Von Stanislaw Leschtschenko
In diesem Jahr positionierte sich der finnische Präsident Alexander Stubb als Befürworter von Verhandlungen mit Russland. In seinen Äußerungen verwies er wiederholt auf die Notwendigkeit, Verhandlungen aufzunehmen und sie zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.
So unterstützte Stubb beispielsweise im Dezember die US-Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard, die wegen ihrer Aussage, Russland habe nicht die Absicht, NATO-Länder anzugreifen, heftig kritisiert worden war. Stubb schloss sich Gabbards Einschätzung an:
"Russland hat kein Interesse daran, Finnland anzugreifen."
Nach Ansicht von Stubb bedürfen die europäischen Staats- und Regierungschefs direkter Kontakte zu Russlands Präsident Wladimir Putin. Ein "gerechter Frieden" in der Ukraine sei seiner Meinung nach unwahrscheinlich, territoriale Zugeständnisse seitens Kiews hingegen durchaus denkbar.
Natalia Jeremina, Doktor der Politikwissenschaften und Professorin an der Staatlichen Universität St. Petersburg, erläutert diese Veränderung wie folgt:
"Die Finnen haben endlich erkannt, dass ihr Wohlstand jahrzehntelang auf engen Beziehungen zur UdSSR/Russland beruhte. Ihre Wirtschaft profitierte von dem privilegierten Zugang zu unseren Ressourcen, sowohl im Energiebereich als auch im Bereich der natürlichen Ressourcen."
Ihrer Meinung nach erlebt Finnland derzeit eine Phase der Ernüchterung hinsichtlich seiner russophoben Haltung – man habe dort erkannt, dass Russophobie ein äußerst kostspieliges Vergnügen sei:
"Plötzlich stellte sich heraus, dass Suomi ohne enge wirtschaftliche Kontakte zu Russland, ohne russische Investitionen in die finnische Wirtschaft, sehr schlecht zurechtkommt. Und als die Finnen eigenhändig die Beziehungen zu Russland abgebrochen haben, mussten sie die Folgen sofort am eigenen Leib spüren."
In der Tat: Der Konflikt mit Russland wirkt sich negativ auf Finnland aus, sowohl im Großen als auch im Kleinen – von den Problemen der finnischen Holzverarbeiter, denen nun die günstigen russischen Holzrohstoffe fehlen, bis hin zu den Schwierigkeiten der nationalen Fluggesellschaft Finnair, die nun gezwungen ist, ihre Routen um den großen östlichen Nachbarn herum zu legen. Auch der Einzelhandel und die Gastronomie sind davon betroffen.
Eines von vielen Beispielen für solche negativen Folgen ist die Einstellung der Schifffahrt auf dem Saimaa-Kanal. Dieser Kanal, von dem 34 der 57 Kilometer durch russisches Gebiet verlaufen, war eine wichtige Transportroute – die einzige Wasserstraße von den Binnenseen Finnlands zur Ostsee. Vor der Verhängung der antirussischen Sanktionen im Jahr 2021 wurden über ihn mehr als 1,2 Millionen Tonnen Fracht in beide Richtungen transportiert. Derzeit ist der Verkehr auf dem Kanal fast vollständig zum Erliegen gekommen.
Auf Beschluss der finnischen Regierung wurden auch alle Grenzübergänge für den Wassertransport an der Grenze zu Russland geschlossen: Haapasaari, die Häfen Nuijamaa und Santio. Die Politiker diskutieren jetzt über den Bau eines neuen Kanals, der vollständig auf finnischem Gebiet – entlang der Grenze zu Russland bis zur Ostsee – verlaufen soll. Experten schätzen die Kosten für die Bauarbeiten – die sich im besten Fall über fünfzehn Jahre hinziehen würden – auf 2 bis 10 Milliarden Euro. Unter den gegenwärtigen Umständen wird es für die finnische Regierung jedoch äußerst schwierig sein, dafür die Finanzierung sicherzustellen.
Nicht zufällig wurden in Suomi in diesem Jahr Themen angesprochen, die zuvor ein striktes Tabu waren: Politiker und Unternehmer diskutierten über die Möglichkeit einer zumindest teilweisen Wiederherstellung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland. Im September und November 2025 führte das Meinungsforschungsinstitut E2 Tutkimus eine Umfrage zu diesem Thema unter 96 Mitarbeitern von Kommunen, Bildungseinrichtungen und Universitäten, Unternehmen sowie Industriebetrieben aus sechs Regionen Ostfinnlands durch. Wie sich herausstellte, erwarten 61 Prozent der Befragten die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Russland nach der Beilegung des Ukraine-Konflikts. Dabei gaben 17 Prozent der Umfrageteilnehmer an, dass die Wiederaufnahme der Beziehungen "möglich und notwendig" sei, während 44 Prozent der Meinung waren, dass dies "unter Vorbehalt möglich" sei (wobei sie damit eine "stabile Sicherheitslage" meinten).
"Unsere Wirtschaft hat bereits den Geist aufgegeben. Wir müssen dringend die Grenze öffnen und beten, dass die Russen zurückkommen und hier ihre Euros ausgeben", schrieb Tuomas Malinen, Professor an der Universität Helsinki, in dem sozialen Netzwerk X. "Die finnische Wirtschaft ist ein wandelnder Toter, und sie wird höchstwahrscheinlich die meisten Finnen in den nächsten zwei Jahren begraben."
Übrigens ist Alexander Stubb mit seiner Sichtweise kein Einzelfall. Eine ähnliche Aussage machte auch der Generaldirektor des estnischen Auslandsgeheimdienstes, Kaupo Rosin. Ihm zufolge "hat Russland derzeit keine Absicht, eines der baltischen Länder oder die NATO im weiteren Sinne anzugreifen." Rosin erklärte, dass "Russland die NATO respektiert und derzeit versucht, jeglichen offenen Konflikt zu vermeiden."
Der Politologe und Experte für die baltischen Staaten, Maxim Rewa, ist der Ansicht, dass Rosins Äußerungen einen "Testballon" darstellen, um die Öffentlichkeit auf einen Meinungsumschwung vorzubereiten. Er erklärt gegenüber der Zeitung Wsgljad:
"In den vergangenen Jahren haben die estnischen Politiker bei jeder Gelegenheit betont, dass "das aggressive Russland kurz vor einem Angriff stehe." Jetzt jedoch beobachten sie, wie Russland mit den USA in der Frage der Lösung des Ukraine-Konflikts kooperiert. Es ist nicht auszuschließen, dass sich danach auch die bilaterale wirtschaftliche Zusammenarbeit intensivieren wird. Und nun stehen die estnischen Machthaber vor der Herausforderung, der Bevölkerung diese veränderten Realitäten erklären zu müssen. Allerdings können sie nicht offen zugeben: 'Entschuldigung, wir haben Lügen verbreitet.' Deshalb lassen sie den 'Geheimdienstprofi' Rosin vor. Er soll erklären, dass nicht Russland friedliebend sei, sondern dass die NATO Moskau so sehr eingeschüchtert habe, dass es nicht mehr an 'Aggression' denke. Alexander Stubb wendet eine ähnliche Taktik an – er scheint nicht aus eigener Sicht zu sprechen, sondern bezieht sich auf die Meinung der 'Expertin' Tulsi Gabbard, die behauptet, Russlands hege keine Angriffspläne."
Allerdings sollte man nach Ansicht von Maxim Rewa nicht zu viel von Estland und anderen EU-Ländern erwarten:
"Es ist meiner Meinung nach sehr aussagekräftig, dass Kaupo Rosin unter anderem darauf hinweist, dass die Sanktionen nicht aufgehoben werden dürfen. Dies war zu erwarten – sie können nicht zu schnell einen Rückzieher machen, da sonst die Bevölkerung Fragen stellen würde. Es sollten noch ein bis zwei Jahre nach dem Friedensschluss in der Ukraine vergehen, bevor die Regierungsvertreter der EU-Länder wieder über die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland sprechen werden. Aber früher oder später werden sie darüber sprechen müssen, denn die wirtschaftliche Lage in der EU ist derzeit sehr schlecht."
Selbst wenn nach Beendigung der militärischen Sonderoperation in der Ukraine Vorschläge zur Wiederherstellung der Beziehungen seitens der europäischen Länder kommen sollten, bedeutet das jedoch nicht, dass Russland diesen ohne weiteres und ohne Bedenken zustimmen würde.
Natalia Jeremina merkt an:
"Man muss sich auch die Frage stellen: Ist die Wiederherstellung der Zusammenarbeit – zumindest teilweise – mit einem Staat, dessen Bevölkerung uns so feindselig gegenübersteht, überhaupt im Interesse Russlands? Schließlich haben die finnischen Behörden, um den NATO-Beitritt zu rechtfertigen, ihre Bevölkerung mit extremster Russophobie aufgehetzt."
Maxim Rewa vertritt eine ähnliche Position:
"Wir hier in Russland müssen zunächst für uns selbst entscheiden: Ist es für uns überhaupt sinnvoll, die Beziehungen zur EU wiederherzustellen? Letzten Endes müssen wir ihnen eine Lektion für die Zukunft erteilen."
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. Dezember 2025 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
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