Erdöl-Sanktionen: Dank griechischer Reeder fließen Russlands Exporte weiter

Angesichts der antirussischen Sanktionen beim Erdölhandel wird meist die von Moskau geschaffene "Schattenflotte von Tankschiffen" als die Rettung in der Not bezeichnet. Doch mehr als die Hälfte der russischen Ölexporte übernehmen in Wirklichkeit Reedereien aus Griechenland, die mit ihren Tankerflotten den weltweiten Öltransport ohnehin dominieren.

Von Alex Männer

Im vergangenen Jahr haben die USA, Großbritannien und die Mitglieder der Europäischen Union eine Reihe von Sanktionen gegen Russland unter anderem im Erdölsektor eingeführt, wodurch den russischen Öltankern der Zugang zu europäischen und zahlreichen anderen Häfen der Welt verboten wurde. Damit sollte eine Lieferung per Schiff unmöglich gemacht und der russische Ölexport mehr oder weniger zum Erliegen gebracht werden.

Ungeachtet dieser und anderen Maßnahmen schaffen es die Russen, ihre Energieressourcen auf den Weltmärkten weiterhin abzusetzen, und scheinen ihre Ausfuhren von Rohöl mittlerweile sogar deutlich gesteigert zu haben. Diese erreichten nach Medienangaben den höchsten Wert seit drei Jahren und haben etwa im April die hohe Marke von vier Millionen Barrel pro Tag überschritten.

Dass das Geschäft mit russischem Erdöl offenbar weiterhin boomt, wird meist mit der sogenannten "Schattenflotte von Tankern" erklärt, die Russland durch den verdeckten Aufkauf von hunderten zum Teil alten Tankschiffen im vergangenen Jahr aufgebaut hatte. In der Tat kann Russland durch den Einsatz der "Schattenflotte" – und auch durch andere Tricks – die Herkunft des Öls zumeist geheim halten und die Sanktionen damit umgehen. Allerdings kann diese Flotte bei Weitem nicht alle russischen Lieferungen umsetzen. Zumal diese nicht immer einfach zu bewerkstelligen sind, da der globale Versicherungsmarkt für Seetransporte von US-amerikanischen und britischen Unternehmen dominiert wird. Immerhin handelt es sich um riesige Öltanker, und nicht um kleine Fracht- oder Fischereischiffe.

Die logistische Schlüsselrolle bei den Ölausfuhren aus Russland kommt deshalb den griechischen Reedern zu, die die größte Tankerflotte der Welt besitzen und ohne die in der weltweiten Schifffahrt eigentlich gar nichts läuft. Sie hatten zudem stets einen großen Anteil an russischen Lieferungen und haben ihre Kapazitäten angesichts des Krieges in der Ukraine sogar ausgebaut. Wurden vor Kriegsbeginn gemäß Berechnungen des International Institut of Finance etwa 35 Prozent der russischen Ölexporte durch griechische Schiffe transportiert, ist dieser Anteil inzwischen auf mehr als die Hälfte angewachsen. Auch in den vergangenen Monaten lag die Exportmenge an russischem Öl deutlich über dem Durchschnitt der Vorjahre.

Laut russischen Experten sind die Reedereien aus Griechenland für Moskau unter anderem deshalb von entscheidender Bedeutung, weil sie ein Transportsystem für Erdöl und damit vermutlich im Grunde auch ein Regulierungssystem geschaffen haben, das der Westen nicht kontrollieren kann. Denn zum einen sind die daran beteiligten Transportunternehmen nicht in Griechenland, sondern auf Zypern, Malta und anderswo ansässig. Und zum anderen fahren die meisten ihrer Tanker nicht unter griechischer Flagge. Mit Blick auf die Befolgung von Sanktionen ist es für die US-Amerikaner oder die Europäer daher äußerst schwierig, einen Überblick zu bekommen und zum Beispiel genau zu bestimmen, woher das transportierte Öl tatsächlich kommt und wer der wahre Besitzer ist.

So macht dieses Schema es nicht nur möglich, dass das sanktionierte Öl in diejenigen Länder geliefert wird, die sich nicht an besagten Sanktionen beteiligen, sondern auch in solche Staaten, die Ölimporte aus Russland offiziell ablehnen. Zumindest noch vor einem Jahr haben die russischen Mineralölkonzerne Lukoil und Rosneft ihre Ölgeschäfte auf diese Weise ungehindert über europäische Häfen abgewickelt.

Des Weiteren berichtete die US-Zeitung The Wall Street Journal kürzlich, dass Russland seine Öllieferungen an seine wichtigsten Kunden in den letzten Wochen erhöht und seine vermeintliche Isolation auf den Weltmärkten damit erneut infrage gestellt haben soll. Dabei wird betont, dass das "Ziel" dieser Lieferung in den entsprechenden Beförderungspapieren für den Transport meist mit "unbekannt" angegeben werde, wodurch ein undurchsichtiger Markt entstehe und der Verkäufer dieses Öls dadurch verborgen bleibe. Zum Beispiel hätten die Russen im April mehr als elf Millionen Barrel in Tanker geladen, für die keine offizielle Route vorgesehen sei, heißt es unter Berufung auf Branchenakteure.

Ein unbekanntes Ziel sei nach Ansicht von Analysten und Händlern, so das Wall Street Journal, ein Zeichen dafür, dass das Öl irgendwo auf See umgeladen per Frachter als Gütertransport weiter befördert wird, um seinen Herkunftsort zu verschleiern. Das sei eine altbewährte Vorgehensweise, die Exporte aus sanktionierten Ländern ermöglicht.

In diesem Zusammenhang hatte Bloomberg zuvor gemeldet, dass mithilfe der griechischen Reeder russisches Rohöl und Kraftstoffe nur wenige Kilometer vor der Küste Griechenlands in den internationalen Gewässern von einem Tanker auf andere umgeladen und mit Öl aus anderen Ländern vermischt worden seien, um die westlichen Sanktionen zu umgehen. Allein im Januar und Februar dieses Jahres sollen es insgesamt etwa 23 Millionen Barrel gewesen sein, so die Agentur.

Durch die Vermischung entstehen quasi neue Marken, die auf den Weltmärkten angeboten werden. Händlern zufolge gibt es bereits mehrere neue Sorten von Erdölprodukten, wie zum Beispiel den "Lettland-Mix", der zwar eine beträchtliche Menge an russischem Öl enthält, allerdings nicht mehr als eine durch Russland gehandelte Ölsorte gilt. Damit kann diese Ölmischung ohne Rücksicht auf Sanktionen zu Preisen verkauft werden, die weit über der von den USA und der EU festgelegten Preisobergrenze für russisches Öl von 60 Dollar liegen.

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