dass er völlig die Augen vor der Art dieser ukrainischen Macht verschlossen hat.

Piatov hat einen Bachelor in Wirtschaft, wobei das vermutlich Betriebswirtschaft war, und hat seine Karriere als PR-Fuzzi verschiedenster Start-up-Unternehmen begonnen. 2015 veröffentlichte er ein Buch, das auf einer längeren Reise durch Russland beruhte (gäbe es das Buch als e-Book, hätte ich der Sorgfalt halber noch einen Blick hinein geworfen). Seine Karriere beim Springer-Verlag begann mit gelegentlichen Kommentaren bei der Welt Ende 2013 und brachte ihn in fünf Jahren bei der Bild vom Politikredakteur zum Chefkommentator. Dabei dürfte der gesamte Aufstieg der Tatsache geschuldet sein, dass er gewissermaßen die Rolle eines Kronzeugen bedient, eben weil er russisch-jüdischer Abstammung ist und daher seinen propagandistischen Äußerungen dem deutschen Publikum gegenüber höhere Glaubwürdigkeit verleiht.

2016 erschien eine Besprechung seines Buchs in der Süddeutschen Zeitung. "Er liest so hastig aus seinen russischen Reisenotizen, als sei ihm Putins Geheimdienst auf den Fersen. Könnte durchaus sein, denn er steht auf der Liste der 'pathologischen Russophoben', in prominenter Nachbarschaft übrigens mit Barack Obama." Er hatte sich also bereits damals den für eine Karriere erforderlichen Status der bedingungslosen Feindseligkeit erworben. Und er bedient die Erwartung des deutschen Publikums: "Die Lethargie, die Melancholie und Apathie – ich könnte das gleichgültig als russische Eigenschaften bezeichnen und mich damit abfinden. Aber dieses Land hat zu viel Großes, als dass es mich kaltlassen könnte."

Angesichts des heutigen Deutschland irritieren solche Sätze; man denke nur an das Ahrtal. Im ganz konkreten, materiellen Sinne, bezogen auf Straßen, Eisenbahnen, Wohnungsbau, ist es Deutschland, nicht Russland, das in apathischer Melancholie versinkt und eine Regierung duldet, die das Land gezielt ruiniert. Aber mit dem Aussprechen dieser Wahrheiten erreicht man keine gut bezahlte Position in der Springerpresse.

In dieser Besprechung wird noch ein weiteres Detail benannt, das seine Sympathie für die heutige Ukraine wirklich schwer verständlich macht. "Die heiß geliebte Großmutter hatte als Kind im Wald unter Partisanen überlebt und entging so dem grausamen Tod, lebendig begraben zu werden von den Nazis." Denn zu genau dieser Zeit hatte es einen in der heutigen Ukraine als Nationalheld verehrten Roman Schuchewitsch gegeben, der persönlich mit dem Bataillon Nachtigall der SS für den Mord an der jüdischen Bevölkerung Lwows verantwortlich gewesen war. Piatov, der nicht nur Russisch beherrscht, sondern auch mit seinen Kollegen, die so gerne zu den ukrainischen Truppen fahren, kommuniziert haben dürfte, muss wissen, dass die Anhänger Schuchewitschs in jeder Hinsicht seine Anhänger sind und sich in jeder Hinsicht wie ihre großen Vorbilder benehmen.

Man mag darüber streiten, wie viel von der ideologischen Entwicklung der Ukraine nach 1992 auf das Konto des Westens ging, der sofort die ukrainische Diaspora der Nazikollaborateure in Marsch setzte, und wie viel davon den materiellen Interessen neu emporgekommener ukrainischer Oligarchen zuzuschreiben ist, aber das Ergebnis ist spätestens seit 2014 sichtbar. Piatov kann und muss wissen, dass alle Oppositionsparteien in der Ukraine verboten sind; er muss davon wissen, dass dort nach wie vor Menschen spurlos verschwinden; er kann sich unter keinen Umständen darauf herausreden, nicht gewusst zu haben, auf welcher Seite des ukrainischen Bürgerkriegs diejenigen kämpfen, vor denen sich seine Großmutter hatte verstecken müssen, und auf welcher diejenigen, die sie gerettet hatten.

Wenn ihm die historischen Hintergründe gleich sind, könnte er immer noch den Vertretern dieses ukrainischen Regimes lauschen, wie sie fordern, alle Russen zu töten. Das müsste genügen, um zu klären, welche Seite in diesem Konflikt wofür steht. Aber natürlich gibt es keine gut bezahlte Position bei Springer, wenn man an diesem Punkt die Wahrheit sagt.

Doch eines sollte Piatov klar sein – auch die Propagandisten tragen einen Teil der Schuld. Es ist, nebenbei, nicht nur eine Schuld Russland gegenüber, es ist auch eine Schuld an der Ukraine, deren Männer sinnlos verheizt werden, um den Anspruch einer fremden Macht auf globale Vorherrschaft zu vertreten.

Wäre der Westen im vergangenen Dezember auf die russischen Vorschläge eingegangen und hätte er die Minsker Vereinbarungen umgesetzt, der ukrainische Bürgerkrieg hätte ein Ende gefunden. Im März noch hätte es abermals ein Ende geben können, da allerdings schon nur noch für eine Ukraine ohne Krim und Donbass. Je länger die Unterstützung durch den Westen dauert, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass vor dem Ende des Krieges das Ende der Ukraine liegt. Daran arbeitet nicht Putin, daran arbeitet nicht einmal die russische Armee; daran arbeiten vor allem NATO-Sprachrohre wie Piatov.

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