Die besten NATO-Panzer für die Ukraine: Was bedeuten sie auf dem Schlachtfeld?

Die Ukraine wird vom Westen bekommen, was aus Kiew vom Westen verlangt wurde. Und es gibt allen Grund zu der Annahme, dass Kiew früher oder später nicht nur die dringend benötigten westlichen Kampfpanzer erhalten wird, sondern noch vieles mehr. Aber wird das ausreichen?

Eine Analyse von Michail Chodarjonok

Die Panzerlieferungen durch NATO-Mitglieder an die Ukraine wurden zur Top-Nachricht in dieser Woche. Kiew forderte diese Waffen schon seit Beginn der russischen Offensive von seinen westlichen Sponsoren, und es sieht so aus, als ob diese Forderung jetzt, elf Monate nach Beginn der Kampfhandlungen, erfüllt wird.

Die USA haben angekündigt, 31 Kampfpanzer vom Typ Abrams zu entsenden. In einer kurzfristig angesetzten Ansprache am vergangenen Mittwoch, wies Präsident Joe Biden darauf hin, dass diese Panzer kompliziert zu bedienen und zu warten seien. Deshalb werden die USA nach Kiew auch "Ersatzteile und Ausrüstung liefern, die erforderlich sind, um diese Panzer effektiv auf dem Schlachtfeld im Einsatz zu halten".

Am selben Tag wurde auch bestätigt, dass die deutsche Regierung Panzer vom Typ Leopard 2A6 aus eigenen Beständen schicken werde und auch anderen Nationen wie Polen erlauben will, in Deutschland hergestellte Panzer an die Ukraine zu transferieren. Bereits am 14. Januar kündigte London Pläne an, eigene Panzer vom Typ Challenger 2 nach Kiew zu liefern, während es nun unvermeidlich scheint, dass Paris mit französischen Panzern vom Typ AMX-56 Leclerc nachziehen wird.

Russische Experten und Journalisten verwickelten sich derweil in hitzige Debatten über die Unterschiede zwischen diesen westlichen Kampfpanzern und den russischen, man verglich Panzerung, Geschütze, Präzision, aktive und passive Schutzsysteme, Manövrierfähigkeit, Feuerleitsysteme, Munition und viele andere Attribute. Letztlich fehlt diesen Diskussionen aber jeglicher praktischer Nutzen. Das Schlachtfeld ist der einzige Lackmus-Test für die Vor- und Nachteile jeder Art von Waffen oder militärischer Ausrüstung. Nur zuverlässige Statistiken über den Kampfeinsatz sind das, was eine vergleichende Analyse moderner Kampfpanzer braucht, wenn sie glaubwürdig sein soll. Eine andere Sache, an die man sich erinnern sollte, ist, dass alle Panzer anfällig für moderne Panzerabwehrsysteme sind. Die Frage ist also, wie viele NATO-Panzer ihren Weg in die Ukraine finden und wie viele davon überleben werden.

Wie viele Panzer braucht Kiew?

Um diese Berechnungen zu vereinfachen, verwenden wir als Maßstab eine Panzerdivision, die wichtigste strukturelle und taktische Einheit der Panzertruppen in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Laut sowjetischen Handbüchern umfasst eine Panzerdivision 296 Panzer, 230 Schützenpanzer, 54 selbstfahrende Artilleriesysteme, über 2.000 Fahrzeuge und 12.000 Soldaten und Offiziere.

Wie viele Divisionen braucht Kiew? Mindestens eine an jeder der drei Hauptfronten – also in Lugansk, Donezk und Saporoschje. Die Frontlinie in der militärischen Einsatzzone ist derzeit 815 km lang, wodurch drei Divisionen sehr bescheiden sind, um effektiv etwas zu bewirken. Aber lassen wir dies vorerst außer Acht.

Drei Panzerdivisionen hätten also insgesamt etwa 900 Panzer. Abgesehen davon könnte eine weitere Panzerdivision an der weißrussischen Front erforderlich sein, die in sehr heftige Kämpfe verwickelt werden könnte. Kommt es dort zu einer Eskalation, ist eine Panzerdivision oder eine ähnliche Reserveeinheit ein Muss, was die Zahl der benötigten Panzer um weitere 300 auf 1.200 in die Höhe treibt. Schließlich kann kein Oberbefehlshaber auf seine Reserve, die sogenannte Reserve des Oberkommandos, verzichten. Ohne mindestens eine Panzerdivision kann keine Einheit wirklich als eine solche Reserve gelten, was weitere 300 Panzer für die erforderliche Gesamtzahl von 1.500 Panzer bedeutet.

Andere zu berücksichtigende Faktoren sind die wahrscheinlichen ukrainischen Verluste während der Offensivoperationen. Die durchschnittlichen Tagesverluste einer gepanzerten Einheit liegen in diesem Fall bei zehn bis fünfzehn Prozent. Etwa fünfzehn bis zwanzig Prozent der funktionsunfähig gewordenen Panzer sind in der Regel unwiederbringliche Verluste, während der Rest repariert werden kann und muss, mit einer allgemeinen Wartung für dreißig bis fünfzig Prozent der Panzer, mit mittleren Reparaturen für fünfzehn bis dreißig Prozent und für zehn bis zwanzig Prozent eine Überholung. Vereinfacht gesagt sind mindestens weitere 300 Panzer erforderlich, um Verluste während der Kampfhandlungen auszugleichen. Daraus ergibt sich eine Gesamtzahl von 1.800 Panzer, was als absolutes Minimum zu betrachten ist.

Dies sind sehr ungefähre und etwas vereinfachte Berechnungen, aber sie geben uns eine ungefähre Vorstellung der Dimensionen.

Wie viele Panzer wird Kiew bekommen?

Bisher haben die Staaten der NATO Dutzende von Panzern für die Ukraine vorgesehen. Aber diese sind nur ein Bruchteil des eben abgeschätzten, hypothetisch benötigten Minimums. Großbritannien und Polen haben offiziell je eine Panzerkompanie, bestehend aus bis zu 14 Panzern, zugesagt. Deutschland wird eine ähnliche Anzahl liefern, während die USA die Lieferung von 31 schweren Abrams-Kampfpanzern vorbereiten.

Bei einem kürzlichen Treffen der US-geführten Kontaktgruppe auf der Ramstein Air Base in Deutschland diskutierten Offizielle aus zwölf Ländern laut einem ABC-Report die Entsendung von insgesamt etwa 100 Panzern nach Kiew, falls man in Berlin grünes Licht geben würde – was Deutschland inzwischen getan hat. Rheinmetall könnte zusätzlich insgesamt 139 Panzer in die Ukraine liefern, darunter 88 Leopard 1 und 51 Leopard 2A4. Doch der deutsche Hersteller räumt auch ein, dass nur 29 davon noch vor Sommer 2023 ausgeliefert werden können.

Welche Auswirkungen werden die Panzer der NATO haben?

Werden wir all diese Panzer in absehbarer Zeit in Gefechten sehen? Betrachten wir das Beispiel des M1 Abrams, der als eines der Symbole der US-Militärmacht gilt.

Eine geringe Anzahl dieser Panzer, die mit schlecht ausgebildeten Besatzungen besetzt sind und denen es an umfassender Wartung und Unterstützung einer Versorgungslogistik fehlt, würde höchstwahrscheinlich zu negativen Ergebnissen führen. Man wird es damit nicht schaffen, das Schicksal der Ukraine auf dem Schlachtfeld zu beeinflussen, während hingegen Bilder von brennenden amerikanischen Panzern wahrscheinlich eine gewisse Wirkung auf die öffentliche Meinung in den USA haben würden. Gleichzeitig würde damit eine der besten Waffen der USA, der größte Stolz ihrer Verteidigungsindustrie, für lange Zeit gedemütigt. Auch das kann das Pentagon unter keinen Umständen zulassen. Daher müssen Bergungsteams, Einheiten für die Panzerreparatur und Vorräte an Ersatzteilen vor Ort sein, bevor überhaupt ein Abrams-Panzer zu einem tatsächlichen Kampfeinsatz kommen kann, während die ukrainischen Besatzungen noch eine anspruchsvolle Ausbildung im Umgang mit dem amerikanischen Panzertyp erhalten müssen.

Nicht zuletzt muss bereits der erste Einsatz von US-Kampfpanzern in der Ukraine unbedingt von einem bedeutenden Erfolg der ukrainischen Armee, zumindest auf taktischer Ebene, begleitet werden, was nicht weniger als 200 bis 300 – wohl eher sogar 400 bis 500 – Panzer erfordern würde. Andernfalls ergibt die Lieferung des M1 Abrams an die Ukraine weder militärisch noch politisch einen Sinn. Der Ukraine jeweils eine Kompanie im Umfang von 10 bis 15 Panzer zu übereignen, wird nur dazu führen, dass diese Ausrüstung auf dem Schlachtfeld brennen wird, ohne zuvor nennenswerte Auswirkungen auf den Kriegsverlauf gehabt zu haben oder überhaupt die Aufmerksamkeit von irgendjemandem zu erregen.

Bisher hatte Russland, nach den bisher bekannt gewordenen Daten, keine nennenswerten Probleme bei Begegnungen mit feindlicher Ausrüstung. Darin scheinen sich sowohl das russische Verteidigungsministerium als auch die meisten westlichen Analysten einig zu sein. Laut Generalleutnant Igor Konaschenkow, dem Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, haben die russischen Streitkräfte seit Beginn der Militäroperation 376 Flugzeuge, 203 Hubschrauber, 2.944 Drohnen, 402 Flugabwehrsysteme, 988 Raketenwerfer-Systeme und 3.898 Feldartilleriegeschütze und Mörser zerstört – und ebenso übrigens auch 7.614 Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge.

Kein Raum für Selbstzufriedenheit

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die ersten beiden westlichen Panzerkompanien als Ausbildungseinheiten für die ukrainischen Besatzungen eingesetzt werden, während Polen zunächst Wartungs- und Reparaturkapazitäten für die Wartung deutscher oder amerikanischer Panzer bereitstellt. Man sollte jedoch nicht erwarten, dass sich dieses Training tatsächlich über einen sehr langen Zeitraum hinziehen wird. Es kann nur wenige Wochen brauchen, um ein vollständiges Trainingsprogramm zu absolvieren, während die Umschulung ukrainischer Besatzungen von den sowjetischen T-64 und T-84 auf US-amerikanische M1 Abrams oder deutsche Leopard 2A5 in wenigen Tagen abgeschlossen sein könnte.

Was in den Berichten über die Panzerlieferungen des Westens an die Ukraine zählt, sind weniger die Panzer selbst als vielmehr der Bruch eines Tabus, das nämlich bis vor Kurzem noch die Verbringung schwerer gepanzerter Fahrzeuge westlicher Produktion in die Ukraine verbot. Und nachdem nun dieses Tabu gebrochen wurde, gibt es allen Grund zu der Annahme, dass Kiew früher oder später nicht nur die dringend benötigten 1.800 westlichen Kampfpanzer erhalten wird, sondern noch vieles mehr.

Ab dem Zeitpunkt, vielleicht sogar schon früher, würde die Ukraine dann beispielsweise in der Lage sein, eine Stoßtruppe an der Saporoschje-Front aufzustellen. Wenn es einer solchen Truppe gelingen sollte, die russische Verteidigung zu durchbrechen, könnte sie die 82 Kilometer nach Melitopol in weniger als drei Tagen zurücklegen, was die gesamte Tiefe der russischen Verteidigung in dieser Region zerlegen würde.

Vor diesem Hintergrund müssen die russischen Streitkräfte greifbare militärische und politische Ergebnisse erzielen, und zwar lange bevor die westlichen Waffenlieferungen ihr volles Potenzial entfalten können.

Übersetzt aus dem Englischen.

Michail Chodarjonok ist pensionierter Oberst und Spezialist für Luftverteidigung, jetzt als Militärkommentator tätig. Als Oberst im Ruhestand diente er in der Hauptdirektion des Generalstabs der russischen Streitkräfte. Er absolvierte die Minsker Ingenieurschule für Flugabwehrraketenabwehr (1976) und die Führungsakademie der Luftabwehrtruppen (1986). Zudem war er leitender Offizier des Oberkommandos der sowjetisch-russischen Luftabwehrkräfte (1988-1992), Offizier in der Hauptverwaltung des russischen Generalstabs der Streitkräfte (1992-2000) und Absolvent der Militärakademie des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation (1998). Zwischen 2010 und 2015 war er Chefredakteur des russischen Militär-Fachblatts Kurier der Militärindustrie.

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