Pelosi in Jerewan: Stehen die USA wirklich an der Seite Armeniens?

Den Westmedien scheint Pelosi-Reise nach Jerewan gelegen zu kommen, um Russlands Rolle im Südkaukasus zu kritisieren. Trotzdem sehen die USA Aserbaidschan als NATO-Kandidaten, da Washington damit den Nord-Süd-Korridor und die Neue Seidenstraße gefährden könnte.

Von Seyed Alireza Mousavi

Nach den jüngsten heftigen Gefechten zwischen armenischen und aserbaidschanischen Truppen reiste die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, nach Armenien und machte Aserbaidschan für die Eskalation verantwortlich. Eine solche eindeutige Schuldzuweisung in dem Konflikt geht weit über das hinaus, was das US-Außenministerium bislang öffentlich verlautbart hatte. Die Spitzenpolitikerin sprach bei einem Besuch in Jerewan von "illegalen und tödlichen Angriffen Aserbaidschans auf armenisches Gebiet". Der armenische Parlamentspräsident Alen Simonjan erklärte zudem am Sonntag, die aufflammende Gewalt habe "dank einer Vermittlung der USA" beendet werden können.

Armenien fordert nun Sanktionen des Westens gegen Aserbaidschan, um das Expansionsstreben des Landes zu stoppen. Die Frage lautet nun, ob der Westen bereit ist, diesen Schritt vorzunehmen. Bislang schweigen Bundesregierung und EU zum aktuellen militärischen Konflikt zwischen Baku und Jerewan. Denn die EU-Staaten wollen in ihrem Bestreben, sich von russischem Gas unabhängig zu machen, lieber mit Aserbaidschan ins Geschäft kommen.

Den westlischen Medien scheint die Pelosi-Reise nach Jerewan gelegen zu kommen, um Russlands Rolle im Südkaukasus zu kritisieren. "Bislang gilt Russland als Schutzmacht Armeniens. Doch wenige Tage nach dem Angriff Aserbaidschans demonstriert Nancy Pelosi ungewöhnlich deutlich die Unterstützung der USA für Jerewan", hieß es im Spiegel. "Armenien hat sich jahrelang dafür entschieden, ein wichtiger strategischer Verbündeter des Kremls zu sein, aber viele fragen sich nun zunehmend, ob Moskau als Garant für die Sicherheit der Nation gegen die überlegene Feuerkraft des benachbarten Aserbaidschans fungieren kann", kommentierte Politico.

Troz der freundlichen Geste in Jerewan sehen die USA Aserbaidschan als NATO-Kandidaten, da Washington durch einen möglichen NATO-Beitritt Aserbaidschans den Nord-Süd-Korridor (Iran und Russland) und die Neue Seidenstraße Chinas gefährden könnte. Die USA profitierten nämlich von einem möglichem türkisch-muslimischen Korridor quer durch Eurasien, der die enge Partnerschaft zwischen Russland und China zerschlagen sollte. Die Türkei träumt von einem türkischen Korridor, um die Enklave Nachitschewan über Armenien mit Aserbaidschan zu verbinden und damit eine direkte Verbindung über das Kaspische Meer in Richtung Osten zu den "Turkstaaten" in Zentralasien  zu schaffen. 

Inzwischen hat Aserbaidschan eine enge Partnerschaft mit dem NATO-Mitglied Türkei geschmiedet und große Lieferungen fortschrittlicher Waffen aus Ankara erhalten, die ihm einen erheblichen Vorteil gegenüber seinem Nachbarn verschafft haben. Zugleich versuchen die USA, mit der Annäherung an Armenien noch mehr Druck auf die Türkei auszuüben, die bislang die westlichen Sanktionen gegen den Kreml nicht mittragen will. Washington spielt sehr kalkuliert mit der Armenien-Karte, um seine geopolitischen Interessen durchzusetzen. Was "Armeniens Sicherheit" betrifft, ist diese sekundär für das Weiße Haus. 

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