Kurioser Effekt der Energiekrise: Ab 2030 droht womöglich Gas-Überversorgung

Die Energiekrise könnte ab 2030 zu einem kuriosen Effekt führen: Da viele Staaten nun sehr schnell auf klimaschädliches Flüssiggas setzen, schieben sie damit die Produktion an. Und weil tendenziell mehr produziert wird als benötigt, könnte es ab 2030 zu einer Gas-Überversorgung kommen.

In der gegenwärtigen Energiekrise setzen viele Staaten in kürzester Zeit auf mehr klimaschädliches Flüssiggas. Damit schieben sie auch die Produktion an, was wiederum zu einem kuriosen Effekt führen könnte: Womöglich gibt es in weniger als einem Jahrzehnt eine Gas-Überversorgung. Wie es in einer Analyse des Climate Action Tracker heißt, die am Donnerstag auf der UN-Klimakonferenz in Scharm el-Scheich vorgestellt wurde, könnte die Überversorgung schon 2030 auf das Fünffache der Gasmenge anschwellen, die die gesamte EU 2021 aus Russland importiert hat.

Wie mehrere Naturschutzorganisationen mitteilten, planen etwa 96 Prozent der knapp 700 relevanten Öl- und Gasfirmen, die in der öffentlichen Datenbank "Global Oil & Gas Exit List" (GOGEL) erfasst sind, ihre Produktion auszuweiten. Seit dem letzten Daten-Update 2021 nahmen den Angaben zufolge die kurzfristigen Expansionspläne der Branche um 20 Prozent zu.

Außerdem unternähmen 512 Öl- und Gasfirmen bereits innerhalb der nächsten ein bis sieben Jahre aktive Schritte, um 230 Milliarden Barrel Öl-Äquivalent an bislang unerschlossenen Ressourcen in die Produktion zu bringen. Bei der Förderung und Verbrennung würden in etwa 30-mal so viel Treibhausgas freigesetzt wie durch die jährliche Emission der EU-Staaten.

Umweltschützer reagierten zudem empört darauf, dass bei der Konferenz 636 Lobbyisten für Öl, Gas und Kohle registriert sind – 25 Prozent mehr als im vergangenen Jahr in Schottland. Demnach haben insgesamt 29 der etwa 200 vertretenen Staaten Öl-, Gas- oder Kohle-Lobbyisten in ihren Delegationen. Laut der Umweltorganisation "Global Witness" und der NGO "Corporate Europe Observatory" sind diese stärker vertreten als die zehn am meisten vom Klimawandel betroffenen Staaten. Ein Sprecher der Organisationen bezeichnete die Anwesenheit der Lobbyisten als "schlechten Witz":

"Tabaklobbyisten wären schließlich auch nicht bei Gesundheitskonferenzen willkommen, und Waffenhändler nicht bei Friedenskonferenzen."

(rt/dpa)

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