Kritik am neuen EKD-Gesangbuch: Autoren angeblich queerfeindlich und nationalistisch

Die evangelische Kirche erarbeitet ein neues Gesangbuch. Bis spätestens 2029 soll es fertig sein. Doch mittlerweile gibt es Streit um die Auswahl der Lieder. Denn eine Missionsgemeinschaft wirft einigen Lied-Autoren nationalistische und queerfeindliche Tendenzen vor.

Bis 2029 soll es vorliegen, das neue Gesangbuch der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und deutschsprachige evangelische Christen im musikalischen Lobpreis Gottes vereinen. Ziel der Neuausgabe ist laut der EKD unter anderem die Angleichung an die neuen Lesungstexte im Gottesdienst sowie die Aufnahme neuer Lieder. Seit Frühjahr 2020 arbeitet eine Gesangbuchkommission daran, traditionelles christliches Liedgut und moderne Neukompositionen unter einen Hut zu bringen.

Doch nun mehrt sich die Kritik an der von der EKD ausgewählten vorläufigen Lieder-Liste, wie die Evangelische Presseagentur diese Woche berichtete. Demnach hat sich die Kirchengemeinschaft Vereinte Evangelische Mission (VEM) zu Wort gemeldet. Bei ihr handelt es sich um eine internationale Missionsgemeinschaft, die aus 38 Mitgliedskirchen unterschiedlicher Traditionen in Afrika, Asien und Deutschland sowie den Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel besteht.

In einer am 27. Juli 2026 veröffentlichten Pressemitteilung äußerte der Vorstand der VEM Bedenken hinsichtlich der theologischen Positionen einzelner Lied-Autoren. Es mangele an einer frühzeitigen Beteiligung "marginalisierter Stimmen". Vor allem internationale und dekoloniale Perspektiven würden fehlen.

Man erkenne zwar an, dass in der Gesangbuch-Liste Lieder aus der weltweiten Ökumene enthalten seien, eine echte Teilhabe sei das jedoch nicht. Die Verantwortlichen hätten bereits vor der Veröffentlichung unter Ausgrenzung leidende Menschen in die Auswahlgremien einbeziehen müssen. Falls die EKD ihre Arbeitspraxis überdenken wolle, biete ihr die VEM Hilfestellung an.

Ein Dorn im Auge sind den Verfassern der Pressemitteilung offenbar christlich-konservative Anschauungen, etwa über Ehe und Familie. Denn dem VEM-Vorstand zufolge würden einige der vorgeschlagenen Autoren aus seiner Sicht problematische theologische Positionen vertreten.

Diese wiesen "Berührungspunkte zu rechten und nationalistischen Strömungen auf, etwa in Fragen von Familie, Nation und dem Umgang mit queeren Lebensweisen". Man nenne bewusst keine Einzelpersonen, da man nicht anprangern, sondern auf ein wiedererkennbares Muster von kolonialen und nationalistischen Perspektiven hinweisen wolle.

Den Anstoß zur Debatte hatte vor drei Wochen ein Instagram-Beitrag des evangelischen Contentnetzwerks Yeet gegeben. Yeet nannte auch die Namen der inkriminierten Lied-Autoren, etwa den römisch-katholischen Theologen Johannes Hartl, die zur deutschen Lobpreis-Szene gehörende Sängerin und Autorin Mia Friesen und die Band Hillsong United.

Die Podcasterinnen Sarah Vecera und Thea Hummel, deren Sendung von der VEM herausgegeben wird, erklärten: "Ein schönes Lied ist nicht automatisch ein harmloses Lied." Eine Trennung von Werk und Person schütze fast immer diejenigen, "die schon oben sitzen".

Und der in Ostfriesland tätige Pfarrer Quinton Ceasar stellte die gleiche Frage: "Werk trennen von Künstler*in? Lass uns darüber sprechen, bevor wir einfach weitersingen." Es gehe nicht um Verbote, sondern um eine Umkehr von reiner Ästhetik zur "Würde des Verletzten". Denn in kirchlichen Räumen sei Kunst nie nur schön, sondern forme Zusammenhalt. Was geschehe aber, wenn Lieder und Texte aus Milieus kämen, die Menschen kleinmachten – und die Kirchengemeinde sie dennoch singe?

Die EKD erklärte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst, es handele sich noch nicht um eine endgültige Liedauswahl. Bis zur Veröffentlichung des Gesangbuchs würden "weitere internationale und ökumenische Perspektiven" und Experten aus dem Arbeitsfeld "Rassismus und Kirche" herangezogen.

Auch ein Ethikrat helfe dabei, "einen verantwortungsvollen Umgang mit ethisch herausfordernden Liedern" zu finden. Werde ein Lied eines bestimmten Autors in das Liederbuch aufgenommen, bedeute das keine Zustimmung zu sämtlichen seiner theologischen Positionen.

Etwas Zeit haben die evangelischen Christen noch, sich über die Gesangbuchlieder zu streiten. Die Entscheidung über die endgültige Auswahl soll im kommenden Jahr fallen.

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