Eigentlich glauben nur 13 Prozent der in Deutschland Befragten, dass die Gleichstellung von Männern und Frauen bereits erreicht sei. Dennoch meinen 37 Prozent der Männer, die Frauenförderung gehe inzwischen so weit, dass Männer diskriminiert würden. Logisch, oder?
Es gibt eine ganze Reihe derartiger logischer Brüche in einer neuen Umfrage zum Weltfrauentag. Bei der Frage, ob genug für die Gleichstellung getan wurde, sind beide Seiten fast gleich groß. Für 46 Prozent ist es genug, für 45 Prozent nicht. Allerdings unterscheiden sich die Ansichten von Männern und Frauen an diesem Punkt deutlich: 55 Prozent der Männer denken, es sei genug, aber nur 36 Prozent der Frauen.
Der Abstand findet sich auch bei anderen Fragen. So bei der Frage, ob mehr Frauen in verantwortlichen Positionen sein sollten (Frauen: 58 Prozent, Männer: 47 Prozent). Oder ob die Gleichstellung einem persönlich wichtig ist (Frauen: 70 Prozent, Männer: 54 Prozent).
Dabei ist die Übereinstimmung sehr hoch, wenn es um die Arbeitsteilung in der Partnerschaft geht. Bei der Kindererziehung meinen 73 Prozent, beim Geldverdienen 75 Prozent und bei Haushaltsarbeiten 77 Prozent, das sei die Aufgabe beider. Erstaunlich – auch im Verhältnis zu den internationalen Umfrageergebnissen – ist, dass die deutschen Befragten der Meinung sind, die Gesellschaft um sie herum sehe das ganz anders. 44 Prozent glauben beispielsweise, die Gesellschaft halte Kindererziehung überwiegend für Frauensache, ebenso denken dies 44 Prozent über die Hausarbeit. 46 Prozent glauben, gesellschaftlich werde die Verantwortung für das Geldverdienen bei den Männern gesehen. Eine Diskrepanz, die in diesem Ausmaß überrascht und schwer zu erklären ist.
Von traditionellen Rollenbildern profitieren nach dieser Umfrage nur Männer (24 Prozent), weniger die Frauen (zehn Prozent). Wenn Männer sich nicht an das traditionelle Rollenbild halten, nutzt das nach Ansicht von 36 Prozent den Frauen. Relativ niedrig ist der Abstand zwischen den eigenen Ansichten und jenen, die in der Gesellschaft vermutet werden, übrigens bei der Frage, ob Männer, die sich um Kinder kümmern, weniger maskulin seien – das meinten 19 Prozent, und erwarteten es in der Gesellschaft zu 24 Prozent. Die überwiegende Mehrheit hat diese Ansicht aber in beiden Varianten abgelehnt.
Ein auffälliges Ergebnis ist, dass die jüngste Generation, Gen Z genannt (zwischen 1997 und 2012 geboren), ein wesentlich konservativeres Rollenverständnis hat als beispielsweise die oft geschmähten Babyboomer. 61 Prozent der jungen Männer meinen, es sei genug für die Gleichberechtigung getan worden, 57 Prozent halten sich für diskriminiert und ganze 31 Prozent sind überzeugt, die Ehefrau solle ihrem Mann gehorchen (was nur 13 Prozent der Boomer-Männer denken). Völlig widersprüchlich ist, dass 24 Prozent zu selbstständige Frauen ablehnen (Boomer: zwölf Prozent), aber 41 Prozent erfolgreiche Frauen attraktiver finden (Boomer: 27 Prozent). Und 21 Prozent meinen, dass Männer, die Kinder betreuen, weniger maskulin sind, was die Vorgängergeneration nur zu acht Prozent glaubte. Das Problem dabei: 58 Prozent der jüngeren Frauen finden Männer attraktiver, die Kinder mitbetreuen.
Allerdings: Bei der Befragung, die von Ipsos online durchgeführt wurde und an der in Deutschland etwa 1.000 Personen teilnahmen, wurde der Migrationshintergrund nicht abgefragt. Wäre er als Kriterium mit einbezogen worden, würde sich vermutlich – wie im Bereich der konservativer werdenden Sexualmoral – herausstellen, dass der Unterschied weniger zwischen den Altersgruppen als vielmehr zwischen den Kulturen liegt.
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