Mehr als jeder Vierte ignoriert Fragebogen der Bundeswehr

Seit Beginn des Jahres gibt es für alle, die volljährig werden, Post von der Bundeswehr. Sie sollen einen Fragebogen ausfüllen. Für Männer ist das Ausfüllen verpflichtend, für Frauen freiwillig. Aber mehr als jeder Vierte kommt der Aufforderung nicht nach. Ziviler Ungehorsam gegen Aufrüstungspläne.

Die Nachwuchssorgen der Bundeswehr legen ein zentrales Dilemma der deutschen Sicherheitspolitik offen: Während die Bundesregierung im Zeichen der "Zeitenwende" und der Absicht, Deutschland wieder zur stärksten Militärmacht in Europa aufzurüsten, personellen Ausbau und langfristige Militarisierung vorantreibt, stößt der konkrete Dienst an der Waffe bei vielen jungen Deutschen auf deutliche Zurückhaltung.

Seit Januar 2026 verschickt die Bundeswehr im Rahmen des "Neuen Wehrdienstes" Briefe an alle volljährig werdenden Deutschen des Jahrgangs 2008. Laut Bundesregierung erhalten sowohl Männer als auch Frauen ein Anschreiben mit Zugang zum digitalen Fragebogen; für Männer ist das Ausfüllen verpflichtend, für Frauen freiwillig. Betroffen sind damit Hunderttausende junger Menschen – die Wehrerfassung kehrt faktisch zurück, auch wenn der Dienst formal freiwillig bleibt – vorerst zumindest.

Doch bereits die erste Resonanz zeigt ein massives Akzeptanzproblem: Mehr als jeder vierte angeschriebene junge Mann hat laut Redkationsnetzwerk Deutschland den Fragebogen schlicht ignoriert. Das RND bezieht sich dabei auf Bundeswehrkreise. Das Verteidigungsministerium droht Nichtantwortern inzwischen mit Bußgeldern. Die hohe Verweigerungsquote ist politisch brisant, weil sie signalisiert, dass ein erheblicher Teil der Zielgruppe nicht einmal bereit ist, sich administrativ mit dem Projekt Wehrdienst auseinanderzusetzen. 

Das Missverhältnis ist offensichtlich: Einerseits plant Berlin eine erhebliche personelle Stärkung der Streitkräfte, um NATO-Verpflichtungen und Landesverteidigung abzusichern – alles unter dem Vorwand eines angeblich bevorstehenden Überfalls Russlands auf Deutschland und andere Länder der NATO; andererseits fehlt es an gesellschaftlicher Bereitschaft, diese sicherheitspolitischen Ambitionen personell zu tragen. Die Bundeswehr braucht laut langfristigen Zielsetzungen deutlich mehr aktive Soldaten und Reservisten, doch der politische Wille zur Aufrüstung kollidiert mit einer Gesellschaft, die nach Jahrzehnten postmilitärischer Normalität skeptisch gegenüber verpflichtender oder auch nur stark beworbener Dienstpflicht bleibt. 

Hinzu kommt die wachsende Zahl von Wehrdienstverweigerern beziehungsweise jenen, die sich frühzeitig mit Kriegsdienstverweigerung befassen. Schon die offizielle Bundeswehr-FAQ weist ausdrücklich darauf hin, dass auch ein Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer nicht von der Pflicht entbindet, den Fragebogen zunächst auszufüllen – ein Hinweis, der nur nötig ist, weil das Thema bereits relevant an Bedeutung gewinnt. 

Politisch zeigt sich damit ein struktureller Widerspruch: Die Bundesregierung versucht, Deutschlands militärische Handlungsfähigkeit auszubauen, doch große Teile insbesondere der jungen Generation signalisieren Distanz – sei es durch Ignorieren, formale Verweigerung oder mangelnde Bereitschaft, persönliche Lebensplanung dem Wehrdienst unterzuordnen. Die "Zeitenwende" und die Militarisierungspläne von Kanzler Merz und Verteidigungsminister Pistorius stoßen damit weniger an finanzielle als an gesellschaftliche Grenzen. Deutschlands Sicherheitselite denkt in Divisionen, Verteidigungshaushalten und Bündnisfähigkeit; viele junge Bürger dagegen offenbar eher in Ausbildung, Studium und individueller Freiheit. Für sie ist Krieg kein Abenteuer, wie das die Werbung der Bundeswehr suggeriert, sondern eine Bedrohung der Existenz. Damit erklärt sich der zivile Ungehorsam zahlreicher junger Männer in Deutschland. 

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