Inflation und politische Realitätsferne: Horrende Heimkosten machen Pflegebedürftige zu Sozialfällen

Schutz der Vulnerablen? Nicht in Sachen politisch forcierter Inflation: Die Energiepreise lassen auch Pflegeheimkosten in die Höhe schnellen. Schon jetzt übersteigen diese die Durchschnittsrente um ein Vielfaches. Als letzte Station bleiben das Sozialamt und ein mickriges Taschengeld.

von Susan Bonath

Seit Corona ist der "Schutz der Vulnerablen" angesagt. Heroisch tragen seither Regierende und Behörden die Floskel vor sich her. Angeblich zu ihrem eigenen Wohl entmündigte man Bewohner von Pflegeheimen geradezu. Man drangsalierte sie am Lebensende mit Besuchsverboten und Ausgangssperren – dies unter Bedingungen, die dank chronischen Personalmangels einen Alltag aus Einsamkeit und kasernenmäßig eingetakteter "Abwicklung" bescheren mussten. Man wird vermutlich nie erfahren, wie viele Bewohner in Pandemiezeiten nur mit Corona, aber zwangsvereinsamt an Depressionen starben.

Der Kapitalismus kennt jedenfalls keine Solidarität mit Vulnerablen. Erfolgreich haben seine Apologeten auch die Pflegeheime in den Markt integriert. Der fordert von allen, von der Wiege bis zur Bahre, nur eins: Geld. So ein Platz in einer restriktiven Fließband-Pflegeeinrichtung für die kleinen Leute – die Reichen haben da ganz andere Möglichkeiten – ist so teuer, dass die meisten Bewohner als Nummern beim Sozialamt enden. Und es wird noch teurer, denn die Politik der steigenden Gas- und Strompreise macht vor den "Vulnerablen", bei aller "Solidarität", nicht halt.

Explodierende Heimkosten

So explodieren allerorts die Eigenanteile für Pflegeheimplätze. Wie die Magdeburger Volksstimme berichtete, steigen sie in Sachsen-Anhalt um bis zu 1.600 Euro. Laut Mitteldeutscher Zeitung müssen Bewohner in Merseburg bei Halle an der Saale schon jetzt rund 400 Euro mehr abdrücken. Geschröpft werden auch Betroffene in Südwestdeutschland, Thüringen und ganz Deutschland. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schob dies kürzlich auf die Lohnerhöhung in der Pflege, ganz so, als wären nun die Beschäftigten Schuld an der Misere.

Bereits vor dem aktuellen Preissprung kosteten Pflegeheimplätze die Bedürftigen ein Vermögen. Im bundesweiten Durchschnitt mussten Bewohner zu Beginn dieses Jahres fast 2.200 Euro pro Monat selbst aufbringen. Je nach Bundesland schwankten die Eigenanteile zwischen rund 1.600 Euro in Sachsen-Anhalt und mehr als 2.500 Euro in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und im Saarland.

Miserable Zustände

Dabei sind die Zustände in vielen Heimen nicht die besten, um es gelinde auszudrücken. Es gibt unzählige Berichte über gravierende Missstände. Ein Team des Journalisten Günter Wallraff deckte beispielsweise kürzlich massive Pflegemängel in einer Braunschweiger Einrichtung auf. Diese gehört, ganz im Zeichen der Zeit, einer Aktiengesellschaft namens Alloheim Senioren-Residenzen SE, die mit der marktgerechten Pflege ihre Gewinne scheffelt.

Gegen ein Augsburger Pflegeheim ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft. Bewohner bekamen dort zu wenig zu essen und trinken, wurden massiv vernachlässigt. Ein Einzelfall ist das gewiss nicht. Wohl dem, der nicht das Pech hat, seinen Lebensabend für viel Geld unter solchen Bedingungen verbringen zu müssen.

Mickrige Renten

Die Antwort auf die Frage, wie betroffene deutsche Durchschnittsrentner ohne lukrative Aktienpakete oder Immobilien so hohe Kosten überhaupt bezahlen sollen, ist einfach: gar nicht. Ein Blick auf das gegenwärtige Rentenniveau in Zahlen verdeutlicht die ganze Absurdität. Der Sozialwissenschaftler Stefan Sell präsentiert dessen Entwicklung von 2000 bis 2020 auf seiner Internetseite in einem übersichtlichen Schaubild.

Demnach erhalten Frauen in Westdeutschland aktuell im Mittel 774 Euro brutto pro Monat, im Osten sind es rund 1.058 Euro. Bei Männern reicht das mittlere Niveau der Bruttorente von 1.123 Euro im Osten bis knapp 1.200 Euro im Westen. Man muss kein Mathe-Genie sein, um dem Finanzierungsmodell mit derart hohen Eigenanteilen eine Realitätsferne der Extraklasse zu attestieren.

Man fragt sich ferner, wo denn eigentlich die Beiträge zur Pflegeversicherung – jeder lohnabhängig Beschäftigte drückt monatlich drei bis 3,4 Prozent seines Bruttogehalts ab – versickern. Insgesamt lebten 2019 von bundesweit rund 4,1 Millionen mehr oder weniger Pflegebedürftigen gut 800.000 Menschen in Heimen.

"Dann esst doch Kuchen!"

Das Leben vieler Pflegebedürftigen endet also beim Sozialamt. Von Selbstbestimmung in unserer bunten Warenwelt ist dann nicht mehr allzu viel übrig. Bei maximal 5.000 Euro Selbstbehalt auf der hohen Kante, die gerade einmal für eine Beerdigung leicht oberhalb der Sozialbestattung reichen dürften, geht dann fast die gesamte Rente drauf, für den Rest springt das Sozialamt ein.

Gerade einmal 27 Prozent des Sozialhilfesatzes dürfen alleinlebende Heimbewohner als "Taschengeld" für sich behalten. Das sind in aller deutschen Kleinlichkeit genau 121 Euro und 23 Cent. Davon müssen sie alles bezahlen, was es im Heim nicht gibt: den Friseur zum Beispiel, Zuzahlungen für Medikamente und Kliniktransporte, eigene Körperpflegemittel und so weiter.

Eines wird deutlich: So ernst, wie sie behaupten, ist all den Phrasendreschern der "Schutz der Vulnerablen" ersichtlich nicht. Man hat nicht den Eindruck, dass sich die Regierung je mit der Realität der Normalbevölkerung beschäftigt hat. Auch die aktuellen Debatten um Sanktions- und Energiepreis-Wahnsinn deuten darauf hin, frei nach dem Motto: "Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch Kuchen!"

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