Von Dagmar Henn
Eigentlich hätte ich ja erwartet, dass die ganze Sache schnell wieder begraben wird. Da hatte zur Urlaubszeit eben mal der Praktikant in der Propagandaabteilung Zugriff gehabt und eine wirre Räuberpistole geliefert, die man am besten schnell wieder vergisst. Schließlich reichte schon die Geschichte vom Busfahrer, der anfangs die in Leipzig angeblich angeflogene Drohne per Fußtritt erledigt haben sollte, um das ganze Drama in der Ablage für moderne Märchen zu entsorgen.
Aber ob es nun der Mangel an besseren Angeboten oder die schiere Verzweiflung ob diverser politischer Entwicklungen ist, in den letzten Wochen wurde ein großes Ding aus dieser Nummer gemacht, und man beabsichtigt in Berlin so zu tun, als sei das ein heimtückischer Angriff des finsteren Russland gewesen. Das ja ohnehin hinter jedem Baum lauert.
Nun, die deutschen Medien sind inzwischen bestens darauf dressiert, das Gewünschte als glaubwürdig darzustellen und keine störenden Fragen zu stellen. Da soll es etwa ein Video geben, das zeigt, wie besagte Drohne auf die ukrainische Antonow zufliegt, die zum Zwecke des Munitionstransports auf dem Flughafen Leipzig geparkt war. Nur – von diesem Video gibt es nicht mehr als die Beteuerungen einiger Mainstreammedienredakteure, sie hätten es gesehen, und entsprechende Schilderungen. Eine Überprüfung ist auf diese Weise nicht möglich – obwohl es völlig albern ist, so zu tun, als könne dieses Video besonders geheime Information beinhalten; zur Not versetzt man die Kamera, die die Aufnahme gemacht hat, um einige Meter. So es sie denn gibt, die Aufnahme.
Dass das Flugzeug nicht beladen (wenn auch betankt) war, irritiert ein wenig, wenn man von einer finsteren Sabotageabsicht ausgeht. Schließlich wäre es doch folgerichtig, darauf zu warten, dass die Maschine beladen ist. Und wer es schafft, die Tragfläche des Fliegers zu treffen, in der sich der Treibstoff befindet, wie das angeblich der Fall gewesen sein soll, der sollte es auch schaffen, die Beladung zu beobachten und sein Pulver nicht zu früh zu verschießen.
Übrigens, die meisten Deutschen dürften erst anlässlich dieses Vorfalls erfahren haben, dass der Frachtteil des Leipziger Flughafens massiv für Militärtransporte genutzt wird. Auch wenn bei den Eigentümern des Flughafens durchaus immer wieder politische Debatten über diese Nutzung stattfanden – solange es noch um die Bundeswehr in Afghanistan ging, hatte die Linke beispielsweise sowohl in Sachsen (das mit 77,29 Prozent den größten Anteil an der Muttergesellschaft MFAG hält) als auch in Sachsen-Anhalt (18,54 Prozent der MFAG) sowie der Stadt Leipzig (2,1 Prozent der MFAG) Anträge gestellt, die militärische Nutzung zu beenden; die CDU konterte das immer mit "Bündnisverpflichtungen" und damit, dass der Flughafen ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sei.
Allerdings ein Wirtschaftsfaktor, der zuschussbedürftig ist – bis 2029 muss der Betrieb von den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt mit 62 Millionen Euro subventioniert werden. Die Kosten für die Absicherung dieser Rüstungstransporte landen übrigens vor allem in den Länderhaushalten – und sind in diesem Betrag nur zum Teil enthalten.
Bei den Besitzverhältnissen fällt eines sofort auf: Sachsen-Anhalt ist eines dieser Bundesländer, in denen Landtagswahlen anstehen, und genau dasjenige, in dem es womöglich zu einer AfD-Regierung kommen könnte. Ein Anteil von 18,5 Prozent an einer AG genügt zwar nicht, um Beschlüsse durchzusetzen, aber er genügt für die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung und Mitgestaltung der Tagesordnung, ein Schritt, der die anderen Beteiligten, also vor allem den Sächsischen Landtag, dazu zwingen könnte, erneut über dieses Thema der militärischen Nutzung eines Zivilflughafens zu diskutieren. Ganz abgesehen davon, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei diesen Transporten für die Betreiberfirma katastrophal sein dürfte und damit auch ein aktienrechtliches Vorgehen gegen diese Transporte denkbar wäre.
Aber zurück zu unserer vermeintlich russischen Drohne. Pascal Lottaz kommentierte gerade das Getrommle von Roderich Kiesewetter auf X:
Was die Existenz besagter Drohne betrifft: Anfang August veröffentlichten die Springer-Medien ein unscharfes Foto, das die besagte Drohne zeigen soll; allerdings lässt sich darauf im Grunde so gut wie nichts erkennen, nur, dass es sich um eine nicht allzu große Quadkopter-Drohne handelt. Ist das Bild echt? Irgendwie fehlt der Schatten ... Und die grottige Auflösung macht es unmöglich, den Einsatz von Photoshop auszuschließen (wäre es KI, wäre das Ergebnis vermutlich besser).
Wie auch immer, beim Röntgen soll ein Zünder gefunden worden sein, der nicht gezündet hat. Welch glücklicher Zufall, ein zweiter grober handwerklicher Fehler. Das lag vermutlich an irgendeinem Chip aus einer Waschmaschine. Der Sprengsatz soll übrigens aus bis zu 800 Gramm Semtex bestanden haben, was anfangs zu Aussagen führten, er stamme aus Altbeständen des Ostblocks – ungeachtet der Tatsache, dass das tschechische Werk noch immer produziert. (Die Ostblock-Semtex-Geschichte wurde tatsächlich jetzt wieder aufgegriffen, als Beleg gegen Russland - aber nach 35 Jahren ist das Zeug nur noch bei optimaler Lagerung brauchbar).Wobei mittlerweile durch wechselnde chemische Zusatzstoffe sogar identifizierbar ist, in welchem Jahr der Sprengstoff produziert wurde. Was längst geklärt sein müsste, aber auch hier wird das Publikum im Ungewissen gelassen.
Besonders russisch soll die Drohne übrigens durch eine vermeintlich für den russischen Militärgeheimdienst "typische Bauweise" gewesen sein, wobei man sich auf US-Dienste beruft. Allerdings - allzu viele Varianten, eine gewöhnliche Drohne mit einem Beutel voll Sprengstoff zu verbinden, gibt es nicht; daraus eine bestimmte Bauweise abzuleiten, ist so, wie verschiedene Arten zu atmen zu erfinden. Abgesehen davon, dass der Einsatz von Drohnen zu neu ist, um bereits identifizierbare kulturelle Traditionen hervorgebracht zu haben.
Von den anderen nützlichen Fragen wie "Cui bono?" ganz zu schweigen. Wer hat denn welchen Vorteil vom Auftauchen dieser gespenstischen Drohne? Nun, wenn man sich die Reaktion der Bundesregierung betrachtet, wohl diese – schließlich braucht es stets Bedrohungsnachschub, wenn Mittel aus dem Sozialkahlschlag in die Aufrüstung oder gar in die Ukraine geleitet werden. Und, das ist ein Punkt, über den witzigerweise nicht nachgedacht wird, die Ukraine.
Womit man beim nächsten Punkt wäre: Es ist mitnichten so, dass der seit Jahren für Militärtransporte genutzte Flughafen keinerlei Sicherheitseinrichtungen besitzt, und tatsächlich ist die größte ungeklärte Frage bisher die, wie besagte Drohne dennoch an ihr Ziel gelangen konnte. Dabei gibt es eine einfache Antwort auf diese Frage. Wenn man sich nicht erklären kann, wie sie dorthin geflogen ist, dann gebietet es Ockhams Rasiermesser, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sie eben nicht geflogen ist – sondern auf anderem Wege auf das Flughafengelände gebracht wurde.
Für den kollabierenden Staat Ukraine ist es existenziell, den Deutschen weitere Milliarden aus der Tasche zu ziehen. Und der Flughafen Leipzig ist voller Ukrainer. Da sind nämlich nicht nur die Besatzungen der beiden zu diesem Zeitpunkt dort geparkten Antonow-Frachtflugzeuge, sondern auch noch einige Hundert Beschäftigte beim Bodenpersonal der Antonow-Airlines, einem staatlichen ukrainischen Unternehmen, das diese Flugzeuge betreibt. Darunter sollte sich niemand befunden haben, der für den SBU arbeitet? Äußerst unwahrscheinlich ... Egal, die Variante Ukraine wurde schnell zu den Akten gelegt.
Immerhin haben die Ukrainer nach Ansicht des deutschen Staates auch die Nord-Stream-Pipelines gesprengt. Nähere Ausführungen zu der Absurdität, aus einer nicht einmal explodierten Drohne zweifelhafter Herkunft geradezu einen Kriegsgrund zu konstruieren, wenn ein Anschlag auf eine zentrale Einrichtung der Energieinfrastruktur mit Milliardenunterstützung belohnt wird, erspare ich mir. Eines zumindest sollte man in diesem Zusammenhang festhalten: Zimperlich sind sie nicht, die Ukrainer. Auch nicht gegenüber vermeintlichen Verbündeten. So eine Drohnennummer ist ihnen auf jeden Fall zuzutrauen, wenn dabei ein paar Milliarden herausspringen.
Aber es kann sich auch um den oben erwähnten Sommereinsatz des Propagandapraktikanten handeln, der unglücklich mit der Notwendigkeit zusammentraf, vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt noch mal so richtig Stimmung zu machen (wozu man sogar die Tassenbestände der Bundestagsbüros instrumentalisiert). Denn wie oben bereits erwähnt, könnte das Ergebnis dieser Wahl die Nutzung dieses Flughafens für derartige Zwecke eventuell gefährden. Und nichts braucht der ungeliebte Kanzler Friedrich Merz dringender als einen Anlass, sich zu profilieren und den starken Max zu geben. Dass das Feuer, mit dem dabei gespielt wird, um einige Größenordnungen echter ist als Leipziger Drohnenerzählungen, wird billigend in Kauf genommen.
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