Am Ostersonntag fanden in Vaihingen zwei Männer bei der Ostereiersuche ein weißes Plastikfläschchen mit einem roten Deckel und der Aufschrift "Polonium 210". Was sofort einen Großeinsatz auslöste, weil Polonium als letzte Stufe der Zerfallsreihe des Urans vor dem Blei als Endpunkt radioaktiv ist. 138 Einsatzkräfte, 41 Fahrzeuge, darunter ein Strahlenschutzzug, ein Gefahrgutzug, eine Fachberaterin für Strahlenschutz und, nicht zu vergessen, das Landeskriminalamt. In der medialen Berichterstattung wird vor allem erwähnt, dass Polonium toxisch und radioaktiv sei, aber die Art der Radioaktivität wird nicht genauer beschrieben.
Eine genaue Bestimmung der Substanz soll erst nach den Osterfeiertagen vorgenommen werden. An dem Plastikfläschchen konnte keine Radioaktivität gemessen werden. Das besagt aber noch relativ wenig – Polonium 210 sondert nur Alphastrahlung ab, also Heliumkerne (zwei Neutronen und zwei Protonen). Selbst in der Luft reicht Alphastrahlung nur wenige Zentimeter weit; schon ein Blatt Papier genügt, sie aufzuhalten. Toxisch ist das Polonium 210 nur dann, wenn es in den Körper aufgenommen wird.
Da es sich um Alphastrahlung handelt, wäre die einzige Methode, sie zu messen, das Fläschchen zu öffnen und mit einem für Alphastrahlung empfindlichen Geigerzähler unmittelbar an der Oberfläche der Substanz zu messen. Auch eine Plastikflasche dürfte genügen, um die Strahlung abzufangen.
Allerdings wird Polonium 210 in der Industrie eingesetzt, wenn auch zunehmend weniger. Die Hauptanwendung ist die Neutralisierung statischer Aufladungen bei der Herstellung z.B. von Chips und elektronischen Bauteilen. Die dafür verwendeten Mengen sind extrem gering; aber es werden nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde auch nur etwa 100 Gramm Polonium 210 pro Jahr hergestellt, in der Regel nicht durch eine Extraktion aus dem Uran-Zerfall, sondern durch Beschuss von Wismut mit Neutronen.
Das Fläschchen soll, so die Berichte, etwa 200 Gramm schwer sein. Da Polonium 210 üblicherweise in metallischer Form vorliegt, nicht als Verbindung, hieße das, dass das Fläschchen fast 200 Gramm Polonium enthielte, oder zwei weltweite Jahresproduktionen. Das ist ausgesprochen unwahrscheinlich – wegen der Seltenheit ist dieses Metall extrem teuer; hundert Gramm Polonium entsprächen einem Wert von bis zu 20 Millionen US-Dollar. Was es bereits extrem unwahrscheinlich macht, dass sie in einem Fläschchen in einem Garten herumliegen und beim Ostereiersuchen gefunden werden.
Die einzige Firma in der Nähe von Vaihingen, die Polonium 210 nutzen könnte und damit als Quelle infrage käme, sofern es sich tatsächlich um diese Substanz handelt, wäre Haug Ionizing Systems in Leinfelden-Echterdingen, das etwa 25 Kilometer entfernt liegt. Allerdings müsste sich dort schnell überprüfen lassen, ob derart teures Rohmaterial abhanden gekommen ist.
Die Halbwertszeit von Polonium 210 beträgt nur 138 Tage. Das ist einer der Faktoren, die es so giftig machen, wenn es in den menschlichen Körper aufgenommen wird. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass die einzige Art der Entsorgung, die bei dieser Substanz nötig ist, darin besteht, sie für einen Zeitraum von etwa vier Jahren sicher aufzubewahren – danach ist so viel des Poloniums zerfallen und zu Blei 206 geworden, dass sich die abgegebene Strahlung nicht mehr von der überall vorhandenen Hintergrundstrahlung unterscheidet.
Das bedeutet gleichzeitig, dass besagtes Fläschchen womöglich gar kein Polonium mehr enthält, selbst wenn ursprünglich womöglich Polonium darin war, sondern Blei.
Übrigens wäre es gerade aufgrund der begrenzten physikalischen Haltbarkeit dieses Elements sehr unwahrscheinlich, eine derart große Menge in einer Flasche mit einer deutschen Beschriftung aufzufinden. Etwa 70 Prozent der weltweiten Produktion finden in Russland statt; ein Behältnis, in dem sich mindestens eine Weltjahresproduktion von Polonium 210 befindet, müsste also kyrillisch beschriftet sein.
Die maximale weltweit gleichzeitig verfügbare Menge beträgt bei 100 Gramm Produktion pro Jahr unter Einbeziehung des Zerfalls, der schließlich in dem Augenblick beginnt, in dem das Element hergestellt ist, weitaus weniger als 100 Gramm, nämlich höchstens 55 Gramm.
Es besteht immer noch die Möglichkeit, dass es sich um einen verspäteten, dafür aber sehr wirksamen Aprilscherz handelte. Sollte es sich tatsächlich um Polonium handeln, stellt sich letztlich vor allem die Frage, welcher Finderlohn den Findern des Fläschchens zusteht. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es sich trotz aller aufgeregter Schlagzeilen letzten Endes bestenfalls um die Vortäuschung einer Straftat handelte.
Nachtrag: Am Montagnachmittag gab das baden-württembergische Umweltministerium vorsichtig eine erste Entwarnung. "Die erste Einschätzung von unseren Fachleuten ist, dass es sich bei dem Fund nicht um Polonium 210 handelt", sagte eine Sprecherin.
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