Von Rainer Rupp
Als Marco Rubio am 14. Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz ans Rednerpult trat, war die Erwartung in Europas Hauptstädten klar: Nach Monaten transatlantischer Spannungen sollte er die Wogen glätten. Tatsächlich klang seine Botschaft versöhnlich. Die Vereinigten Staaten, so Rubio, seien ein "Kind Europas" und aus europäischer Kultur hervorgegangen. Und: "We belong together – wir gehören zusammen."
Eine Rede zur Schadensbegrenzung
Europäische Politiker und Medien begrüßten den versöhnlichen Ton als Kontrast zu Präsident Trumps Rhetorik. Rubios Ansprache zielte in der Tat auf Beruhigung ab. "We care deeply about your future and ours. We want Europe to be strong (Uns liegt Eure und unsere Zukunft sehr am Herzen. Wir wollen, dass Europa stark ist)", sagte er, beschwor die gemeinsame Geschichte und warnte vor einer "Malaise der Hoffnungslosigkeit und Selbstzufriedenheit".
Doch hinter der rhetorischen Umarmung verbarg sich eine strategische Realität, die bei den Europäern weiter für Unruhe sorgt. Denn analytisch offenbarte Rubios Rede den Fortbestand der tiefen strategischen Divergenzen: Die USA setzen strategische Veränderungen ohne Konsultation mit den Verbündeten durch und verlangen trotzdem europäische Beiträge unter US-Führung, während Europa auf der Suche nach mehr Autonomie ist. Kein Wunder, dass Rubios Rede in Berlin, Paris und Brüssel mit wachsender Skepsis betrachtet wird, trotz seiner Versuche, mit Aussagen wie der folgenden, Vertrauen wiederherzustellen:
"Wir wollen Verbündete, die sich verteidigen können, damit kein Gegner jemals versucht wird, unsere kollektive Stärke zu testen."
Europäische Reaktion: Zustimmung zum Ton, Zweifel am Inhalt
Die Reaktionen in Europa fielen entsprechend ambivalent aus. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sah in Rubios Rede einen Versuch, "europäische Herzen zu rühren und ein Gefühl gemeinsamer Ziele zu schaffen". Zugleich begrüßte sie, Reuters zufolge, sein Bekenntnis zu einem "starken Europa in der Allianz". Laut Deutsche Welle habe Rubio sie "sehr beruhigt", und weiter:
"Wir kennen ihn, er ist ein guter Freund, ein starker Verbündeter."
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz sprach laut FAZ vom 15. Februar 2026 von einer "Botschaft der Partnerschaft" und hob "gemeinsame Werte hervor", (wobei so mancher Leser unwillkürlich an die gemeinsame Unterstützung des Genozids im Gazastreifen denken dürfte).
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lobte die "Wärme" von Rubios Rede. Zugleich bestand er jedoch laut Le Monde vom 15. Februar 2026 darauf, Europa müsse "sein Schicksal selbst in die Hand nehmen".
Auch der deutsche Außenminister lobte den Ton der Rede, äußerte aber auch vorsichtige Kritik an der US-Politik gegenüber der UNO und an Trumps "Friedensrat". Johann Wadephul würdigte Rubios Rede als die eines "echten Partners". Er erklärte, dass das eine sehr klare Botschaft von Minister Rubio gewesen sei, dass "wir uns weiter an unsere internationale regelbasierte Ordnung halten, die natürlich in erster Linie die Vereinten Nationen sind. Das ist unser Friedensrat, und wir wollen es so halten. Wir müssen sie (die UNO) natürlich reformieren. Wir müssen sie effektiver machen, wie Rubio heute Morgen sagte".
Medienberichte spiegelten diese Dualität wider.
Die BBC sprach von einem "weicheren Ton", kritisierte aber Rubios explizite Verurteilung der leichtfertigen europäischen Migrationspolitik als symbolische "Auspeitschung" (BBC, 14. Februar 2026). Reuters hob hervor, dass europäische Diplomaten das Einheitssignal schätzten, sie jedoch misstrauisch gegenüber den impliziten, von Rubio geforderten Ausgaben seien. In Osteuropa (Warschau, Tallinn) wurde Rubios Aufruf zur Verteidigung "westlicher Zivilisation" positiv aufgenommen, während Westeuropa (vor allem Paris und Berlin) die US-Einmischung in innere Angelegenheiten als spaltend empfand.
Die implizite Forderung: mehr zeigen
Rubios Rede enthielt neben historischen Anspielungen auch klare Erwartungen. Europa müsse mehr für seine eigene Verteidigung tun. Diplomaten sahen darin die bekannte Botschaft der Trump-Administration: Europa solle "step up" – also selbst mehr Verantwortung übernehmen. Oder übersetzt: mehr bezahlen. Reuters berichtete dazu, dass europäische Diplomaten das Einheitssignal zwar begrüßten, zugleich aber implizite Forderungen nach höheren Verteidigungsausgaben kritisch sahen.
Hier liegt der Kernkonflikt. Die USA betrachten die NATO weiterhin als unverzichtbaren Rahmen – allerdings unter amerikanischer Führung. Europa hingegen diskutiert zunehmend über strategische Autonomie, also die Fähigkeit, im Ernstfall auch ohne Washington handeln zu können. Diese Divergenz wurde in München so deutlich wie selten zuvor.
Kulturkampf statt Sicherheitspolitik?
Zusätzliche Irritationen lösten Rubios Politikfelder aus, die aus Sicht der Europäer mit klassischer Sicherheitspolitik nur am Rande zu tun haben, was von Washington jedoch anders gesehen wird, nämlich als Teil des Korbes der gemeinsamen Werte. In seiner Rede kritisierte er "Massenmigration" und "Deindustrialisierung" als Bedrohungen der westlichen Zivilisation. Europa habe sich, so Rubio, durch seine (grüne CO₂‑)Energiepolitik selbst geschwächt und eine "Welt ohne Grenzen" zugelassen, was die gesellschaftliche Kohäsion gefährde.
Das erinnerte viele europäische Kommentatoren weniger an transatlantische Partnerschaft als an den innenpolitischen Kulturkampf der MAGA-Bewegung. Bundeskanzler Merz reagierte ungewöhnlich deutlich:
"Der Kulturkampf der MAGA-Bewegung ist nicht unserer."
Mit anderen Worten sagte Merz damit: Europas sicherheitspolitische Agenda soll nicht zur Verlängerung US-amerikanischer innenpolitischer Debatten werden.
Der Preis der Beruhigung
Zwar dämpfte Rubios Auftritt kurzfristig die Sorgen vor einem abrupten US-Rückzug aus Europa. "Minister Rubios Rede in München kühlte die transatlantische Temperatur vorerst ab", stellte zum Beispiel eine Expertin des Atlantic Council fest. Doch der Preis dieser Beruhigung könnte hoch sein, denn in zentralen Fragen blieb Rubios Rede auffallend vage. So vermied er direkte Bezugnahmen auf Russland oder die NATO – ausgerechnet jene Themen, die Europas Sicherheitslage derzeit dominieren. Gleichzeitig betonte er die Notwendigkeit, die Allianz an neue geopolitische Realitäten anzupassen. Für viele europäische Entscheidungsträger klingt das wie eine Vorwarnung.
Europa zwischen Allianz und Autonomie
Parallel zu Rubios Rede wurde in München intensiv über eine stärkere europäische Verteidigungsarchitektur diskutiert. Ursula von der Leyen und andere Spitzenpolitiker plädierten für eine "Europäische Säule" innerhalb der NATO. Frankreich treibt seit Jahren die Idee einer gemeinsamen europäischen Armee voran. Befürworter sehen darin eine notwendige Ergänzung zur NATO – insbesondere für schnelle Einsätze ohne US-Veto. Kritiker, vor allem in Osteuropa, warnen hingegen vor der Gefahr einer Schwächung von Artikel 5, der Beistandsklausel der Allianz. Rubios Rede verstärkte diese Debatte eher, als sie zu befrieden.
Vertrauen bleibt beschädigt
Die strategische Skepsis hat auch historische Gründe. Erst im vergangenen Jahr hatte US-Vizepräsident JD Vance Europa in München scharf kritisiert und dem Kontinent "Zensur" sowie mangelnde demokratische Standards vorgeworfen. Viele europäische Politiker interpretierten dies als ideologischen Angriff – und als Signal eines möglichen US-Rückzugs aus der Allianz.
Rubios versöhnlicher Ton wurde daher zwar begrüßt, aber nicht als Kurswechsel verstanden. Gabrielius Landsbergis, ehemaliger litauischer Außenminister, sprach laut Reuters von einer weiterhin bestehenden Trump-Politik, nur anders verpackt.
Die ungelöste Frage der Führung
Am Ende bleibt die grundlegende Frage: Wer führt den Westen? Rubio formulierte das diplomatisch: Die USA wollten Partner, die sich selbst verteidigen können, doch viele Europäer hören darin eine implizite Arbeitsteilung: Washington entscheidet – Europa finanziert. Macron widersprach dieser Logik indirekt, indem er erneut eine souveräne europäische Sicherheitsarchitektur forderte. Berlin sucht derweil auf dem alteingefahrenen Mittelweg weiterzufahren: mehr europäische Eigenständigkeit, ohne die transatlantische Partnerschaft zu gefährden.
Rubios Rede markiert möglicherweise einen Wendepunkt. Sie hat akute Ängste vor einem US-Rückzug gemildert, zugleich aber das Bewusstsein für strukturelle Asymmetrien geschärft. Die USA fordern Beiträge unter ihrer Führung. Die europäischen Eliten sind zwischen Allianz und Souveränität gespalten.
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