60 Jahre nach Agent Orange ignorieren die USA noch immer alle Opfer, selbst im eigenen Land

Das Entlaubungsmittel Agent Orange, das die USA unter anderem im Vietnamkrieg einsetzten, hatte verheerende Folgen. Bis heute aber weigern sich die USA, die Opfer zu entschädigen. Das gilt nicht nur gegenüber Vietnam; auch US-Veteranen und deren Kinder müssen immer noch darum kämpfen.

Josh Kelley ist ein kräftiger, rotblonder Mann mit Glatze und Knebelbart. Er ist 46. Sein Vater war Soldat in Vietnam. "Es gab 270 Raketenangriffe auf die Basis, die viele Leben kosteten. Um sie zu verteidigen, wurde die Umgebung stark mit Agent Orange besprüht."

Die ersten vier Jahre seines Lebens verbrachte Kelley im Krankenhaus. Kelley erzählt in einem Gespräch mit RT:

"Meine Arme enden am Ellenbogen und mir fehlt ein Bein; so wurde ich geboren. Das Krankenhaus, in dem ich zur Welt kam, war sich nicht sicher, ob ich leben würde oder sterben, weil sie so etwas noch nie gesehen hatten."

Er engagiert sich in der Gesundheitsallianz der Kinder von Vietnamveteranen (Children of Vietnam Veterans Health Alliance). Sie kämpfen darum, die Schäden der Folgegeneration anzuerkennen. "Wir versuchen schon seit bald fünfzig Jahren, die US-Behörden dazu zu bringen, die Verantwortung zu übernehmen, aber sie tun es nicht. Mehr als acht Millionen Menschen sind an den Folgen von Agent Orange gestorben. So viele Menschen haben Geburtsfehler wie ich. Aber sie zahlen schon den Vietnamveteranen kaum Unterstützungsleistungen… und nichts an Kinder von Vietnamveteranen mit Geburtsschäden."

Seine Organisation hat 5.000 Mitglieder, und sie alle haben Geburtsschäden oder Tumore und Krebs. Kelley hat schon vor dem US-Kongress gesprochen, um auf das Thema aufmerksam zu machen, und flog nach Vietnam für einen Dokumentarfilm. Er macht deutlich:

"In der Tu Du-Klinik in Ho Chi Minh-Stadt gibt es einen Raum, der heißt der Raum der Stille. Er ist voller toter Föten, manche davon sind so deformiert, dass sie nicht mehr menschlich aussehen. Mein ganzes Leben lang habe ich meinen Zustand auf alles außer Agent Orange zurückgeführt, aber als ich in diese Klinik kam, hat ein Arzt einen Blick auf mich geworfen und gesagt: 'Agent Orange.' Sie wissen, wie das aussieht."

Jahrzehnte, nachdem die USA Vietnam mit Millionen Litern der giftigen Chemikalie Agent Orange besprühten, herrsche selbst im Umgang mit dem Leid US-amerikanischer Veteranen, die dem Gift ausgesetzt waren, nicht einmal gesunder Menschenverstand, sagte John B. Wells, der Leiter der Selbsthilfeorganisation "Rechtshilfe der Militärveteranen" (Military Veterans Advocacy Inc.), zu RT.

Vor genau 60 Jahren, im August 1961, begannen die USA ihr Programm massiver Kriegsführung mit Herbiziden im Vietnamkrieg. Zehntausende Quadratkilometer des vietnamesischen Territoriums wurden mit an die achtzig Millionen Litern der sogenannten "Regenbogen-Herbizide" entlaubt, unter denen auch das berüchtigte Agent Orange war.

Dieser Einsatz half Washington zwar nicht, den Krieg zu gewinnen, aber er zerstörte Millionen von Leben – nicht nur in Vietnam, sondern auch in anderen Ländern, die USA selbst eingeschlossen. Es erwies sich, dass Agent Orange – ein Entlaubungsmittel, das die vietnamesischen Wälder zerstören sollte – ein hochgiftiges Nebenprodukt aus der Gruppe der Dioxine beinhaltete, das dauerhaft die Umwelt vergiftet. Dieses Dioxin wird als Hauptursache der schweren Erkrankungen bei jenen Menschen gesehen, die damit in Kontakt kamen, bis hin zu verschiedenen Krebsarten.

Inzwischen befinden sich die amerikanischen Veteranen, die am Vietnamkrieg und einigen anderen Einsätzen teilgenommen haben, in einem völlig anderen Kampf – gegen eine riesige bürokratische Maschinerie, die immer noch zögert, sie als Opfer des Kontakts mit dem Gift anzuerkennen, so Wells.

"Wir reden hier von 110.000 eingereichten Ansprüchen", sagte Wells, ein ehemaliger Marinekommandeur, der Anwalt wurde, in Bezug auf die Zahl seiner Fälle. Es geht um US-Veteranen, die staatliche Unterstützung bei Gesundheitsproblemen erhalten wollen, die damit zu tun haben, dass sie während ihres Militärdienstes dem Gift ausgesetzt waren. Und er fügte hinzu, "da draußen sind noch Zehntausende, die auf Entschädigung warten."

Aber die US-Behörden haben keine Eile bei diesem Thema. In den letzten zweieinhalb Jahren hat das Amt für Veteranenfragen, so Wells, nur etwa 60 Prozent der eingereichten Ansprüche bearbeitet. Er betont:

"Sie müssen ihr Bearbeitungssystem mal auf den Stand des 21. Jahrhunderts bringen."

Oft müssen die Veteranen vor Gericht ziehen, um ihr Recht auf das, was ihnen der Staat schuldet, durchzusetzen. Die Gruppe von Wells, Rechtshilfe für Militärveteranen, hat 2019 einen solchen Fall gewonnen. Alfred Procopio, der von 1964 bis 1967 auf dem US-Flugzeugträger USS Intrepid gedient hatte, wollte seinen Anspruch auf Sozialleistungen durchsetzen, weil er Agent Orange ausgesetzt war.

Im Juli 1966 wurde die USS Intrepid in vietnamesischen Hoheitsgewässern eingesetzt. Procopio wollte Leistungen für Diabetes im Jahr 2006 und Prostatakrebs im Jahr 2007. Beides wurde ihm 2009 abgelehnt, da gemäß von Präzedenzfällen vietnamesische Hoheitsgewässer nicht als Gebiete galten, die Agent Orange ausgesetzt waren.

"Das war ziemlich hart", meinte Wells, bezogen auf die Bemühungen, dies als Präzedenzfall zu ändern. "Wir haben etwa ein Jahrzehnt damit verbracht, den Kongress dazu zu bringen, diese Entscheidung aufzuheben. Und es ist uns nicht gelungen. Dann sind wir vor Gericht auf einem anderen Weg durchgedrungen, auf Grundlage internationalen Rechts", fügte er hinzu.

Noch viele weitere individuelle Fälle sind ungelöst, weil es dem Amt für Veteranenfragen (VA) "schlicht an gesundem Menschenverstand mangelt", glaubt Wells. Das Veteranenamt weigert sich, die Rechte von Veteranen anzuerkennen, die in Vietnam gedient haben und Agent Orange ausgesetzt wurden, und beruft sich dabei auf verschiedene bürokratische Gründe.

"Sobald ein Bürokrat eine Entscheidung getroffen hat, ändern sie sie nur noch ungern. Das war eines der größeren Probleme, mit denen wir zu kämpfen hatten", sagt Wells, und fügt hinzu: "Ein Teil davon ist schlicht Bürokratie, ein Teil ist Ignoranz."

Die Rechtshilfe der Militärveteranen will, dass die Zuständigen "das ganze Bild" wahrnehmen, sagte Wells zu RT. "Jemand kann sagen, "Hier habe ich 1972 gedient", und dann einen Beweis bringen, dass das in seiner Dienstakte steht – und Bingo! – weitermachen und die Leistungen erhalten", erklärte er und ergänzte, es müssten weitere Gebiete als solche anerkannt werden, in denen man Agent Orange ausgesetzt war.

"Das Problem, das wir haben, ist, dass Agent Orange weit über Vietnam hinaus eingesetzt wurde. Man hat es in Guam, Panama, Okinawa, Thailand, Kambodscha und sogar hier in den USA zur Entlaubung benutzt. Wir sind gerade erst dabei, das Fass aufzumachen und für diese Leute die Anerkennung zu holen."

Wells sagt, er wolle nur, dass Washington hinschaut, zuhört und gesunden Menschenverstand gebraucht, ob diese Ansprüche berechtigt sind oder nicht. Seine Organisation werde so lange vor Gericht wie im Kongress für die Rechte der Veteranen kämpfen, "bis irgendwer zuhört".

Unter Umständen "braucht es eine komplette Revision unseres Systems" der Leistungen für Veteranen, sagte er. Die Behörden sollten sich darauf konzentrieren, Anhäufungen bestimmter Krankheitsbilder, die es im Militär gibt, zu erkennen und dann ihre Ursache zu identifizieren. Außerdem schlug er vor, für diese Aufgabe ein spezielles Zentrum zu gründen, das "herausfinden soll, ob es eine Verbindung zwischen Krankheiten und irgendeiner Art Kontakt mit Giften gibt".

Agent Orange, eines der heimtückischsten Beispiele der giftigen Hinterlassenschaften des Krieges, vergiftet den vietnamesischen Boden noch immer. Laut Wells beträgt seine Halbwertszeit einige hundert Jahre, es werden also viele weitere Jahrzehnte vergehen, ehe es endlich nennenswert zerfallen sein wird.

"Wir wissen, dass es noch da ist, weil wir 2019 eines unserer Vorstandsmitglieder da hinaus geschickt haben, um mit ihrer Umweltschutzbehörde zusammenzuarbeiten, und sie prüften Bodenproben, und sie fanden es", sagte der frühere Marinekommandeur. Und das rücksichtslose Handeln von Menschen ist nicht die einzige Gefahr.

"Asbest war ein großes Thema. Ich habe selbst auf einem Schiff mit Asbest-Isolierung gedient. Die Strahlung von den Atomtests in der Atmosphäre, die sowohl die USA als auch die Sowjetunion bis in die 1960er durchgeführt haben. 'Burn pits' [sinngemäß 'Höllenfeuer'], die es wohl bei jeder Armee der Welt gibt", führte er auf.

Die Rechtshilfe für Militärveteranen hatte das Thema "burn pits" bereits 2009 aufgegriffen, und jetzt müssen die USA "Millionen Dollar an Pensionen zahlen", weil "niemand zugehört hat".

Alle Nationen müssen ihre Herangehensweise an Kriegsführung ändern, meinte Wells zu RT: "Das betrifft nicht nur die USA. Wir finden immer einen Weg. Das russische Militär, das chinesische… sie haben alle dieselben Probleme. Sie konzentrieren sich so sehr auf den Auftrag, dass sie nicht schauen, was sie tun", meinte er.

"Wir müssen uns das langfristige große Bild ansehen und als Planet herausfinden, ob irgendwas von dem, was wir tun, unsere Truppen das Leben kostet, von Zivilpersonen in dem Gebiet ganz zu schweigen. [...] Haben wir daraus gelernt? Ich würde das gerne sagen, aber ich weiß nicht."

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