Deutschland

Greenpeace-Expertin: Der Chempark ist eine "tickende Zeitbombe"

Welche Gefahren gehen von dem Brand im Chempark Leverkusen aus – und mit welchen Folgen muss man rechnen? Untersuchungen laufen nicht nur bei den Behörden in NRW, auch Greenpeace nahm Proben und lässt sie jetzt unabhängig untersuchen. Erst danach wird klar sein, wie groß die Folgeschäden sind.

Die Explosion bei der Sondermüllverbrennung der Currenta GmbH im Chempark Leverkusen erweist sich mittlerweile als ein größeres Unglück; das steht zumindest für die Zahl der Toten fest, die von anfangs einem auf mittlerweile fünf gestiegen ist, und hinzuzuzählen sind vermutlich auch die beiden noch immer vermissten Arbeiter. Ob es auch für die Umgebung der Anlage ein größeres Unglück ist, muss noch geklärt werden.

Inzwischen ist bekannt, dass die drei von der Explosion betroffenen Tanks, die mit mindestens 600.000 Litern befüllt waren, unter anderem Chlorkohlenwasserstoffe, also chlorhaltige organische Lösungsmittel enthielten. Chlor ist sehr reaktiv und bildet in Verbindung mit Wasser Salzsäure; beim Brand von Chlorverbindungen können beispielsweise Chlorgas und Dioxine entstehen, und auch im Ruß, der sich nach dem Brand in umliegenden Wohngebieten verteilt hat, sind gesundheitsschädliche und toxische Bestandteile hoch wahrscheinlich. Das  Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) rechnet mit Dioxin, Furan und PCB (polychlorierten Biphenylen).

Nicht nur das LANUV arbeitet an der Analyse der freigesetzten Substanzen; auch Greenpeace hat in der Umgebung des Werks Proben entnommen und an zwei unabhängige Labore zur Untersuchung übergeben. Die Ergebnisse des Landesumweltamtes sollen Ende dieser Woche vorliegen, die Proben von Greenpeace sollen Anfang nächster Woche ausgewertet sein.

In der Stadt Leverkusen und im Umkreis war der Ruß teils sogar in Flocken oder Brocken niedergegangen. Gärten und Äcker sind betroffen. Die Stadt Leverkusen hat inzwischen den Bewohnern vorsorglich empfohlen, kein Obst oder Gemüse aus dem Garten zu essen und darauf zu achten, dass der Ruß nicht in die Wohnung getragen wird. Die Spielplätze in den betroffenen Gebieten wurden geschlossen. Vorgaben für die regionale Landwirtschaft, mit denen auf das Unglück reagiert wird, sind bisher noch nicht bekannt.

Der Greenpeace-Expertin Viola Wohlgemuth ist das zu wenig. Produkte aus den betroffenen Gebieten dürften erst nach Untersuchung in den Handel kommen; es sei Aufgabe der Politik, das zu gewährleisten. Außerdem stelle sich nicht nur die Frage einer vorübergehenden Belastung. Es könnte sein, dass Böden dauerhaft kontaminiert wurden. Dann sei eine Sanierung gefragt, sofern möglich.

Diese Frage stelle sich aktuell auch in den Hochwassergebieten, in denen nicht nur Öltanks ausgelaufen, sondern auch Mülldeponien geflutet worden sind. Auch dort hatte Wohlgemuth in den letzten Tagen davor Proben genommen und berichtet von einem Weizenfeld, das zwar noch vierzig Zentimeter tief unter Wasser stand, auf dem aber bereits eine einen Zentimeter dicke Ölschicht schwamm.

Die Sondermüllverbrennung der Currenta entsorgt vor allem Abfälle, die bei der Produktion im Chempark entstehen. Auf dem insgesamt 480 Hektar großen Gelände befinden sich die Produktionsanlagen mehrerer Chemiekonzerne, in denen über 5.000 verschiedene Chemikalien hergestellt und verarbeitet werden, darunter Aceton und Schwefelsäure. Die nächsten Wohngebäude sind weniger als einen Kilometer vom Gelände entfernt.

Die Greenpeace-Expertin nannte den Chempark im Gespräch mit RT DE eine "tickende Zeitbombe". Dass solche Anlagen in einer derartig geringen Entfernung von Wohnbebauung betrieben werden dürften, nur weil sie Bestandsschutz besäßen – dort ist seit 1891 chemische Industrie ansässig – sei heutzutage inakzeptabel. Jede Windkraftanlage müsse in NRW eine größere Entfernung von der Wohnbebauung einhalten.

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