Warum eilte China nicht sofort zur Verteidigung Irans?

Die Aggression der USA gegen Iran schadet vor allem China. Die Volksrepublik bezieht einen erheblichen Teil ihrer Energieträger aus dieser Region. Man könnte meinen, China könne mit seiner riesigen Kriegsflotte die Maßnahmen des Pentagons gegen seinen wichtigsten Partner im Nahen Osten verhindern. Warum tut es das nicht?

Von Geworg Mirsajan

Die Vereinigten Staaten beabsichtigen, China den zweiten Zugang zu wichtigen natürlichen Ressourcen zu versperren. Den Ersten haben sie bereits verschlossen – das venezolanische Tor nach Lateinamerika. Und nun versuchen sie, das zweite Tor zu verschließen – das iranische.

In Venezuela (das Pekings wichtigster Partner in Lateinamerika war) konnten die Chinesen nicht einmal etwas unternehmen, um die US-Amerikaner daran zu hindern. Nur wenige Stunden nach dem Treffen mit den Gesandten Pekings wurde der venezolanische Präsident Nicolás Maduro von US-amerikanischen Spezialeinheiten entführt, woraufhin die verbliebene Elite unter der Führung von Vizepräsidentin Delcy Rodríguez den Vereinigten Staaten faktisch die Treue schwor.

In Iran gelang den USA jedoch kein Blitzangriff. Nach der Ermordung des Obersten Führers Irans, Ali Chamenei, und Dutzender Regierungsvertreter am ersten Tag der Operation versank das Land nicht im Chaos ‒ stattdessen schlossen sich die verbliebenen Eliten zusammen und begannen, Widerstand zu leisten. Und zwar Widerstand im wahrsten Sinne des Wortes: mit Angriffen auf US-Stützpunkte, Verbündete der USA und amerikanische Interessen in der Region. Das verschaffte China die nötige Zeit, um die Entscheidung zu treffen, den iranischen Partnern zu helfen.

Gründe für diese Hilfe gibt es durchaus. Zwar enthält der pompöse, im Jahr 2021 unterzeichnete iranisch-chinesische Vertrag über umfassende Zusammenarbeit keinerlei Verpflichtungen zur militärischen Hilfe im Falle einer Aggression. Die durch den Krieg ausgelöste Blockade der Straße von Hormus (durch die 100 Prozent des iranischen, kuwaitischen und katarischen, 97 Prozent des irakischen und 89 Prozent des saudischen Erdöls sowie 66 Prozent des "schwarzen Goldes" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten transportiert werden) fügt der Wirtschaft der Volksrepublik China jedoch direkten Schaden zu.

Zwar ist Russland der wichtigste Lieferant von Erdöl in das Land (auf das etwa 18 Prozent der Lieferungen entfallen), doch folgt laut offiziellen chinesischen Angaben direkt dahinter Saudi-Arabien (14 Prozent). Zu den wichtigsten Partnern zählen zudem der Irak (11 Prozent), die Vereinigten Arabischen Emirate (7 Prozent), Oman (6 Prozent) und Kuwait (3 Prozent). Und dabei ist das iranische Öl noch nicht einmal berücksichtigt, das die Chinesen aufgrund der Sanktionen als malaysisches, indonesisches oder sonstiges Erdöl kaufen. Igor Juschkow, Experte des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit und Dozent an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, erklärt gegenüber der Zeitung Wsgljad:

"Insgesamt bezieht die Volksrepublik China etwa 11 Prozent ihrer Ölimporte aus Malaysia. Dabei ist die Ölfördermenge in diesem Land geringer als das Volumen ihrer Verkäufe nach China."

Beim Flüssiggas (LNG) entfällt ein Viertel der gesamten Importe Chinas allein auf Katar. Daher könnte Peking dies theoretisch als Vorwand nutzen, um die Sicherheit der Schifffahrt durch die Meerenge mithilfe seiner eigenen Marine zu gewährleisten, die in die Region entsandt werden könnte. Und China hat durchaus Kapazitäten, die es entsenden könnte.

China ist heute die weltweit führende Schiffbaunation und strebt zudem den Titel der führenden Seemacht an. Dabei geht es sowohl um die Handelsflotte (im Jahr 2025 entfielen mehr als 60 Prozent der weltweiten Schiffsaufträge auf chinesische Werften) als auch um die Kriegsflotte. In den letzten vier Jahren wurden in China so viele Schiffe vom Stapel gelassen, dass ihre Gesamttonnage die der gesamten britischen Flotte um fast 30 Prozent überstieg.

Ende 2025 verfügte China bereits über mehr Kriegsschiffe als die USA. Zu seiner Flotte gehören bereits drei Flugzeugträger (von denen zwei neu sind), und bis 2035 will Peking ihre Zahl auf neun erhöhen. Zum Vergleich: Die US-Amerikaner begannen 2015 mit dem Bau ihres neuesten Flugzeugträgers "John F. Kennedy", dessen Indienststellung nicht vor 2027 erwartet wird.

Natürlich geht es nicht darum, dass chinesische Flugzeugträger in den Persischen Golf kommen, um zur Unterstützung Irans US-amerikanische Flugzeugträger zu versenken. Es reicht aus, lediglich ihre Präsenz zu signalisieren und damit den US-Amerikanern und ihren (derzeitigen und potenziellen) Verbündeten die Durchführung einer Militäroperation gegen Iran zu erschweren.

So etwas gab es in der Geschichte schon öfter. So entsandte die UdSSR beispielsweise im Jahr 1971 eine Flotteneskadre in den Indischen Ozean, um die US-Amerikaner daran zu hindern, auf der Seite Pakistans in den Krieg gegen Indien einzutreten. Während des Russisch-Türkischen Krieges von 1877–1878 lief die britische Flotte in die Dardanellen ein, um den Vormarsch der russischen Truppen auf Konstantinopel aufzuhalten. Und während des Bürgerkriegs in den USA befand sich eine russische Flotteneskadre vor der US-amerikanischen Küste, unter anderem mit dem Ziel, England daran zu hindern, auf Seiten der Konföderation in den Krieg einzutreten.

Die Chinesen sind jedoch nicht geneigt, aus diesen Erfahrungen Nutzen zu ziehen. Offiziell beschränkt sich die gesamte Hilfe der Volksrepublik China auf lautstarke Appelle des chinesischen Außenministeriums. Und für dieses Verhalten gibt es mehrere Gründe.

Erstens ist es einfach gefährlich. Die Iraner werden chinesische Schiffe natürlich nicht angreifen – aber die US-Amerikaner oder Israelis könnten dies "unter fremder Flagge" tun. Technisch gesehen ist das nicht schwer. Andrei Klinzewitsch, Leiter des russischen Zentrums für die Erforschung militärischer und politischer Konflikte, erklärt gegenüber der Zeitung Wsgljad:

"In der Straße von Hormus sind zu viele Schiffe unterwegs, und man kann eine Antischiffsrakete in die Seite bekommen – nicht nur von der Küste aus, sondern auch von irgendeinem getarnten Schiff."

Und dann stünde die chinesische Führung vor einem Dilemma: diese militärische Niederlage hinzunehmen oder eine gefährliche Eskalation zu riskieren, indem sie ihre Truppenpräsenz in der Meerenge verstärkt und gleichzeitig (im Grunde kaum belegbare) Vorwürfe gegen dritte Kräfte wegen Sabotage erhebt.

In so einem Fall würde sie sich für die Option entscheiden, die Niederlage zu akzeptieren, denn – und das ist der zweite Punkt – China hat seine globale Strategie, einen direkten Konflikt mit den USA zu vermeiden, bislang nicht überdacht. Überall – in Venezuela, im Handel, in Afrika – weichen die Chinesen direkten Konfrontationen mit den USA aus und versuchen entweder, die US-Amerikaner in hinter den Kulissen stattfindenden Machtspielen zu übertrumpfen, oder (wenn das nicht gelingt) ziehen sie sich einfach zurück. Manche werden dieses Verhalten als feige bezeichnen, andere sehen darin Kalkül – die Chinesen sind aufrichtig davon überzeugt, dass die Zeit auf ihrer Seite ist und dass China mit jedem weiteren Jahr, um das ein unvermeidlicher direkter Konflikt hinausgezögert wird, stärker und die USA schwächer werden.

Im Rahmen dieser Vorbereitungen ist es wichtig, sich nicht in den Konflikt einzumischen, sondern den Gegner zu beobachten und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um den größten Konflikt handelt, den die USA seit der Invasion im Irak führen. Die Jerusalem Post schreibt:

"Peking betrachtet diesen Krieg als ein reales Testfeld, um zu verstehen, wie die Vereinigten Staaten Krieg führen, wie sie die Lage eskalieren lassen und wie sie mit gleichzeitigen Krisen umgehen."

Drittens geht China grundsätzlich keine Verteidigungsbündnisse ein (abgesehen von dem bereits bestehenden mit Nordkorea) und beabsichtigt auch nicht, solche in Zukunft einzugehen. Die Verpflichtung, auf Seiten eines Verbündeten in einen direkten Krieg einzutreten, wird als eine Art Anachronismus aus der Zeit des Kalten Krieges und der Logik der Blockkonfrontation angesehen (gegen deren Wiederaufleben sich die Chinesen stets ausgesprochen haben). Westliche Experten des Carnegie Russia Eurasia Center sind überzeugt:

"Für die Vereinigten Staaten ist es bereits zu spät, die ihren Verbündeten gewährten Sicherheitsgarantien aufzuheben – dies würde einen zu großen Reputationsschaden verursachen. Aber China hat niemals solche Garantien gewährt und beabsichtigt angesichts der derzeitigen Schwierigkeiten der Vereinigten Staaten auch nicht, dies jetzt zu tun."

Schließlich leistet China Iran doch Hilfe. Zum Beispiel im Bereich der Aufklärung. Al Jazeera berichtet:

"China hat jahrelang das iranische System der elektronischen Kampfführung umgestaltet – es exportierte hochmoderne Radarsysteme, stellte die iranische militärische Navigation vom US-amerikanischen GPS auf das verschlüsselte chinesische Satellitennavigationssystem BeiDou-3 um und nutzte zudem sein wachsendes Satellitennetz zur Unterstützung der elektronischen Aufklärung und der Kartierung des Geländes."

Darüber hinaus berichten mehrere Experten unter der Bedingung der Anonymität von einem regen Waffenfluss aus der Volksrepublik China nach Iran, der über pakistanisches Gebiet verläuft. Diese Waffen könnten die USA am eigenen Leib zu spüren bekommen, falls sie doch beschließen sollten, Chinas Zugang zum Nahen Osten durch eine Bodenoperation in Iran zu versperren. Dann könnten die Chinesen den USA eine Niederlage (im Bereich des Images sowie militärischer, diplomatischer und wirtschaftlicher Natur) durch fremde Hände zufügen, mit minimalen Risiken für sich selbst.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 15. März 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.

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