Sicherheitsexperte Krause: Auch eine 'Rumpf'-Ukraine sollte in die NATO aufgenommen werden

Die Erweiterung der NATO um Finnland und Schweden könnte nur Auftakt dafür sein, auch die Ukraine auf Biegen und Brechen in das westliche Militärbündnis zu holen. Die russischen Sicherheitsinteressen werden dabei negiert, eine Teilung der Ukraine ist aber bereits einkalkuliert.

Eine Analyse von Mirko Lehmann

Joachim Krause, emeritierter Politik-Professor an der Universität Kiel und Direktor des dortigen "Instituts für Sicherheitspolitik", wurde vom Deutschlandfunk zur Erweiterung der NATO befragt. Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer erlangte Krause um die Jahreswende 2018/19 eine gewisse zusätzliche Bekanntheit, als herauskam, dass er zu einem weitgehend verdeckt operierenden, britischen Netzwerk von Einflussagenten gehört, das Politik und öffentliche oder zu veröffentlichende Meinung im antirussischen Sinne lenken soll.

"Strategische Tiefe"

So waren die meisten Äußerungen Krauses auch wenig überraschend oder gar spektakulär, sondern sie wiederholten die längst bekannten antirussischen Gemeinplätze. Im ersten Teil des Interviews äußerte sich Krause zur anstehenden Norderweiterung der NATO um die beiden skandinavischen Länder Schweden und Finnland. Krause behauptete, Helsinki befasse sich schon längere Zeit mit der "Möglichkeit einer russischen Invasion" und müsse einen neuen "Winterkrieg" (wie 1939/40) befürchten, der für Finnland diesmal ungünstiger als damals verlaufen würde. Allerdings böten die neuen Mitglieder Schweden und Finnland der NATO die Möglichkeit, eine größere "strategische Tiefe" zu erlangen – durch die das Baltikum im Falle eines Falles "verteidigt" werden könne, was gegenwärtig effektiv gar nicht der Fall sei. Dass eben diese "strategische Tiefe" auch für eine Offensive, also einen Aufmarsch, genutzt werden könnte, überging Krause selbstverständlich.

Krause meinte, die Zeit der "Nordischen Balance" sowie die "Gewissheit, dass Russland sich gewissen Restriktionen unterwerfen würde", sei angeblich vorbei. Russlands Verlangen nach Sicherheitsgarantien vom Westen Ende 2021 sei der Forderung nach einer "Kapitulation" der NATO gleichgekommen. Die russischen Sorgen seien zudem ja völlig unberechtigt und aus der Luft gegriffen. Denn auch nach dem Beitritt der beiden nordischen Staaten würde die NATO

"keine offensiven Systeme an der Grenze zu Russland aufstellen, von denen Russland nun befürchten muss, dass sie in russisches Territorium eindringen. Insofern ist dieses Argument der Einkreisung immer etwas merkwürdig. Vor allen Dingen ein Land von der Größe Russlands lässt sich nicht einkreisen. Das ist einfach von der Geographie her völlig abwegig."

Wohlgemerkt: "keine offensiven Systeme" – welche das auch immer sein mögen – von denen Krause schlicht behauptet, dass Moskau sich nicht vor ihnen fürchten müsse. Das dürften russische Militärs und Sicherheitsexperten aus leider schlechtem Grund anders sehen.

Russische Invasionspläne?

Sodann beschuldigte Krause Moskau, ja selbst die Schuld an der Norderweiterung der NATO zu tragen, da es angeblich auch dort aggressive Pläne gegen seine Nachbarn hege:

"Aber es ist klar: Für Russland, welches eben offensive Pläne hat gegenüber seinen Nachbarstaaten, also Invasionspläne, wird es dadurch schwieriger werden, diese Invasionen umzusetzen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass die Russen ernsthaft fürchten müssen, dass jetzt vom NATO-Gebiet aus offensive Angriffe gegen sie vorgenommen werden. Das hat es bisher [lacht] noch nicht gegeben, und das wird es auch nicht geben, weil: Die NATO ist ein defensives Bündnis."

Wie üblich, nannte Krause auch keine Belege für solche angeblich existierenden russischen Pläne, wenn man einmal von dem stereotypen Verweis auf die russische Militäroperation in der Ukraine absieht, die scheinbar für alles herhalten muss. Für wie "defensiv" die NATO-Staaten zu halten sind, wird man in Moskau spätestens seit dem Jugoslawienkrieg von 1999 anders sehen – die anderen westlichen Kriege und Militärinterventionen der vergangenen 30 Jahre einmal beiseitegelassen.

Möglicher Waffenstillstand in der Ukraine – und wie er zu nutzen wäre

Auf die Möglichkeit einer Erweiterung der NATO um andere Staaten angesprochen, kam Krause schließlich auf die Ukraine zu sprechen, die seit einiger Zeit im Fokus der antirussischen NATO-Politik steht:

"Die entscheidende Frage, die ist ja gar nicht Georgien, sondern: Was passiert eigentlich mit der Ukraine? Nehmen wir mal an, es gäbe einen Waffenstillstand. Dann wird dieser nicht von langer Dauer sein, weil Russland versuchen wird, sich sozusagen wieder neu zu rüsten und den Krieg zu einem Ende zu führen."

Nicht nur, dass Krause verschweigt, wie die westlichen Waffenlieferungen und westliche Söldner und Militärinstrukteure in der Ukraine einen baldigen Waffenstillstand in weite Ferne aufschieben sollen. Sondern ein "Sicherheitsexperte" wie er unterstellt Moskau, an einer Waffenruhe einfach gar kein Interesse zu haben. Und daher müsse man die Ukraine – oder was von ihr sozusagen noch übrig bleibt – so schnell wie möglich doch noch Moskau wegschnappen:

"Und da wird sich die Frage stellen: Soll man die Ukraine – und sei es auch nur eine geographisch beschnittene Ukraine – in die NATO aufnehmen oder nicht. Das wäre meines Erachtens die entscheidende Frage. Ich bin der Meinung, dass man diese Frage stellen und auch positiv beantworten muss, weil: Sonst wird's um die Ukraine keinen Frieden geben."

"Gedöns" und "Propaganda-Mist"

Wie hübsch formuliert: "… geographisch beschnitten …" Das bedeutet erstens, dass transatlantische "Sicherheitsexperten" vom Schlage eines Krause – und wohl auch deren Auftraggeber – bereits mit einer Teilung der Ukraine rechnen. Woraus für sie wiederum zweitens folgt, diejenigen Teile der Ukraine, die dann nicht unter russischem Einfluss stehen werden, unverzüglich dem westlichen Kriegsbündnis einzuverleiben. Die Aufnahme Schwedens und Finnlands im Eiltempo in die NATO dürfte für die Erweiterung durch die Aufnahme dieser Ukraine eine Art Generalprobe darstellen. Denn Krause gibt sich überzeugt:

"Die Russen werden nicht nachgeben. Und dieses ganze Gedöns von der Einkreisung Russlands ist – wie gesagt – reiner Propaganda-Mist. Und ich glaube, ernsthafte Militärs in Russland werden abwinken, wenn man sie darauf anspricht, weil: Das hat keinerlei reale Fundierung. Russland ist zu groß, um eingekreist zu werden. Aber Russland meint, es muss sich auf Kosten anderer Staaten seine Sicherheit gewährleisten."

Daraus könnte im Umkehrschluss folgen, dass Moskau tatsächlich möglichst weite Teile der Ukraine unter seine Kontrolle – welche Form diese Kontrolle auch immer annehmen würde – bringen muss, will es diesen einen Zweck der Militäroperation in der Ukraine erreichen, nämlich die NATO auf Abstand zu halten. Joachim Krause gibt also indirekt zu, dass es sich eben nicht um "Gedöns" handelt, wenn Moskau das Heranrücken der NATO an seine Grenzen beklagt. Weitere 1.400 Kilometer Grenze mit der NATO im Falle Finnlands und sicher auch gut tausend Kilometer Grenze zur NATO-Ukraine (wie auch immer sie aufgeteilt sein könnte) – das soll keine Einkreisung darstellen? Wen möchte Professor Krause für dumm verkaufen? Wohl kaum die von ihm zitierten russischen Militärs, die eine konkrete Vorstellung von Vorwarnzeiten für Atomraketen haben und seit Jahren – nach Aufkündigung des INF-Vertrages durch die USA – die Dislozierung der mit atomaren Mittelstreckenwaffen wie den Tomahawk bestückbaren Mk 41-Abschussanlagen in Polen und Rumänien kritisieren. Genau dieses Abwiegeln seitens Washingtons und Brüssels hatte Moskau Ende 2021 zu dem vorerst letzten Versuch bewegt, doch noch vom Westen grünes Licht für gegenseitige neuerliche Sicherheitsgarantien zu erhalten. Wie bekannt leider vergebens.

Die offenkundig im Westen kaltblütig antizipierte Teilung der Ukraine in einen NATO-beherrschten und einen mit Russland verbundenen Teil sollte gerade in Deutschland Erinnerungen an die nach 1945 maßgeblich von den US-geführten Westalliierten aktiv vorangetriebene deutsche Teilung hervorrufen.

Dass die nur als 'Unsicherheitsexperten' zu qualifizierenden Einflussagenten der antirussischen "Integrity Initiative" keine Ruhe geben werden, zeigt den kritischen Beobachtern in der Öffentlichkeit, wie berechtigt ihre Sorgen vor der US-dominierten NATO sind, die mehr denn je eine Gefahr für den Weltfrieden darstellt.

Mehr zum ThemaHintergründe des finnischen Drängens in die NATO