Energiekrise: USA werben deutsche Firmen mit niedrigen Energiepreisen ab

Durch die hohen Energiepreise ist der Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet. Die USA versuchen nun, deutsche Unternehmen mit niedrigen Energiepreisen abzuwerben. Berlin weiß um das Problem und versucht nun gegenzusteuern.

Durch die von antirussischen Sanktionen verursachte Energiekrise ist Deutschland als Wirtschafts- und Industriestandort zunehmend gefährdet. Medienberichten zufolge profitieren nun insbesondere die USA von der prekären Lage. Die Vereinigten Staaten versuchen verstärkt, Unternehmen aus Deutschland mit dem Hinweis auf niedrige Energiepreise in den USA abzuwerben. Dies gilt insbesondere für die Südstaaten.

Nach einem Bericht des Handelsblatts werben vor allem die US-Bundesstaaten Virginia, Georgia und Oklahoma um deutsche Unternehmen. Und das durchaus mit Erfolg. Regierungsvertreter aus Oklahoma warben gegenüber der Zeitschrift damit, dass "die Energiekosten niedrig und die Netze stabil sind". Kevin Stitt, der Gouverneur von Oklahoma, erklärte dem Handelsblatt:

"Wir hatten zuletzt in elf von 14 Quartalen die niedrigsten Energiekosten der USA."

Auch in Oklahoma sei der Kohleausstieg beschlossen, bis zum Jahr 2024 sollen allerdings zwei neue Kernkraftwerke ans Netz gehen. Stitt zufolge stammen 40 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen, bei der Erdgasförderung liege man auf Platz drei. Besonders die billige Energie sei für deutsche Unternehmen von Interesse.

Oklahomas aggressives Werben verfängt offenbar bei den Unternehmen: 60 deutsche Firmen sind dem Ruf nach Oklahoma gefolgt, darunter Lufthansa, Aldi und Siemens. Die Unternehmen haben dort rund 300 Millionen US-Dollar investiert. Auch der US-Bundesstaat Georgia wirbt mit günstiger und sicherer Energie und unterstützt neue Firmenansiedlungen durch Steuererleichterungen. Für den Bundesstaat scheint sich dies auszuzahlen: Nach Südkorea gehört Deutschland zu den Investorländern, die dort in den Jahren 2021 und 2022 die meisten Arbeitsplätze geschaffen haben.

Auch in der Bundesregierung scheint man sich der Gefahr einer Deindustrialisierung durch die hohen Energiepreise bewusst zu sein. Jörg Kukies, Staatssekretär und oberster Wirtschaftsberater im Kanzleramt, stellte fest:

"Deutschland droht eine Abwanderung wichtiger Industrien."

Dies betreffe vor allem die Stahl-, Glas, Keramik, Aluminium- und Zementproduzenten. Die Regierung versuche nun, mit dem Entlastungspaket gegenzusteuern, so Kukies.

Auch die deutsche Automobilindustrie baut verstärkt Standorte in den USA aus. Aber nicht nur der Süden, auch andere Standorte in den Vereinigten Staaten könnten profitieren. Der Pharmakonzern Bayer investierte beispielsweise 100 Millionen US-Dollar in ein neues Biotech-Zentrum in Boston, BASF will bis zum Jahr 2026 rund 25 Prozent seiner globalen Investitionen im Wert von rund 26 Milliarden Euro in Nordamerika tätigen. Nach Angaben der Wirtschaftsförderung im US-Bundesstaat Virginia haben im Jahr 2022 zudem sechs deutsche Unternehmen den Aufbau oder Ausbau ihres Standortes angekündigt. Im Jahr 2021 waren es nur zwei Unternehmen.

In Berlin versucht man gegenzusteuern. In der vergangenen Woche führte Kukies Gespräche mit US-amerikanischen Energielieferanten. Dem Handelsblatt erklärte er, er hoffe, dass sich die Energiepreise bald wieder normalisieren werden:

"Wir ersetzen Gaslieferungen aus Russland durch Flüssiggas aus den USA, dem Nahen Osten und Afrika, wo es ein gutes Angebot gibt."

Zudem wolle man "im Rekordtempo neue Flüssiggasterminals in Brunsbüttel fertigstellen".

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