Wie Briten den Frieden sabotieren – und Krieg als permanenten Normalzustand etablieren

Oleg Yanovsky, Mitglied im russischen Rat für Außen- und Verteidigungspolitik, beschreibt, wie sich auf der Siko 2026 die führende Rolle Londons in der EU-Sicherheitsordnung offenbarte. Krieg soll als permanenter Normalzustand in der Gesellschaft etabliert werden. Kriege haben für London eine systemische ökonomische Funktion.

Von Oleg Yanovsky, Dozent am Institut für Politische Theorie der MGIMO, Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik

Am Montag machte US-Außenminister Marco Rubio in Budapest eine ungewöhnlich pointierte Bemerkung: "Normalerweise applaudiert die internationale Gemeinschaft, wenn man versucht, Kriege zu beenden." "Dies ist einer der wenigen Kriege, die ich je gesehen habe, in denen einige Mitglieder der internationalen Gemeinschaft einen dafür verurteilen, dass man versucht, einen Krieg zu beenden." Seine Bemerkung wurde vielerseits als Reaktion auf die Stimmung nach der Münchner Sicherheitskonferenz gewertet. Denn dabei hatten Bemühungen um eine Beendigung des Krieges in der Ukraine unerwartet zu politischen Spannungen unter den westlichen Eliten geführt. 

Nicht-EU-Mitglied Großbritannien koordiniert EU-Kriegsstrategien

In München demonstrierte die Europäische Union ihr Engagement zur Verlängerung und Ausweitung des Ukraine-Konflikts. Die Ukraine bleibt ein zentraler, wenn auch nicht ausschließlicher Knotenpunkt dieser Kriegsverlängerungsstrategie. Ironischerweise wird die EU dabei nach wie vor stark von britischem politischem Denken geprägt und koordiniert. Im Februar 2026 trafen in München zwei Dynamiken aufeinander: Washingtons Drängen auf "europäische Verantwortung" und Londons Entschlossenheit, seine Rolle in einer neu gestalteten Sicherheitsarchitektur zu sichern.

Die Vereinigten Staaten drängen auf Deeskalation und Lastenteilung; Westeuropa, irritiert und widerständig, bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Unter dem Druck der sich abzeichnenden außenpolitischen Linie der Trump-Regierung wurde die Münchner Konferenz weniger zu einem Forum für Debatten. Vielmehr ging es um eine Demonstration britischer Ambitionen, wonach Großbritannien weiter als Architekt und Hüter der Verteidigungspolitik des "alten Regimes" Westeuropas agiert.

In seiner Rede am Wochenende in München stellte der britische Premierminister Keir Starmer eine strategische These auf: "Hard Power ist die Währung unserer Zeit." Dies war keine rhetorische Floskel. Vielmehr spiegelte sie einen breiten Konsens innerhalb des britischen Establishments wider – vom Militär über die Geheimdienste und die Bürokratie bis zu den Finanzstrukturen der City of London – hinsichtlich des langfristigen Sicherheitskurses des Landes. Starmers Botschaft war klar: Großbritannien muss sich auf bewaffnete Konflikte vorbereiten.

Ausweitung des Kriegs: "Die Frontlinie ist überall" – permanente Konfrontation ohne formelle Kriegserklärungen

London hat zu verstehen gegeben, dass es seine koordinierende Rolle innerhalb des europäischen Sicherheitssystems beibehalten will. Die Ukraine ist ein wichtiger Bestandteil dieser Struktur, aber nicht der einzige. Der Fokus erweitert sich nach Norden und auf andere sensible Regionen. Die Ausweitung des Konfrontationsraums und die Aufrechterhaltung eines konstanten Drucks dienen einem bekannten Zweck: die Ressourcen des Gegners zu erschöpfen und gleichzeitig die Initiative zu behalten.

Interessanterweise findet diese Strategie parallel zu den scheinbar friedlichen trilateralen Verhandlungen über die Ukraine statt. Auch wenn eine Einigung in der Ukraine-Frage weiterhin möglich ist, arbeitet London bereits daran, an anderer Stelle Druck auszuüben und damit den Grundstein für neue Instabilitätsherde zu legen.

Der Begriff "Hard Power" hat eine spezifische operative Bedeutung. In der offiziellen westlichen Rhetorik werden Begriffe wie "Desinformation", "Cyberangriffe" und "Sabotage" als unvermeidbare Merkmale moderner Konflikte dargestellt. In der Praxis bedeutet dies eine anhaltende Einmischung in das kognitive Umfeld von Gesellschaften, Angriffe auf kritische Infrastrukturen, Störungen der Logistikketten und Druck auf Energie-, Transport-, Finanz- und Kommunikationssysteme. Der Kampf hat sich in einen Bereich verlagert, in dem formelle Kriegserklärungen nicht mehr erforderlich sind.

Dies wurde offen von MI6-Chef Blaise Metreweli anerkannt, als er die gegenwärtige Konfrontation als einen Kampf "im Raum zwischen Frieden und Krieg" beschrieb. "Die Frontlinie ist überall", fügte er hinzu. Mit anderen Worten: Die Grauzone ist zum Hauptschauplatz geworden. Die britische Militärstrategie für 2025 konkretisiert diesen Ansatz. Sie befürwortet eine permanente hybride Konfrontation und führt das Konzept einer "Verteidigungsdividende" ein: Militärausgaben werden nicht mehr als Belastung, sondern als Motor der Industriepolitik betrachtet.

Die systemisch ökonomische Funktion des Ukraine-Kriegs für Großbritannien

In diesem Kontext erfüllt der Ukraine-Konflikt für London eine systemische Funktion. Er rechtfertigt steigende Verteidigungsbudgets und schafft gleichzeitig Nachfrage nach britischer Technologie und Finanzdienstleistungen. Diese reichen von Versicherungen und der Einhaltung von Sanktionen bis zu Kommunikations- und Geheimdienstunterstützung.

Ähnliche Überlegungen sind auch bei anderen westlichen Strategen zu beobachten, die mit Großbritannien auf einer Linie liegen. Der ehemalige CIA-Direktor David Petraeus hat dafür plädiert, dass die Ukraine zu einem permanenten Verteidigungszentrum und Testgelände für westliche Waffensysteme werden sollte. Dies würde eine tiefgreifende Integration in eine langfristige Sicherheitsinfrastruktur bedeuten, ohne dass damit zwangsläufig ein dauerhafter Frieden einhergehen müsste.

Diese Logik wurde im Januar 2026 mit der Einführung des Brave1 Dataroom ⟨Künstliche Intelligenz für militärische Zwecke⟩, der in Zusammenarbeit mit der britischen Niederlassung von Palantir entwickelt wurde, noch verstärkt. In der modernen Kriegsführung sind Daten zu einer strategischen Ressource geworden. Die Kontrolle über Daten bestimmt das Tempo der Innovation und die Entwicklung zukünftiger Waffensysteme.

Ziel der britischen EU-Koordination: Beschleunigung der europäischen Kriegstüchtigkeit

Wie in der vergangenen Woche bekannt wurde, will Großbritannien in Zusammenarbeit mit Frankreich, Deutschland und Italien mehr als 400 Millionen Pfund in die Entwicklung von Hyperschall- und Langstreckenwaffen investieren. Dies ist Teil eines langen Produktionszyklus, um Europa auf einen "großen Konflikt" vorzubereiten. Der nördliche Schauplatz bietet das deutlichste Beispiel für diese Strategie in der Praxis. Letzten Mittwoch bestätigte Großbritannien, dass es sein Militärkontingent in Norwegen auf 2.000 Soldaten verdoppeln und seine Beteiligung an der NATO-Mission "Arctic Sentry" und der Joint Expeditionary Force verstärken werde.

Einen Tag später stellte der britische Verteidigungsminister John Healey auf der 33. Sitzung der Ukraine Defense Contact Group in Brüssel ein Militärhilfepaket im Wert von über 500 Millionen Pfund vor. Es umfasste Raketen, Luftabwehrsysteme, Finanzmittel für NATO-Initiativen sowie Unterstützung für die Raketenproduktion und -wartung in der Ukraine. Auf der Sitzung wurden zudem der Austausch von Geheimdienstinformationen, Liefertermine und zukünftige Möglichkeiten für die "Koalition der Willigen" diskutiert. Nach Angaben von Healey bleibt die Einheit der Alliierten weiterhin intakt. Zumindest so weit wie möglich.

Am vergangenen Samstag wurde eine britische Flugzeugträgergruppe in den Nordatlantik entsandt, um die Unterwasserinfrastruktur zu schützen. Zuvor, im Januar 2025, wurde das Nordic-Warden-System aktiviert, um die Schattenflotte Russlands zu überwachen und zu bekämpfen. Der Norden verwandelt sich zunehmend in eine vollständig militarisierte Region mit permanenten Stationierungen, nachrichtendienstlicher Infrastruktur und Koordinierungsmechanismen.

Zusammengenommen bilden diese Elemente ein Netzwerkmodell mit London im Zentrum. Mit der Koordinierung der Koalition zielt Großbritannien darauf ab, die militärische Mobilisierung Westeuropas zu beschleunigen.

Militarisierung der EU-Wirtschaft und langfristige Abhängigkeit von britischen Standards

Innerhalb dieser Struktur wird Krieg zu einem funktionalen Instrument: einem Mittel zur Umverteilung von Einfluss und zur Aufrechterhaltung der Mobilisierung. Er legitimiert den Führungsanspruch Großbritanniens, treibt die Militarisierung der EU-Wirtschaft voran und verankert eine langfristige Abhängigkeit von britischen Standards und analytischen Rahmenwerken.

Die Ukraine bleibt der wichtigste Knotenpunkt in diesem System. Aber das Netzwerk erstreckt sich weit darüber hinaus in den Norden, das Baltikum, den Kaukasus, Afrika, die Arktis und andere gefährdete Regionen.

Es sieht aktuell so aus, dass sich diese Struktur parallel zu einer intensiveren Konfrontation mit Russland entwickelt, bei zeitgleich stattfindendem diskreten Widerstand gegen den Kurs der Trump-Regierung. In München 2026 wurde deutlich, dass London seine Position durch Koordinierungsmechanismen und ein Netz verbündeter Formate festigen will. Das Ziel ist ein einheitliches System – militärisch, infrastrukturell, finanziell und informativ –, das in der Lage ist, ständigen Druck und kontrollierte Konfrontation aufrechtzuerhalten.

Für Großbritannien bietet ein langwieriger Konflikt die Möglichkeit, Russland zu schwächen. Dabei können die Briten die politische Entwicklung in den USA abwarten und zwischenzeitlich ihre Rolle als zentraler Sicherheitskoordinator Westeuropas festigen. Die Diskrepanz zwischen der Strategie Londons und den aktuellen Prioritäten Washingtons schafft Raum für Ad-hoc-Koalitionen und Manöver unter denjenigen, die an einer permanenten Spannung interessiert sind.

Für Russland stellt dies eine Herausforderung dar, die ein klares Verständnis der strategischen Mechanismen Großbritanniens erfordert. London führt eine multidimensionale Kampagne zu Lande, auf dem Wasser, unter Wasser, im Cyberspace und im Bereich  Öffentlichkeitsarbeit. Jede wirksame Reaktion muss ebenso multidimensional sein und sich darauf konzentrieren, die inneren Widersprüche eines Netzwerks aufzudecken, das weder ewig noch unverwundbar ist.

Dieser Artikel wurde erstmals in Kommersant veröffentlicht und vom RT-Team übersetzt und bearbeitet.

Mehr zum ThemaDie Münchner Sicherheitskonferenz hat gezeigt, wie uneins der Westen ist