Kritik an WM 2018 und 2022: Bis zur Wortwahl identisch

Die Texte zur Berichterstattung über die Gastgeberländer der WM wurden kaum umgeschrieben. Die Anschuldigungen gegen Russland waren vor vier Jahren nahezu die gleichen, die heute gegen Katar erhoben werden. Es handelt sich um Kampagnen.

Von Gert Ewen Ungar

"Ich finde, dass diese Weltmeisterschaft für Katar kein Erfolg werden darf", sagt der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann. Und ich finde, dass die moralische Hybris der deutschen Politik das Maß des Erträglichen längst überschritten hat. Selbstverliebt, arrogant und strunzdumm erscheinen die Kommentare zur WM in Katar. Vor allem aber sind sie eines: nahezu identisch mit denen von vor vier Jahren. Eine reine Wiederholung und daher in dieser Form auch völlig unglaubwürdig.

Kann sich noch jemand an die letzte Fußball-Weltmeisterschaft erinnern? 2018 war das. Sie wurde in Russland ausgetragen. Deutsche Medien haben sich im Vorfeld beinahe erbrochen vor Ekel über den Austragungsort. Russland! Ausgerechnet Russland! Die Menschenrechte! LGBT! Die mediale Hysterie war im Hinblick auf das LGBT-Thema bis zu Satzbau und Wortwahl identisch mit der, die sich jetzt aus deutschen Gazetten über Katar ergießt.

Wurde auch nur einmal das Geschreibsel von damals im Nachhinein mit dem abgeglichen, was in Russland tatsächlich passiert ist? Russland sei ein homophobes Land, wurde damals den Medienkonsumenten auch noch in die letzte Hirnwindung eingetrichtert. Schwulen und Lesben wurde abgeraten, zur WM zu reisen. “Als schwuler Fan zur WM nach Russland?”, fragte beispielsweise ntv und das Portal queer.de sah homosexuelle Fans, die nach Russland reisen, gleich mit einem Bein im Gefängnis. Der Text wurde für die aktuelle WM kaum umgeschrieben.

LGBT – Das neue deutsche Lieblingsthema für den moralischen Rundumschlag

Das neue Lieblingsthema, das sich für einen Rundumschlag gegen alle Länder außerhalb des kollektiven Westens eignet und den deutschen Medien zum alleinigen Maßstab für Freiheit und Demokratie wurde, wurde wieder aktiviert, um der moralischen Empörung freien Lauf zu lassen. Wird es dieses Mal eine Korrektur geben, wenn in Katar schwule und lesbische Fans trotz aller Prophezeiungen nicht drangsaliert und diskriminiert werden? Natürlich nicht, denn es geht nicht um die Sache, sondern die Sache ist längst zum politischen Instrument verkommen.  

2018 wurde vor den russischen Fans gewarnt, die angeblich besonders gewaltbereit seien. "Hooligans kündigen 'Festival der Gewalt an'", wusste beispielsweise der Focus zu berichten. Es wurde auch damals gefordert, dass deutsche Politiker nicht zur WM reisen, um ein Zeichen gegen Repression zu setzen. Die WM wurde in Grund und Boden geschrieben. Genauso wie jetzt die WM in Katar. Lediglich das Thema gewaltbereite Hooligans hielt man in den deutschen Redaktionsstuben für den Wüstenstaat dann doch für sehr weit hergeholt. Ansonsten unterscheiden sich die Themen 2018 und 2022 in nichts. 

Human Rights Watch warnte 2018 vor Repression und Diskriminierung in Russland und forderte ein bekennendes Statement von der FIFA. Beim Bau von Stadien seien in Russland Arbeitnehmerrechte systematisch verletzt worden, will die Menschenrechtsorganisation erfahren haben, der man eine zu große Nähe zur Politik der USA vorwirft. Es liest sich heute wie die Blaupause für die Schmutzkampagne gegen Katar.

Kritik an Katar ist wieder aufgewärmte Russland-Kritik

Die deutschen Medien haben die Vorwürfe, die identisch mit denen sind, die es jetzt gegen Katar gibt, bereitwillig aufgenommen und breit gestreut. Der Tagesspiegel bot dem deutschen Direktor von Human Rights Watch eine Bühne und zitierte seine Vorwürfe gegen Russland:

"Die Opposition wird klein gehalten und zum Teil bedroht. Die Medien sind weitgehend gleichgeschaltet, kritischer Journalismus wird verfolgt, Journalisten werden körperlich bedroht, geschlagen, ermordet. Es gibt politische Morde. Die Rechte der Schwulen und Lesben werden angegriffen. Es herrscht ein allgemeiner Mangel an Demokratie und Liberalität."

Bei den Textbausteinen musste vier Jahre später nur der Landesname geändert werden. Die Anschuldigungen sind im Wesentlichen die Gleichen. Ob sie dieses Mal mehr an Substanz zu bieten haben als damals, kann ich natürlich nicht sagen. Was ich aber sagen kann, ist, dass damals nichts dran war. Der Verdacht liegt daher nahe, dass auch dieses Mal nichts dran ist und es sich lediglich um eine politisch motivierte Schmutzkampagne gegenüber einem Land handelt, das sich nicht vollkommen dem westlichen Diktat unterordnet und nicht jede Sichtweise automatisch übernimmt. 2018 wurde in einem Ausmaß mit Dreck geworfen, dass man sich nur schämen konnte für die deutsche Missgunst. Und die deutschen Medien wiederholen diese Strategie einfach – nahezu wortgleich. 

Medienberichte und Wirklichkeit

Ich war damals zur WM in Russland. Nichts von all dem, was westliche Medien angekündigt hatten, ist passiert. Keine wilden Schlägereien, kein öffentliches Abschlachten von LGBT unter dem Applaus homophober Russen. All die Schwarzmalerei, all das Negative und Düstere, mit dem die deutschen Medien für ihre Konsumenten das Bild von Russland gemalt hatte – nichts davon ist passiert. 

Die Stimmung war großartig. Am ersten Spieltag tanzten die Menschen abends in den Straßen von Moskau. Einige Tage später waren wir in Petersburg in einem schwulen Club und wurden am Eingang gewarnt, dass es sich um einen schwulen Club handelt. Die ausländischen Fans waren von den westlichen Nachrichten so desinformiert worden, dass es zu Missverständnissen gekommen war. Heterosexuelle Fußballfans hatten sich in "queere Locations" verirrt, die es nach dem, was ihnen von ihren Medien erzählt worden war, in Russland gar nicht geben dürfte. Also wurde jedem, der wie wir in die Petersburger Central Station wollte, am Eingang gesagt, um was für eine Lokalität es sich handelt.  

Das einzige, worin sich die quälend diskriminierenden Berichterstattungen von damals und heute unterscheiden, ist, dass bei der WM 2018 Russlands Präsident Putin direkt angegangen worden war. Bei Katar hält man es etwas allgemeiner. Die Namen und Gesichter sind weniger bekannt, ansonsten gleicher Ton, gleiche Instrumente, gleiches Orchester. 

Gerade im Vergleich von 2018 zu heute zeigt sich die ganze Beliebigkeit des Vorgangs. Die Instrumentalisierung von moralischer Empörung gegenüber Ländern außerhalb des kollektiven Westens ist gut eingeübt und harmonisch orchestriert: Alle machen mit. Die Menschenrechte werden instrumentalisiert. 

Menschenrechtsverstöße direkt vor der deutschen Haustür 

Dabei gibt es direkt vor der deutschen Haustür, in der Ukraine, massive Verstöße gegen die Menschenrechte, über die deutsche Medien den Mantel des Schweigens breiten. Mehr noch: In der Ukraine gibt es nicht nur Verstöße gegen die Menschenrechte, sondern täglich Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese Verbrechen werden von Deutschland sogar gefördert, indem das Land Waffen liefert und deutsche Politik und Medien zur Gleichschaltung der Presse, zu Lynchjustiz und Folter, zu Diskriminierung von Sprache und Kultur in der Ukraine einfach schweigen.

All das interessiert die deutschen Medien natürlich nicht. Im Gegenteil, jeder, der das Thema anspricht, wird verleumdet. Deutsche Medien sind eingebettet in eine Strategie der Manipulation und Meinungsmache. Ein deutscher Journalist in einem deutschen Medienunternehmen kann von der Freiheit seiner russischen Kollegen nur träumen. Verstöße gegen Menschenrechte werden nur bei jenen Ländern angeprangert, die sich dem Diktat des kollektiven Westens entziehen. 

Genau das macht Deutschland eben so absolut unglaubwürdig und die deutsche moralische Hybris so unerträglich. Es macht das eigentliche, wichtige Anliegen zu einem stumpfen Schwert. Es ist Deutschland mit dem Thema nicht ernst, wird durch die Instrumentalisierung deutlich. Der Vorwurf der Heuchelei und des doppelten Standards ist vollkommen berechtigt. Man kann daher nur raten, wann immer es um Moral und Ethik geht, hört nicht auf Deutschland. Was aus Deutschland kommt, ist verlogen.

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