Libyen-Konflikt: Warum wendet sich die Türkei der Familie von Gaddafi zu?

Einer der Söhne des früheren Staatschefs al-Gaddafi wurde kürzlich aus einem libyschen Gefängnis freigelassen. As-Saadi verließ das Land daraufhin in Richtung Istanbul. Die Türkei soll darauf abzielen, eine Allianz zwischen der Muslimbruderschaft und Gaddafi-Anhängern zu bilden, um den Einfluss des mächtigen Generals Haftar im Osten Libyens einzudämmen.

Nachdem die Türkei ihre engen Beziehungen zur Muslimbruderschaft gelockert hatte, um ihre Beziehungen zu den wichtigsten Akteuren in der arabischen Welt wie Ägypten zu normalisieren, wiederbelebt sie nun ihren Kurs in Libyen, indem sie Kontakte zu Familienmitgliedern des ermordeten früheren Staatschefs Muammar al-Gaddafi pflegt.

Am 5. September wurde nach rund sieben Jahren  as-Saadi al-Gaddafi, einer der Söhne des früheren Staatschefs Muammar al-Gaddafi, aus einem libyschen Gefängnis entlassen – zusammen mit anderen Gefangenen, darunter Ahmed Ramadan, früherer Stabschef und persönlicher Assistent des ermordeten al-Gaddafi. As-Saadi reiste Berichten zufolge anschießend mit einem Privatjet in die Türkei aus, von wo er wenige Tage später aus Istanbul kommend das Land in Richtung Kairo wieder verlassen haben soll.

Vor dem Libyen-Konflikt im Jahr 2011 hatte die Türkei gute Beziehungen zu Libyen. Trotz seiner anfänglichen Ablehnung des NATO-Überfalls auf Libyen vollzog Erdoğan jedoch schnell eine Kursänderung, indem er zuließ, dass die Operation teils von der türkischen Ägäis-Provinz Izmir geführt wurde. Die Türkei wurde im Zuge des Konfliktes in Libyen immer mehr zu einem Hauptakteur im blutigen libyschen Stellvertreterkrieg.

Obwohl der Sturz des libyschen Staatschefs al-Gaddafi während der NATO-Operation von 2011 äußerst schnell vollzogen wurde, könnten die Überlebenden der Gaddafi-Familie aufgrund der weiterhin instabilen Lage in Libyen heute für die Zukunft Libyens wahrscheinlich wieder eine Rolle spielen.

Zehn Jahre nach seiner Flucht meldete sich unlängst auch ein weiterer Sohn des getöteten früheren libyschen Staatsoberhaupts al-Gaddafi auf der politischen Bühne zurück. Saif al-Islam al-Gaddafi sprach am 30. Juli mit der New York Times über die Lage in dem bis heute vom Bürgerkrieg heimgesuchten Land und machte dabei auch Andeutungen, bei der bisher für Dezember geplanten Präsidentschaftswahl womöglich auch selbst zu kandidieren.

Inzwischen feierten teilweise ehemalige Regierungsvertreter, die während des sogenannten Arabischen Frühlings gestürzt wurden, auch in Ägypten und Jordanien bereits ihr Comeback, was Vermutungen über die mögliche Rückkehr der Familie-Gaddafi auf der politischen Bühne in Libyen weiter stärkt.

Viele ehemalige Gaddafi-Anhänger schlossen sich seit Ausbruch des libyschen Bürgerkriegs  General Haftar im Osten Libyens an, welcher den Kampf gegen die von der Türkei unterstützten Truppen in und um Tripolis im Jahr 2019 angeführt hatte.

Die Beteiligung der Türkei an der Freilassung von as-Saadi al-Gaddafi könnte darauf abzielen, zwei verschiedene Ziele zu erreichen: die Herauslösung der Gaddafi-Anhänger aus den Reihen von General Haftar, um die türkischen Verbündeten in Tripolis zu stärken wie auch zugleich in das Szenario eines möglichen Comebacks der Gaddafi-Familie in Libyen zu investieren, kommentiert Al-Monitor:

"Nachdem Ankara erkannt hat, dass seine in Tripolis ansässigen Verbündeten nicht in der Lage sein würden, die Interessen der Türkei allein zu sichern und dass die Situation vor Ort nach den Präsidentschaftswahlen am 24. Dezember schwankender sein würde, versucht Ankara nun, seine Verbündeten zu diversifizieren."

Der Friedensprozess im Bürgerkriegsland Libyen ist allerdings kürzlich ins Stocken geraten, da Libyens Parlament der unter UN-Schirmherrschaft gebildeten Übergangsregierung das Vertrauen entzog und damit faktisch den Fahrplan für bevorstehende Wahlen auch auf Eis legte.

Muammar al-Gaddafi war 2011 durch eine NATO-Intervention gestürzt worden. Das Land versank daraufhin in Chaos und Bürgerkrieg. Sklaven-, Drogen-, Waffen- und Menschenhandel florieren seither in Libyen.

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