Die Idee einiger europäischer Politiker, Truppen in die Ukraine zu schicken, erscheint nur auf dem Papier einfach. Diese Wertung gibt Stephen Bryen in seinem Kommentar für das Nachrichten- und Informations-Onlineportal Weapons Substack mit den Schwerpunkten Militär und Waffen ab. Bryen war unter anderem Assistent für politische Angelegenheiten beim stellvertretenden US-Verteidigungsminister Richard Perle zu Zeiten Ronald Reagans – und ist heute Präsident der US-Niederlassung des globalen Konzerns Leonardo (ehem. Finmeccanica), dem unter anderem zahlreiche italienische und französische Hightech- und Rüstungsunternehmen angehören. Bryen, obwohl somit selber per definitionem ein Rüstungslobbyist, dessen Geschäft letztlich von Krieg angekurbelt wird, übt harte Kritik am genannten Vorhaben, weil er befürchtet, die Sache könnte sehr schnell eskalieren.
Zunächst sieht er eine mögliche Strategie, die diese Politiker verfolgen könnten, in einem Versuch, die Westukraine zu sichern – in der Hoffnung, Russlands Streitkräfte würden zwar östlich des Flusses Dnepr Erfolg haben, es jedoch dabei belassen. Der ehemalige Politiker stellt schon die Ausgangslage eines solchen Unterfangens als sehr ungünstig dar:
"Frankreich, Großbritannien und möglicherweise auch andere europäische Länder arbeiten an einer neuen Idee, die darin besteht, europäische Truppen in den Konflikt zu schicken, um die Ukraine zu unterstützen. Nach dem jüngsten Stand würden sie die Truppen in die Westukraine entsenden.
Berichten zufolge ist eine Mission unterwegs in die Ukraine, die entscheiden soll, wo genau diese Kräfte disloziert werden sollen – falls man sie entsendet."
"Qual der Wahl" ist der Ausdruck, der sich als Beschreibung der Arbeit dieser Mission am ehesten aufdrängt, wenn man sich die von Bryen angeführten Argumente zu Gemüte führt – und zwar beileibe nicht in einem positiven Sinne. Denn laut ihm ist diese Initiative ohne die Unterstützung seitens der Luftwaffe und der Marine zum Scheitern verurteilt – und gerade deren Einsatz sieht er als höchst problematisch:
"Angesichts der mehrfach gestaffelten russischen Luftabwehr wären Kampfflugzeuge überall in der Nähe der Ostukraine verwundbar. Auch für Marinekräfte bestehen kaum Optionen – außer Odessa, doch Odessa liegt in unmittelbarer Raketenreichweite für Russland. Sowohl Frankreich als auch Großbritannien verfügen über Flugzeugträger, doch ob sie riskieren würden, sie so nah an Russland zu verlegen, ist höchst fraglich."
Damit enden die Probleme der Möchtegern-Gröfaze allerdings noch lange nicht. Bryen weiter:
"Doch Luftstreitkräfte und Marine würden Europa hier nur als zeitlich begrenzter Behelf nützen: Es wäre notwendig, auch Bodentruppen in der Westukraine zu dislozieren. Aber Europa verfügt nicht über die erforderlichen verlegbaren Truppen (und auch nicht über die nötigen Vorräte an Waffen), um dort viel größere Aufgebote zu dislozieren als lediglich für eine 'tripwire force' ausreichend."
"Tripwire force" ("Stolperdraht-Aufgebot") ist ein Ausdruck, dem im Deutschen eine ähnlich griffige Entsprechung fehlt – er bedeutet ein vergleichsweise kleines Militärkontingent, das vorgeschoben, entweder in unmittelbare Nähe gegnerischer Kräfte oder jedenfalls deutlich in Reichweite der Waffen des Gegners, positioniert wird. Im Falle eines Angriffs kann es sich zwar nur notdürftig verteidigen – doch ein Angriff auf dieses Aufgebot bietet der Seite, die es wie beschrieben disloziert oder stationiert hat, die Legitimation, größere Aufgebote in dessen Dislokationsgebiet zu verlegen oder auf sonstige Weise militärisch zu antworten. Zum Beispiel wurden gemäß diesem Konzept bis zuletzt in den drei baltischen Staaten kleinere Aufgebote anderer NATO-Verbündeter nahe Russlands Grenzen stationiert – erst neuerdings begann man mit der Stationierung auch größerer Kräfte dort.
Allerdings bedeuten die von Bryen beschriebenen Bedingungen, unter denen die "Willigen" unter den europäischen Mächten ihre Truppen etwa in den Westen der Ukraine entsenden würden, dass eine Reaktion auf einen etwaigen Angriff Russlands auf diese Truppen eben nicht mittels einer Verstärkung dieser Aufgebote mit weiteren Truppen stattfinden kann – denn sie fehlen ja ebenso wie das für sie notwendige Material. Somit deutet sich an, dass diese Mächte im Falle eines Falles anderweitig reagieren müssten – hier bieten sich eigentlich nur Angriffe auf Russlands Staatsgebiet mit Langstreckenwaffen aller Art an, mit allen daraus folgenden Konsequenzen.
In einem solchen Fall hätten Großbritannien, Frankreich und andere Teilnehmer dieser europäischen "Koalition der Willigen" – zur Erinnerung, allesamt NATO-Mitgliedsstaaten – also nur die Wahl, enormes Eskalationsrisiko im Pokerspiel mit der Atommacht Nummer 1, Russland, einzugehen oder aber sich militärisch wie außenpolitisch zu blamieren.
Denn Russland hatte bereits in der Vergangenheit angekündigt, an einem solchen "Stolperdraht" sofort beherzt ziehen zu wollen – also diese Truppen proaktiv anzugreifen, selbst wenn sie nicht an der vordersten Front kämpfen. In einem Interview an das französische BFMTV warnte Pjotr Tolstoi, stellvertretender Vorsitzender der Russischen Staatsduma:
"Wir werden alle französischen Soldaten töten, die im Staatsgebiet der Ukraine ankommen werden.
Alle.
Die Idee, französische Soldaten in die Ukraine zu entsenden, wird bei ihrer Umsetzung nur die folgende Konsequenz haben: Auf dem Pariser Flughafen Orly werden Särge ankommen, mit französischen Flaggen drapiert. Und es wird nicht Macron sein, der sie dann abholen kommt. Die Franzosen müssen die Konsequenzen verstehen.
Ihr, diejenigen unter den Franzosen, die ihr eine Entsendung von Soldaten nach Odessa wünscht: Ihr provoziert einen dritten Weltkrieg."
Indes sieht Bryen nicht einmal hier das Ende der Gefahren, denen die europäischen Zündler mit ihrem Vorhaben den Frieden und die Sicherheit in Europa und weltweit aussetzen:
"Die Europäer müssten auch Widerstand von den Russen erwarten – diese könnten sich durchaus entschließen, Aufmarschgebiete und Versorgungsdepots in Polen und Rumänien anzugreifen."
Nochmals: Selbst unabhängig davon, ob und wann Russland die gegebenenfalls in der Westukraine zu stationierenden Truppen der "Koalition der Willigen" angreifen würde, wäre infolge einer solchen Stationierung mit einer Ausweitung des Ukraine-Konflikts auf das Staatsgebiet mindestens zweier NATO-Mitglieder zu rechnen. Nicht verwunderlich daher, dass Macrons und Starmers Pläne bei diesen nicht gerade auf Begeisterung stoßen. Bryen weiter:
"Frankreich und das Vereinigte Königreich würden Polens Unterstützung benötigen, doch Polens Zuständige zeigen nicht viel Enthusiasmus, sich zu beteiligen."
Nach dem Gipfeltreffen der "Koalition der Willigen" am 27. März 2025 in Paris erklärte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, mehrere Koalitionsmitglieder planten die Entsendung einer Abschreckungstruppe in die Ukraine. Wie der französische Staatschef betonte, werde die Initiative von Paris und London die ukrainischen Truppen nicht ersetzen und die Abschreckungskräfte würden nicht zu Friedenstruppen werden. Ihr Zweck werde die Eindämmung Russlands sein und sie werden an strategischen Standorten stationiert, die mit den Ukrainern im Voraus abgesprochen werden würden. Macron merkte an, dass nicht alle mit der Initiative einverstanden seien, dies sei jedoch für ihre Umsetzung nicht notwendig.
Florian Philippot, Vorsitzender der französischen Patriotenpartei, schrieb im sozialen Netzwerk X, die Aussage von Wladimir Selenskij über das bevorstehende Treffen mit Vertretern einiger Länder deute auf eine Weiterentwicklung der Idee hin, Truppen in die Ukraine zu entsenden.
Am Vortag hatte das Oberhaupt des Kiewer Regimes angekündigt, dass es am Freitag zu einem Treffen mit Vertretern eines "engen Kreises von Ländern" kommen werde, die bereit seien, ihr Militärpersonal für ein solches Vorhaben bereitzustellen. Philippot hierzu wörtlich:
"Achtung Krieg!
In der Zwischenzeit arbeiten sie mit Hochdruck daran, französische Truppen in die Ukraine gegen Russland zu schicken.
Die EU und Macron streben den Krieg an!
Der Frieden ist es, der nun eine große landesweite Demonstration rechtfertigt! Der Frieden! Denn wir sprechen hier von der Zukunft aller.
Sollen wir jetzt weitere Milliarden und Waffen an die Ukraine schicken, sollen Söhne Frankreichs sich für Macron, Ursula, Selenskij, BlackRock und die Globalisten das Fell durchlöchern lassen?! Ich weigere mich! Wir werden nicht einmal klein beigeben!"
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