Propaganda, Bana, Blauer Bote: Stern geht weiter gegen Blogger vor

Das Magazin Stern ist mit weiteren Klagen gegen den Blog Blauer Bote vorgegangen. Der hatte einem "Stern.de"-Redakteur vorgeworfen, rund um das "Twitter-Mädchen" Bana aus Syrien Propaganda zu verbreiten – und will notfalls bis zum Bundesgerichtshof durchhalten.

Das Magazin Stern geht mit zwei weiteren Gerichtsverfahren gegen den Blogger Jens Bernert (Blauerbote.com) vor, wie dieser mitteilt. Anlass ist ein Artikel aus dem vergangenen Jahr, in dem Bernert den Stern-Redakteur Marc Drewello als "Nachrichtenfälscher" und "Fake-News-Produzent" bezeichnet hatte und ihm unterstellte, "Falschmeldungen zu Propagandazwecken" zu produzieren. Bernert fasst den Vorgang aktuell auf seinem Blog so zusammen:

Seit über einem Jahr überzieht mich der Stern (Bertelsmann-Konzern) und sein Journalist Marc Drewello mit Klagen, weil ich seine "Berichterstattung" zum Kriegspropagandafall "Bana Alabed" kritisiert habe. Der Stern hatte in dem Artikel "Twitter-Konto von Siebenjährigen aus Aleppo gelöscht" die Bana-Alabed-Story als die pure Wahrheit verkauft. Es handele sich beim Fall "Bana Alabed" nicht um eine Lügengeschichte, behauptet der Stern immer noch vor Gericht. Es drohen hohe Geldstrafen und ein halbes bis zwei Jahre Haft – für mich wohlgemerkt.

Das syrische Mädchen Bana Alabed erreichte in den vergangenen zwei Jahren große Popularität, weil westliche Medien umfangreich und distanzlos über angeblich von Bana aus dem bombardierten Aleppo geschickte Twitter-Nachrichten berichtet hatten. So wurde Bana im Jahr 2017 vom Time-Magazin gar zur "Einflussreichsten Person des Internet" gekürt.

Kritische Beobachter merken jedoch schon lange an, dass das in den Tweets verwendete gute Englisch und der "erwachsene" Wortschatz schwerlich von dieser jungen Syrerin selbst stammen können. Mutmaßlich wurde Bana von einer die Texte schreibenden Kriegspartei als Strohmann benutzt. Oder wie der Anwalt des "Blauen Boten", Markus Kompa, es in einem seiner zahlreichen Beiträge zu der Sache ausdrückt: Das unschuldige Mädchen wurde als "Bauchredner-Puppe für Dschihadisten" missbraucht.

In einem vorangegangenen Verfahren im vergangenen Sommer hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass Bernert den Stern-Autor Drewello nicht "Nachrichtenfälscher" und "Fake-News-Produzent" nennen darf, da diese Äußerungen dem Redakteur vom Stern einen Vorsatz unterstellen würden, also behaupten würden, das Magazin habe absichtlich die Unwahrheit verbreitet. Das aber könne Bernert nicht nachweisen, denn dafür fehle ihm der nötige Einblick in die redaktionelle Arbeit des Stern, wie das Magazin Übermedien das Gericht zitiert. Zur Frage, ob die Geschichte der Bana glaubwürdig ist, wollte sich das Gericht nicht äußern. Nicht nur das Neue Deutschland wunderte sich damals, dass Stern diesen juristischen Sieg verschämt verschwieg.

Im März folgen nun laut Bernert zwei weitere Verfahren des Stern gegen ihn. Zum einen gehe es um die Berufung im Verfügungsverfahren, zum anderen habe der Stern-Redakteur Marc Drewello Hauptsacheklage erhoben. Doch Bernert, der auf seiner Webseite ein Konto für Prozess-Spenden anbietet, gibt sich kämpferisch:

Ich kann die Sache nicht einfach beenden, denn der Bertelsmann-Konzern attackiert ja mich und will das über Jahre durchziehen. Das heißt, ich muss die Sache bis auf Bundesebene oder weiter durchziehen. Eine realistische Chance ergibt sich erst ab dem Bundesgerichtshof, der meist Urteile aus Hamburg (notgedrungen) wieder einkassiert.

Weiter heißt es:

Ich muss nur durchhalten und das werde ich auch.

Bana ist aktuell vom Medien-Radar verschwunden, und einige ihrer radikalsten Tweets – etwa jener, in dem sie zum "Dritten Weltkrieg" gegen Assad und Putin aufruft – wurden offensichtlich gelöscht. Doch sie scheint einen würdigen Nachfolger gefunden zu haben: Muhammad aus Ost-Ghuta ist 15 Jahre alt und verschickt Selfies vor Bombenkratern mit Texten wie:  "Baschar al-Assad, Putin und Chamenei töteten unsere Kindheit. Rettet uns, bevor es zu spät ist." Mit seinen in gutem Englisch formulierten Tweets entzückt er gerade nicht nur infantile Medien wie Bento, sondern auch zum Beispiel die WAZ. Die fügt zwar die Floskel an, es lasse sich nicht "mit letzter Sicherheit" klären, ob die Muhammad-Story ein Propaganda-Märchen ist, gibt der Geschichte aber dennoch viel Raum.

Die Zeitung gibt sich zudem beruhigt, weil "die Echtheit von Muhammads Text- und Foto-Material bislang von niemandem angezweifelt" worden sei.

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