Polizeigewerkschafter kritisiert "Verharmlosung" der Stuttgart-Randalierer als "Partyszene"

Hunderte Randalierer hatten die Stuttgarter Innenstadt verwüstet. Nun rüstet die Polizei auf. Ein weiterer mutmaßlicher Randalierer wurde unterdessen ermittelt. Derweil liegen einige Erkenntnisse zu den Tatverdächtigen vor – und Kommentare zur Einordnung der Randale.

Nach den Ausschreitungen in Stuttgart in der Nacht zum Sonntag will die Polizei an den kommenden Wochenenden mehrere Hundertschaften einsetzen, um die Kontrolle in der Innenstadt zu behalten. Die Polizei wolle dann nachts mit einer guten dreistelligen Anzahl an Beamten unterwegs sein, berichtete der Vorsitzende des Landtags-Innenausschusses, der Abgeordnete Karl Klein (CDU), am Mittwoch aus der nicht öffentlichen Sitzung. Geplant seien mehrere Einsatzhundertschaften, Polizeireiter, Polizeihundeführer und Ermittlungsbeamte.

Die Ermittlungsgruppe ist inzwischen von 40 auf 75 Personen erweitert worden. Nach Angaben Kleins sind die zusätzlichen Beamten in der Ermittlungsgruppe unter anderem nötig, um die Vielzahl an Fotos und Videos der Ausschreitungen auszuwerten. Die Menge des zu sichtenden Materials bewege sich inzwischen im Gigabyte-Bereich. Ziel sei es, weitere Tatverdächtige zu finden und festzunehmen.

In der Nacht zum vergangenen Sonntag waren Hunderte Menschen durch die Einkaufsstraße Stuttgarts gezogen, sie hatten Schaufenster zerstört und Geschäfte geplündert. Nach Angaben der Polizei waren 400 bis 500 Menschen an der Randale beteiligt.

Mindestens ein weiterer mutmaßlicher Randalierer ist nach Angaben von Innenminister Thomas Strobl (CDU) ermittelt worden. Nach Angaben der Polizei handelt es sich um einen 15-Jährigen, der an den Plünderungen beteiligt gewesen sein soll. Der deutsche Jugendliche sollte einem Haftrichter vorgeführt werden. Damit sind es nun 26 Tatverdächtige. Acht von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Ein weiterer Haftbefehl war gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt worden.

Viele der festgenommenen Männer im Alter zwischen 16 und 33 Jahren seien in der Randale-Nacht stark betrunken gewesen und der Polizei bekannt. Verdächtigt werden Männer mit deutscher, kroatischer, irakischer, portugiesischer und lettischer Staatsangehörigkeit. Neun Festgenommene hätten einen Flüchtlingsbezug. 16 zunächst vorläufig festgenommene mutmaßliche Beteiligte wurden den Angaben zufolge wieder entlassen (Stand Dienstag). 

Einer der verhafteten mutmaßlichen Randalierer, ein 16-Jähriger, muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten. Er soll in der Nacht zum Sonntag einen bereits am Boden liegenden Studenten gezielt gegen den Kopf getreten haben.

Während Polizei und Justiz ermitteln, suchen Stadt und Land nach Antworten auf die Frage, warum die Gewalt mitten in der Nacht zu Sonntag so plötzlich ausbrechen konnte. Nach wie vor ist zwar auch von einer enthemmten "Partyszene" die Rede, doch verweisen andere auf die Folgen der Corona-Auflagen, den fehlenden Respekt vor Ordnungshütern und auf den Wunsch, in den sozialen Medien mit Videos und Fotos prahlen zu können. Auch der Vorsitzende der Mannheimer Gewerkschaft der Polizei (GdP) meldete sich mit einem emotionalen Post auf Facebook zu Wort. In seinem Beitrag kritisierte er die – aus seiner Sicht – Verharmlosung der Randalierer durch deren Zuordnung zur "Partyszene":

Wer hier die Randalierer einer 'Event und Party-Szene' zuordnet, verharmlost das Grundproblem. Nach Schilderungen der Einsatzkräfte vor Ort handelte es sich um überwiegend migrantische Jugendliche, Heranwachsende, aber auch Erwachsene in größerer Zahl, die sich grundsätzlich an keine Verhaltensregeln halten.  

Die Stuttgarter Polizei hat sich derweil mit emotionalen Worten für den Zuspruch nach dem Einsatz in der Randale-Nacht bedankt und um Verständnis geworben. Beamte in Uniform seien zwar die Vertreter des Staates.

Wir sind aber ebenso selbstverständlich auch Menschen mit Herz und Verstand, wir haben Familie und wollen am Abend, wie jeder andere in unserer Gesellschaft, wieder heil zu Hause ankommen", heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme der Polizisten.

Körperschutzausstattung und Helme verdeckten bei Einsätzen immer häufiger die Gesichter und das "offene Visier" der Polizei.

(dpa/rt)