China hat gelernt, aus Europas Energieproblemen Kapital zu schlagen

Peking hat einen ungewöhnlichen Weg gefunden, um aus der Energiekrise in der Europäischen Union Kapital zu schlagen. Man verkauft fleißig amerikanisches LNG nach Europa weiter und verdient mit jeder einzelnen Ladung Hunderte von Millionen Dollar. Vermutlich geschieht dies auch mit russischem LNG. Welche weiteren Begünstigungen kommen dem Land durch den russisch-europäischen Konflikt zugute?

Von Olga Samofalowa

Während die Europäische Union ein Werk nach dem anderen schließt und inmitten einer beispiellosen Wirtschaftskrise in die Rezession stürzt, profitieren mindestens zwei Länder davon: die USA und China. Die Zeitung Wsgljad schrieb bereits darüber, wie die USA von den Europäern profitieren. Betrachten wir nun die Vorteile, die sich daraus für China ergeben.

Erstens machen einige chinesische Energieunternehmen inzwischen unerwartete Gewinne durch den Weiterverkauf von LNG an Europa, das damit seine Wintervorräte auffüllen kann. Anders als die USA, die LNG exportieren, ist China ein Importeur von Erdgas. Doch die Energiekrise in Europa und die Lockdowns in China selbst, die einen Rückgang des Energieverbrauchs zur Folge hatten, ließen ein ungewöhnliches Schema entstehen.

Tatsache ist, dass die Vereinigten Staaten mitten im Handelskrieg die chinesischen Unternehmen dazu gezwungen haben, mehrere langfristige Verträge über LNG-Lieferungen aus den USA abzuschließen. Damals ärgerten sich die Vereinigten Staaten darüber, dass Peking nicht genügend amerikanische Waren importierte, und zwangen die Chinesen, dies durch Gasgeschäfte auszugleichen. Das wiederum ermöglichte es den Amerikanern, entlang dem Golf von Mexiko neue LNG-Terminals im Wert von mehreren Milliarden Dollar zu bauen, dank derer das Land mehr Gas exportieren kann.

In den vergangenen Jahren war dieses Erdgas für China nicht überschüssig, vielmehr haben chinesische Unternehmen auch alles freie LNG (ohne Verträge) vom Markt geräumt. Doch im Jahr 2022 hat sich die Situation geändert.

Die Nachfrage nach Erdgas auf dem chinesischen Binnenmarkt ist stark zurückgegangen, wobei die Verträge für amerikanisches LNG erfüllt werden müssen. Peking fand eine elegante Lösung: Die überschüssigen LNG-Tanker werden zuallererst an Europa weiterverkauft. Denn bei einem Preis von 1.000 bis 1.500 Dollar pro tausend Kubikmeter LNG in Asien und 2.000 bis 2.500 Dollar in Europa ist der Gewinn beim Weiterverkauf offensichtlich. Die LNG-Tanker erreichen nicht einmal China, sie fahren direkt nach Europa.

In den ersten acht Monaten dieses Jahres legten 19 Schiffe mit verflüssigtem Erdgas aus den USA in China an, verglichen mit 133 Schiffen im gleichen Zeitraum des Vorjahres, wie die westliche Presse berichtet. Jedoch mit Vorbehalt, denn es ist keineswegs sicher, dass alle diese Schiffe im vergangenen Jahr im Rahmen langfristiger Verträge eingetroffen sind. China kauft LNG nicht nur im Rahmen langfristiger Vereinbarungen, sondern schlichtweg alle vorhandenen Volumen auf dem Markt.

Beispielsweise wird das chinesische Unternehmen ENN Natural Gas am 18. Oktober einen Tanker entsenden, um amerikanisches Erdgas aus der LNG-Anlage von Cheniere Energy in Sabine Pass an der Golfküste abzuholen. Doch statt die Ostküste in China anzulaufen, wird das Schiff das LNG nach Europa liefern. Nach Schätzungen von Analysten wird das chinesische Unternehmen allein mit dieser Lieferung einen Gewinn von 110 bis 130 Millionen Dollar erzielen, ausgehend von den Marktpreisen. Nach inoffiziellen Angaben verkauft die chinesische ENN in diesem Jahr das gesamte vertragliche LNG von 0,9 Millionen metrischen Tonnen weiter.

"Wir verkaufen die amerikanische Fracht weiter. Das ist erlaubt, und die Preise sind rentabel", bestätigte Wu Qunan, Chefökonom bei PetroChina International.

Doch es ist schwierig, genau zu berechnen, wie viele Gastanker mit amerikanischem LNG in diesem Jahr nach Europa geschickt werden. Obwohl manche Zahlen einen Hinweis auf das Ausmaß geben. Den Zolldaten zufolge exportierte China in den ersten acht Monaten dieses Jahres etwa eine Viertelmillion Tonnen Flüssiggas im Wert von 449 Millionen Dollar nach Europa und Asien, gegenüber 7,3 Millionen Dollar im Vorjahr. Diese Angaben sind jedoch kaum aussagekräftig, denn die Verkäufer haben ihren Sitz nicht immer in den USA oder China, und die LNG-Preise sind in diesem Jahr höher.

"Sehr wahrscheinlich profitiert China nicht nur vom Weiterverkauf des amerikanischen Flüssigerdgases, sondern auch von jeglichem anderen. Zum Beispiel hat ein chinesisches Unternehmen einen Vertrag mit Jamal LNG über die Lieferung von drei Millionen Tonnen LNG. Höchstwahrscheinlich wird China den größten Anteil davon an die Europäer weiterverkaufen, vermute ich. Es wird angenommen, dass Peking dasselbe mit vielen Lieferanten von Treibstoffen praktiziert", sagte Igor Juschkow, führender Experte des Nationalen Fonds für die Energiesicherheit an der Finanzuniversität unter der Regierung der Russischen Föderation.

Der zweite Vorteil, den China aus der Krise in Europa zieht, ist die zunehmende Abnahme von Pipeline-Gas aus Russland. "In diesem Jahr werden 10 Milliarden Kubikmeter mehr über die Pipeline 'Power of Siberia' nach China geliefert", erklärte Juschkow. Die Lieferungen in diese Richtung liegen deutlich über dem ursprünglichen Plan. Am Wachstum der Volumen ist auch Russland interessiert, weil die erhöhten Lieferungen nach China den Ausfall in Europa etwas ausgleichen. Und China gewinnt aus preislicher Sicht. "Es ist eines der günstigsten, wenn nicht sogar das günstigste Erdgas, das China bekommt. Schließlich hängt der Gaspreis im Vertrag mit China mit einer Verzögerung von neun Monaten vom Ölpreis ab. Die Kosten für russisches Pipeline-Gas belaufen sich für China auf 400 bis 800 US-Dollar pro tausend Kubikmeter", so Juschkow. Flüssigerdgas dürfte die Chinesen mindestens 1.000 bis 1.500 Dollar kosten.

Zudem spielt die Spaltung von Europa und Russland im Bereich der Erdgasversorgung China in die Hände. Es bleibt nur abzuwarten, bis Russland keine andere Alternative mehr hat, als mit China einen Vertrag über zusätzliche Exporte durch die neue Pipeline Power of Siberia 2 abzuschließen. Das ist der dritte potenzielle Vorteil für Peking. "Die USA tun alles, was sie können, um die Beziehungen zwischen Europa und Russland zu zerstören, einschließlich der Sprengung von Erdgas-Infrastruktur. Für China bedeutet dies, dass Russland immer weniger Wahlmöglichkeiten hat. Deshalb versucht Peking, von Gazprom niedrige Preise sowohl bei 'Power of Siberia 2' als auch bei anderen Projekten zu erzielen", so Juschkow.

Der vierte Vorteil für China besteht darin, dass die Energiekrise Europa dazu zwingt, sich von der klimapolitischen Agenda gegenüber China loszusagen. Damit hatte Peking freie Hand und konnte seine inländische Kohleproduktion drastisch steigern. Diese Steigerung der Kohleproduktion führte zu einer Verringerung der Binnennachfrage nach Erdgas. "Darüber hinaus erhielt China die Möglichkeit, russische Kohle mit einem Preisnachlass zu kaufen. Bei uns sind alle Wege in den Osten mit Kohle verstopft", sagte Juschkow.

Das ganze Jahr hindurch verbrennt China billige Kohle anstelle von teurem Erdgas. Dies senkt die Produktionskosten chinesischer Waren und macht sie im Vergleich zu europäischen Waren auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger.

In Europa hingegen müssen viele Unternehmen schließen, weil sie keine allzu teure Energie beziehen können. "Dieser Umstand beseitigt einen Konkurrenten Chinas auf dem Weltmarkt", sagte Juschkow. Günstigere Bedingungen für chinesische Exporte sind der fünfte Vorteil.

Der sechste Vorteil Chinas resultiert aus der Deindustrialisierung Europas, die eine Folge der Energiekrise in der EU sein wird, denn die Unternehmen Europas werden sich neue Standorte suchen, darunter auch China. Allerdings werde China in diesem Bereich mit den USA um europäische Fabriken konkurrieren müssen, meinte Juschkow.

"Zurzeit sind die Vereinigten Staaten der günstigste Ort für die Produktion von Waren, was die Energiekosten angeht. Sowohl das Erdgas ist hier günstiger als auch die Gesamtkosten für Energie niedriger. Die USA sind ein Erdgasproduzent und LNG-Exporteur, während China immer noch ein Nettoimporteur von LNG ist", so der Experte. Andererseits hat China auch seine Vorteile, fügt Juschkow hinzu. Zum einen ist die Energie dort günstiger als in Europa. Zum anderen kann China die Steuern für neue Investoren senken und billigere Arbeitskräfte anbieten als die USA.

Interessanterweise könnte China, das Europa in diesem Jahr durch den Weiterverkauf seines Flüssiggases unterstützt, irgendwann diese Unterstützung entziehen. Sollte die Nachfrage nach Erdgas in China steigen, zum Beispiel nach der Aufhebung der COVID-Beschränkungen oder wegen des kalten Winterwetters, wird die EU über Nacht einen Teil ihres LNG-Angebots verlieren. Schließlich wird China die LNG-Lieferungen für sich selbst in Anspruch nehmen. Auch die USA könnten jederzeit die Gasexporte nach Europa einschränken, beispielsweise wenn sie selbst einen harten Winter haben oder eine LNG-Anlage ausfällt, warnt Juschkow. "Allerdings ist Europa ein wichtiger Markt für chinesische Waren. Und deshalb wünscht man sich in China keinen Tod der europäischen Wirtschaft", so der Experte. Die USA gehen in Bezug auf Europa von den gleichen Überlegungen aus – schließlich müssen sie ihre Waren an jemanden verkaufen.

Übersetzt aus dem RussischenDieser Artikel erschien zuerst bei vz.ru.

Mehr zum Thema - Karish und Qana – Gasfelder schüren Grenzdisput im Nahen Osten (Teil 1)