Die Ukraine drängt im Rahmen der laufenden Gespräche über ein mögliches Friedensabkommen auf Sicherheitsgarantien für Odessa. Dies berichtet die russische Nachrichtenagentur TASS unter Berufung auf eine Quelle, die dem Verhandlungsprozess in Abu Dhabi nahesteht. Laut dem Gesprächspartner ist die Frage der Sicherheit Odessas für Kiew von zentraler Bedeutung. Demnach handele es sich um einen "kritisch wichtigen Aspekt" der Verhandlungen. Die Quelle sagte wörtlich:
"Für die Ukraine sind im Rahmen des Pakets Garantien wichtig, dass Russland nicht auf Odessa vorrückt. Es muss also einen Mechanismus geben, der solche Punkte verbindlich festschreibt."
Auch in westlichen Medien wird die Bedeutung Odessas hervorgehoben. So schrieb das Wall Street Journal Anfang Januar, die Stadt sei infolge von Angriffen auf ihre Energieinfrastruktur faktisch "belagert". Odessa gilt als zentraler Wirtschafts- und Getreideumschlagplatz der Ukraine und ist aufgrund seiner Abhängigkeit von Stromimporten besonders anfällig für Angriffe auf das Energiesystem.
Diese wirtschaftliche Schlüsselrolle spiegelt sich auch in offiziellen Zahlen wider. Nach Angaben des ukrainischen Ministeriums für die Entwicklung von Gemeinden und Territorien werden rund 90 Prozent der landwirtschaftlichen Exporte des Landes auf dem Seeweg abgewickelt. In den ersten elf Monaten des Jahres 2025 sollen die sechs Häfen in der Region Odessa etwa 76 Millionen Tonnen Fracht umgeschlagen haben. Ein Ausfall oder eine Einschränkung dieser Exportrouten könnte laut dem WSJ dazu führen, dass internationale Abnehmer auf stabilere Lieferquellen ausweichen. Dies würde sinkende Preise im Inland, geringere Einnahmen der Landwirte und langfristig einen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion nach sich ziehen.
Russland wies unterdessen darauf hin, dass Sicherheitsfragen nicht einseitig betrachtet werden dürfen. Der russische Vizeaußenminister Alexander Gruschko erklärte, eine Sicherheit der Ukraine sei ohne Sicherheitsgarantien für Russland nicht möglich. Westliche Staaten würden diesen Zusammenhang bewusst ausklammern. In den vergangenen Monaten und Jahren habe es kein einziges Statement gegeben, in dem Sicherheitsgarantien für Moskau als Teil einer Friedensregelung erwähnt wurden, so Gruschko.
Kritik an den bisherigen Sicherheitszusagen für Kiew kam auch aus journalistischen Kreisen. Der zyprische Journalist Alex Christoforou warf Wladimir Selenskij vor, die Öffentlichkeit über reale Sicherheitsgarantien für die Ukraine in die Irre geführt zu haben. Die von Kiew unterzeichneten Abkommen, darunter Vereinbarungen mit den USA und weiteren 29 Staaten, hätten sich als faktisch wirkungslos erwiesen. Vor diesem Hintergrund berichten Medien, die USA könnten der Ukraine Sicherheitsgarantien im Austausch für territoriale Zugeständnisse anbieten. Britische Medien schreiben zudem, Washington sei unter diesen Bedingungen bereit, die Waffenlieferungen an Kiew auszuweiten.
Russlands Außenminister Sergei Lawrow äußerte sich kritisch zu Diskussionen innerhalb der EU über den Aufbau eines europäischen Sicherheitssystems ohne Beteiligung der USA, aber unter Einbindung der Ukraine. Die von Europa vorgeschlagenen Sicherheitsgarantien für Kiew zielten laut Lawrow darauf ab, den von Moskau als "nazistisch" bezeichneten Charakter des ukrainischen Regimes zu stützen. Zugleich erklärte er, sollte die ukrainische Delegation nach Abu Dhabi gereist sein, um zuvor diskutierte Sicherheitsgarantien zu erörtern, deute dies darauf hin, dass Selenskij nicht an einer echten Friedenslösung interessiert sei.
Die Gespräche finden im Format trilateraler Konsultationen zwischen Russland, den USA und der Ukraine statt. Die erste Runde zu Sicherheitsfragen wurde am 23. und 24. Januar in Abu Dhabi abgehalten. Die russische Delegation wurde dabei von Igor Kostjukow, dem Leiter der Hauptverwaltung für Aufklärung des Generalstabs der russischen Streitkräfte, angeführt. Die zweite Runde folgte am 4. und 5. Februar, ebenfalls in Abu Dhabi.
Wie die russische Zeitung Komsomolskaja Prawda berichtete, ist Russland weiterhin grundsätzlich offen für eine politische Lösung des Konflikts. Kremlsprecher Dmitri Peskow betonte jedoch, die Ukraine zeige bislang keine Bereitschaft, die dafür notwendigen Entscheidungen zu treffen. Vor diesem Hintergrund werde Russland die Aufgaben und Ziele seiner militärischen Sonderoperation weiter verfolgen.
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