"Gezielte Provokation" - Neue Belege und Zeugen für Scharfschützen-Einsatz auf Maidan

Neue Aussagen zum Scharfschützen-Einsatz auf dem Maidan am 20. Februar 2014: Zwei Georgier erklären, auf Maidan-Demonstranten und Polizisten wurde geschossen, um Chaos zu stiften. Ihre schriftlichen Aussagen hat nun ein Kiewer Gericht zu den Akten genommen.

von Ulrich Heyden, Moskau

Der 20. Februar 2014 war ein feucht-nebliger Tag. Seit Wochen hatte es schwere Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gegeben. An der Institutskaja-Straße, die unmittelbar neben dem Hotel Ukraina verläuft, hatten sich Maidan-Kämpfer mit Helmen und robuster Kleidung hinter Mauervorsprüngen und erbeuteten Polizei-Schutzschildern verschanzt.

Schon in den frühen Morgenstunden peitschten Schüsse durch die Luft, zerfetzten die Rinde der Straßenbäume, bohrten sich durch erbeutete Polizei-Schilder und die Jacken der meist jungen Männer. Immer wieder sackte einer der Kämpfer lautlos zusammen und wurde dann von seinen Mitkämpfern trotz anhaltenden Beschusses in das Hotel Ukraina geschleppt, wo es eine Ambulanz gab.

Die Kugeln kamen von hinten

Wie die Maidan-Kämpfer, die das Massaker an der Institutskaja-Straße überlebt hatten, später berichteten, kamen die Kugeln nicht von vorne, wo die Polizei stand, sondern von hinten, aus dem Hotel Ukraina selbst. Es sei aus dem linken Flügel, aus der ersten und siebten Etage geschossen worden, berichteten Augenzeugen. Die Aussagen der Augenzeugen kann man sich in einem Video-Film anhören, in dem der kanadische Professor Ivan Katschanowski 60 Aussagen von Augenzeugen zusammengetragen hat:

Das Hotel Ukraina stand seit Dezember 2013 unter Kontrolle des "Maidan-Selbstschutzes", berichtet in dem Film ein namentlich nicht genannter Hotel-Angestellter in einem mit verdeckter Kamera aufgenommenen Interview vor dem Hotel. Was folgt aus dieser Aussage? Wenn Scharfschützen aus dem Hotel Ukraina auf den Maidan schossen, dann müssen führende Personen aus dem "Maidan-Selbstschutz" davon gewusst haben.  

Am 20. und 21. Februar 2014 starben 80 Menschen an den Folgen der Schüsse auf dem Maidan. Nach Meinung der späteren politischen Führung in Kiew haben Polizisten der Berkut-Spezialeinheit diese Menschen getötet. Diese Behauptung hatten damals auch unablässig alle deutschen Mainstream-Medien verbreitet: "Die Welt darf nicht zuschauen, wie ein Diktator sein Volk abschlachtet", lautete eine Überschrift der Bild-Zeitung am 20. Februar 2014.

Mainstream-Medien stellten ihre Ermittlungen ein

Nachdem es wenige Monate nach dem Maidan noch vereinzelt Hinweise von Mainstream-Journalisten gegeben hatte, dass aus dem Hotel Ukraina auf Demonstranten geschossen wurde - etwa im ARD-Monitor und bei der BBC -, wurde es in den großen Medien in den letzten Jahren still um das Thema.

Die trügerische Ruhe wurde jüngst jedoch gestört, als der italienische Canale 5 am 15. November 2017 einen Dokumentarfilm des Reporters Gian Micalessin sendete, in dem das erste Mal georgische Scharfschützen selbst zu Wort kamen und bezeugten, dass auf Demonstranten und Polizisten geschossen wurde. 

Schriftliche Zeugenaussagen von zwei Scharfschützen

Letzte Woche veröffentlichte zudem die russische Nachrichtenagentur Sputnik schriftliche Zeugenaussagen von zwei nach eigenen Angaben georgischen Scharfschützen, welche auch in dem Film von Gian Micalessin zu Wort gekommen waren. Die Anwälte der Berkut-Polizisten, die jetzt in Kiew vor Gericht stehen, haben die Aussagen verschriftlicht und dem Gericht in Kiew übergeben.

Einer der mutmaßlichen Scharfschützen, die eine Aussage machten, war Alexander Rewasischwili. Er gehörte zu einer Gruppe von Scharfschützen, die nach eigenen Angaben vom Kiewer Konservatorium aus auf die Protestierenden und Polizisten auf dem Maidan schossen. Eine leitende Rolle in der Schützengruppe, die in einer oberen Etage des Konservatoriums Posten bezogen hatte, hatte nach Aussage von Rewasischwili ein gewisser Sergej Paschinski inne, heute Leiter des Verteidigungsausschusses im ukrainischen Parlament. "Fast allen Anwesenden gab Paschinski Karabiner und ein Paket Patronen", erinnert sich Rewasischwili.

Der zweite georgische Scharfschütze, der für das Gericht in Kiew eine schriftliche Zeugenaussage abgab, ist Koba Nergadse. Er befand sich in den dramatischen Tagen um den 20. Februar 2014 mit einer Gruppe von Scharfschützen im Hotel Ukraina. Nergadse erinnert sich:

Spätabends am 19. Februar 2014 kam Mamulaschwili zu mir und sagte: 'Koba... Morgen wird ein schwerer Tag. Es gibt eine besondere Aufgabe, die ausgeführt werden muss… Es ist nötig, auf dem Maidan Chaos zu schaffen und auf alle Teilnehmer zu schießen, Protestierende und Polizisten, es gibt keinen Unterschied.'

Der erwähnte Mamuka Mamulaschwili war unter dem früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili Militärberater und leitet jetzt die "Georgische Legion", die in der Ost-Ukraine gegen die so genannten Separatisten kämpft.

Dem Scharfschützen Nergadse lag jedoch noch etwas auf der Zunge. In seiner Zeugenaussage liest man:

Ich fragte, warum wir kein Geld bekommen haben. Mamulaschwili antwortete, dass wir das Geld nach dem Schießen bekommen.

Nergadse erinnert sich, bei diesem Gespräch "waren Parubij und Brian anwesend". Andrei Parubij war der Kommandant des Maidan, heute ist er Parlamentspräsident. Christopher Brian wurde den Scharfschützen aus Georgien als ehemaliger Soldat der USA vorgestellt.

Suche nach den Scharfschützen in mehreren Ländern

"Wir haben in verschiedenen Ländern gesucht", berichtete Andrej Weselow über die Suche nach den georgischen Scharfschützen. Weselow ist Redakteur bei der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Er hat selbst mit den beiden georgischen Scharfschützen gesprochen und die von Sputnik veröffentlichte Dokumentation über das Massaker auf dem Maidan produziert.

Am Montag berichtete Weselow auf einer Pressekonferenz in Moskau:

Wir suchten sie [die Scharfschützen, U.H.] in Mazedonien, Russland, Ukraine, Georgien und Armenien." In Armenien habe man Koba Nergadse und Alexander Rewasischwili schließlich gefunden. Dort hielten sie sich verborgen, "weil sie Angst um ihre Leben haben".

Sputnik veröffentlichte auch die Kopien der Flugtickets, mit denen die Scharfschützen offenbar im Dezember 2013 und Januar 2014 von Tiflis nach Kiew geflogen waren. Jedem nach Kiew entsandten Scharfschützen seien 50.000 Dollar versprochen worden, berichtet Koba Nergadse, einer der mutmaßlichen georgischen Schützen.

Die beiden Scharfschützen seien bereit, sich dem ukrainischen Gericht über eine Video-Schaltung für eine Befragung zu stellen, berichtet Weselow. Das Kiewer Gericht habe die Anträge auf Zeugenaussagen angenommen. Sie seien damit jetzt Teil des Verfahrens. Der Redakteur Weselow wies darauf hin, dass es wohl kein Zufall war, dass Micheil Saakaschwili einen Tag, bevor er vor dem Kiewer Gericht zu den georgischen Scharfschützen aussagen sollte, von ukrainischen Sicherheitskräften von Kiew nach Warschau ausgeschafft wurde. Offenbar ist der Führung in Kiew das Thema äußerst peinlich. Und das ist auch der Grund, weshalb die Justizorgane in Kiew die Aufklärung des Verbrechens in die Länge ziehen.

Das georgische "Sonderkommando"

Die beiden Scharfschützen, die jetzt schriftliche Zeugenaussagen abgaben, gehörten in Georgien unter der Präsidentschaft von Michail Saakaschwili paramilitärischen Organisationen an. Sie wurden eingesetzt, um bei Massendemonstrationen gegen den damaligen Präsidenten Oppositionelle mit Gewalt einzuschüchtern. Einer der beiden Scharfschützen, Koba Nergadse, gehörte zu einem so genannten Sonderkommando. Alexander Rewasischwili war Mitglied der Organisation "Freie Zone". Deren Angehörige agierten damals maskiert. Nergadse war auch im Ausland ausgebildet worden - in Griechenland, Deutschland und Litauen. Ihm wurden unter anderem "Fertigkeiten im Umgang mit Protestierenden" beigebracht.

Aus diesem "Sonderkommando" wurden offenbar mehrere Personen zu einem Einsatz auf dem Maidan geschickt. Von diesen auf den Maidan geschickten Georgiern seien dann nach dem Putsch mehrere Personen verschwunden, weshalb Nergadse und Rewasischwili auch jetzt noch Angst um ihr Leben hätten, berichtet der Redakteur Weselow.  

Indem sie sich mit schriftlichen Zeugenaussagen an das Gericht und Journalisten wenden, "versuchen sie, den Fall aufzuklären und dadurch mehr Sicherheit zu gewinnen", erklärt Weselow die Motivation der beiden georgischen Schützen.

"Aufgrund einer Vielzahl von Fakten erscheinen uns die Scharfschützen als glaubwürdig"

Auf die Frage von RT Deutsch, warum er die beiden georgischen Scharfschützen für glaubwürdige Zeugen halte, meinte der Redakteur, die beiden Georgier hätten eine Vielzahl von Fakten, Reisedaten, Namen der Reise-Organisatoren, Summen von Geldzahlungen sowie biografische Angaben gemacht. Das mache sie glaubwürdig. Aufgabe der ukrainischen Staatsanwaltschaft und anderer Journalisten sei es jetzt, "die Angaben der beiden Scharfschützen zu prüfen".

Auf der Pressekonferenz berichtete der RIA-Redakteur Weselow, eine wichtige Rolle beim Finden der Scharfschützen habe der georgische General Tristan Zitelaschwili gespielt. Zitelaschwili habe schon unmittelbar nach dem Maidan im Jahre 2014 davon gesprochen, dass frühere Untergebene von ihm nach Kiew beordert wurden.

Der General erklärte in einem Video-Interview:

Die Leute dort führten Befehle von Saakaschwili und Andrei Parubij, dem Parlamentssprecher der Ukraine, sowie Sergej Paschinski aus.

Wer ist General Tristan Zitelaschwili?

Zitelaschwili war Kommandeur des georgischen Armee-Bataillons "Awasa" (Panter), das Anfang der 1990er Jahre im Krieg zwischen Georgien und dem nach Unabhängigkeit strebenden Abchasien im Einsatz war.

Dass der General dabei mitgeholfen habe, die Scharfschützen zu finden, hänge damit zusammen, dass er selbst Opfer von Präsident Michail Saakaschwili wurde, vermutet RIA-Redakteur Weselow. Saakaschwili habe nach dem gescheiterten Krieg zur "Rückholung" der abtrünnigen Provinz Südossetien 2008, der in einen militärischen Konflikt mit Russland mündete, nach Personen gesucht, denen er die Schuld für das gescheiterte Militärabenteuer zuschieben konnte.  

Das Haus von Zitelaschwili wurde umstellt. Der General wurde in Georgien eines angeblichen Umsturzversuchs angeklagt und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die oppositionelle Partei "Georgischer Traum", welche im Oktober 2012 die Parlamentswahl gewann und Saakaschwilis "Einige nationale Bewegung" von der Macht verdrängte, setzte Tristan Zitelaschwili auf eine Liste mit 190 politischen Gefangenen aus der Saakaschwili-Zeit. Im Dezember 2012 wurde der General im Rahmen einer Amnestie freigelassen.

Als der ukrainische Rada-Abgeordnete Vadim Rabinowitsch am 15. November 2017 in einer Talkshow des Kiewer Fernsehkanals NewsOne eine persönliche Erklärung an die ukrainische Staatsanwaltschaft verlas, versuchte der ebenfalls anwesende Michail Saakaschwili den Politiker mit "Russischer Agent, russischer Agent"-Rufen zu übertönen. Doch Rabinowitsch las unerschütterlich und mit kräftiger Stimme weiter:

Der georgische General Tristan Zitelaschwili hat erklärt, dass die Scharfschützen, die auf dem Maidan schossen, zu Saakaschwili gehörten.

Schüsse von fast allen umliegenden Gebäuden

Den Grundstein für die Ermittlungen zu Scharfschützen auf dem Maidan legte der kanadische Professor Ivan Katschanowski. Dieser hatte unmittelbar nach dem Maidan begonnen, das gesamte Video-Material sowie 30 Gigabyte Funksprüche der ukrainischen Sicherheitskräfte auszuwerten.

Dass Massaker auf dem Maidan sei eine "False-Flag-Operation" gewesen, welche "rational geplant" war, "um die Regierung zu stürzen", schreibt Katschanowski in seiner im September 2015 veröffentlichten Studie. Es gäbe mehrere Hinweise, dass der Rechte Sektor, die ebenfalls ultranationalistische Partei Swoboda und die Partei Vaterland in das Massaker involviert gewesen seien. Die Aussagen der beiden georgischen Scharfschützen sieht Katschanowski als Bestätigung seiner Ermittlungen.

"Tagesschau"-Faktenfinder: "Es fehlen Belege"

Nachdem der Dokumentarfilm des italienischen Canale 5 für einigen Wirbel gesorgt hatte, versuchte die ARD-Tagesschau am 1. Dezember 2017 dagegenzuhalten. Die ARD-Kaukasus-Expertin Silvia Stöber bemühte sich, die Berichte der beiden Scharfschützen durch Detailkritiken zu entkräften. Da sei ein im Film gezeigter Ausweis angeblich nicht echt gewesen und der angebliche Scharfschütze Rewasischwili habe sich zur Zeit des Maidan gar nicht in der Ukraine befinden können, da er wegen eines Kriminaldelikts in Georgien in Haft gewesen wäre. Silvia Stöber erklärte, für die Behauptung eines "angeblichen georgisch-amerikanischen Komplotts" unter Beteiligung von Ausländern, auch eines Amerikaners, fehlten die Belege. Einen Grund, von der ukrainischen Regierung nun verstärkt Aufklärung zu fordern, sah die Tagesschau-Expertin nicht.

Für RIA-Redakteur Weselow geht die Arbeit hingegen jetzt weiter. Wie er auf einer Pressekonferenz am Montag in Moskau erklärte, werde er weiter Kontakt zu den beiden Scharfschützen halten und versuchen, noch weitere Personen ausfindig zu machen, die auf dem Maidan als Scharfschützen im Einsatz waren. Er hoffe, dass sich auch andere Journalisten an der Überprüfung der von den beiden georgischen Scharfschützen vorgelegten Aussagen beteiligen, erklärte der Redakteur.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.