In NRW mussten 65 Passagiere aus einer S-Bahn evakuiert werden, weil die Oberleitung gerissen war. Die S-Bahn von Düsseldorf nach Wuppertal fuhr beim Bahnhof Haan-Gruiten in die herabhängende Oberleitung. Der Triebwagen wurde durch den Strom beschädigt. Die Fahrgäste konnten den Zug erst nach über eine Stunde verlassen, nachdem die Bahn die Leitung abgeschaltet hatte.
Erst gestern war die ICE-Strecke München-Berlin zeitweise ganz gesperrt, weil die Oberleitung auf fast einem Kilometer Länge gerissen und auf einen ICE gefallen war. Auch dort war keine sofortige Evakuierung möglich. 600 Reisende mussten warten, bis das Verlassen des Zugs gefahrlos möglich war. Zwei Fahrgäste wurden leicht verletzt.
Der Sachschaden dieses Unfalls beläuft sich auf Hunderttausende Euro. Die Strecke wurde erst am Abend wieder eingleisig befahrbar. Züge werden auch über Dessau umgeleitet. Die Verspätung beträgt noch immer 30 bis 50 Minuten.
Einer der häufigsten Gründe für Oberleitungsschäden ‒ durch einen Sturm umgerissene Bäume ‒ lag in beiden Fällen nicht vor. Allerdings sind die Oberleitungen vielfach bereits 40 bis 80 Jahre alt und erleiden daher häufig Schäden, die aus der Belastung des Materials herrühren.
Die Deutsche Bahn hat im vergangenen Jahr 280 Kilometer Oberleitung erneuert. Von den insgesamt über 33.000 Kilometern des deutschen Schienennetzes sind etwa 20.000 Kilometer elektrifiziert. Nur 10 bis 20 Prozent davon sind jünger als 40 Jahre. Bis 2030 müssten mindestens 6.450 Kilometer Oberleitungen erneuert werden, weil die Lebensdauer weit überschritten ist. Das hieße, jährlich wären nicht 280, sondern mindestens 1.200 Kilometer Oberleitungen auszutauschen. Bis 2045 müsste fast der gesamte Bestand erneuert werden.
Dass zwei derartige Unfälle an zwei aufeinanderfolgenden Tagen passieren, zeigt, wie dringlich dieses Problem ist. Die Einsparung, die die Bahn vielleicht durch eine Verzögerung dieser notwendigen Erneuerungen zu erzielen gedachte, ist vermutlich keine ‒ die Fahrleitungen bestehen vor allem aus Kupfer. Der Kupferpreis lag im Jahr 2000 bei etwa 1.800 US-Dollar/Tonne, ist inzwischen aber auf über 12.000 US-Dollar pro Tonne gestiegen.
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