Faktencheck "Holodomor" − Gefälschte Zahlen, verkannte Ursachen

Der Bundestag hat am Mittwoch nach jahrelang ablehnender Haltung beschlossen, die Hungersnot der Jahre 1932 und 1933 in der Ukraine als Völkermord zu werten. RT DE wird sich in einer Reihe von Artikeln mit den Ereignissen jener Jahre beschäftigen und die Entscheidung des Bundestags werten. Dies ist der erste Artikel der Reihe.

Von Anton Gentzen

Behauptung: Im "Holodomor" sind zwischen 4 und 8 Millionen Ukrainer umgekommen. 

Tatsachen: Die UdSSR in den Jahren 1932 und 1933 war keine Wildnis, in der man einfach so verschwand und dies unbemerkt bleiben konnte, sondern ein durch und durch bürokratisiertes Land. Jede Geburt und jeder Todesfall wurden von staatlichen Stellen registriert. Es ist unmöglich, dass Millionen Todesfälle nicht erfasst worden wären. 

In den Jahren 1927 bis 1931 wurden in der Ukrainischen SSR (UkrSSR) jährlich zwischen 496.000 und 539.000 Todesfälle registriert bei einer Gesamtbevölkerung von 29 Millionen im Jahr 1927 und 31 Millionen 1931. 1932 verzeichneten die staatlichen Personenregister eine erhöhte Sterblichkeit in Höhe von 668.000 Todesfällen. 1933 wurde eine deutlich erhöhte Zahl von 2.104.000 Todesfällen gemeldet. 

Rechnet man die Daten der beiden Katastrophenjahre zusammen, so gab es in der Ukraine 1932 und 1933 insgesamt 2.772.000 Todesfälle. Das ist auch die Obergrenze möglicher Annahmen zur Zahl der Opfer der Hungersnot. Natürlich sind nicht alle Todesfälle auf den Hunger zurückzuführen, wie es auch umgekehrt gewagt wäre, nur die Übersterblichkeit dem Ereignis zuzurechnen. Seriöse Schätzungen schwanken daher zwischen 1,3 und 1,8 Millionen Opfern der Hungersnot. Die Ukraine hat dann unter dem Präsidenten Juschtschenko in einem nationalen Projekt die Namen aller Todesopfer ermitteln wollen und nach langer Suche eben 1,3 Millionen Namen in das "Nationale Gedächtnisbuch" aufnehmen können. Und zwar ohne gerichtsfeste Konstatierung der Todesursachen. 

Wie kommen die höheren Schätzungen zustande? 

Die höheren Angaben, soweit sie nicht reine Phantasie sind, versuchen, das sogenannte "demographische Defizit" zu berechnen. Dabei stellt man auf Grundlage des bisherigen Bevölkerungswachstums eine Hypothese auf, wie viele Einwohner das Land bei Fortschreibung des Bevölkerungswachstums erreicht hätte, und vergleicht es mit dem tatsächlichen Bevölkerungsstand in einem Stichjahr. Die so errechnete Zahl ist von vornherein nicht mit der Zahl der tatsächlich Verhungerten identisch, da auch Geburtenausfälle in ihr enthalten sind. Das Problem an dieser Methode ist zudem, dass zahlreiche andere Einflussgrößen, wie das Bevölkerungswachstum und die Anzahl der Einwohner in dem betroffenen Gebiet, stets Unsicherheitsfaktoren sind, die häufig auch manipuliert werden können. 

Die seriöseste der Berechnungen nach dieser Methode hat im Jahr 2003 eine Gruppe französischer, russischer und ukrainischer Demographen durchgeführt. Diese Gruppe hat für das Jahr 1938 ein Bevölkerungsdefizit von 4,5 Millionen Einwohnern in der Ukraine angenommen. Das ist auch die Zahl, die am häufigsten zitiert wird. Sie für die Opferzahl auszugeben, bedeutet unredlich und willkürlich aus den Berechnungen der Demographen etwas herauszureißen, das keineswegs das Endprodukt ihrer Betrachtungen ist. In Wahrheit ist sie erst der Ausgangspunkt der Berechnungen. Bevor die Wissenschaftler zur mutmaßlichen Opferzahl kommen, rechnen sie in ihrer Studie nämlich notwendigerweise den für die Ukraine in den 1930ern negativen Binnenwanderungssaldo heraus. Etwas manipulieren sie allerdings auch dabei, denn sie berücksichtigen nur die sogenannte "erzwungene" Migration, also Zwangsumsiedlungen, Freiheitsstrafen oder Dienstverpflichtungen, die sie in Summe mit 0,93 Millionen annehmen. Für die freiwillige Migration wurde "wegen Schwierigkeiten der Schätzung" gleich ein Wert von "null" angenommen. Nach einem weiteren Abzug eines Geburtendefizits kommen die Ersteller dieser Studie dann zu einer Annahme von 2,15 Millionen Todesfällen in der Hungersnot. 

Letztere − und nicht die Ausgangszahl der Berechnungen (4,5 Millionen "demographischen Defizits") − wäre die Zahl, die Anhänger dieser Methode und speziell dieser Studie eigentlich nennen müssten, wären sie redlich. 

Diese, wie gesagt, seriöseste unter den anhand dieser Methode erstellten Schätzungen leidet an zahlreichen Fehlern in ihren Annahmen. Allein schon die Wahl des Jahres 1938 als Stichjahr für den Vergleich zwischen "Soll" und "Ist" erscheint manipulativ: Ein Jahr zuvor hatte die Sowjetunion "Säuberungen" erlebt, von denen auch die Ukraine betroffen war. Die vollstreckten Todesurteile (unionsweit etwa 500.000 in dem Jahr des "Großen Terrors") berücksichtigen die Demographen gar nicht, der Fehlbestand wird vollständig dem singulären Einzelereignis "Holodomor" zugerechnet. Außerdem werden bei Annahme des Jahres 1938 Ergebnisse einer Volkszählung zugrunde gelegt, die nach Auffassung sowjetischer und russischer Demographen methodisch fehlerhaft war. Ihre Wiederholung ein Jahr später hat eine höhere Bevölkerungszahl in allen Landesteilen ermittelt. 

Stärker ins Gewicht fällt jedoch die völlige Ausklammerung der freiwilligen Binnenmigration − dies ausgerechnet im Jahrzehnt der intensiven Industrialisierung der UdSSR. Die Millionen Arbeiter für die neuen Industriegiganten im Ural, in Sibirien und in Zentralasien kamen alle irgendwo her und die Mehrzahl kam absolut freiwillig, zu erheblichem Anteil aus der Ukraine. Bei den Erstellern der Studie fallen diese 1938 quicklebendigen, nur eben nicht mehr in der Ukraine lebenden Männer und Frauen mitsamt Kindern "wegen Schwierigkeiten der Schätzung" in die Kategorie "1933 verhungert". Womit ein erheblicher Teil des "demographischen Defizits" der UkrSSR im Jahr 1938 aufgeklärt wäre. 

Grob fehlerhaft ist auch die Berechnung des "Solls" der Bevölkerungszahl der UkrSSR für das Vergleichsjahr. Sie lässt unberücksichtigt, dass die Geburtenrate nach 1932 keineswegs so hoch hätte bleiben können, wie sie bis 1931 war. In just jenen Jahren kamen nämlich die Jahrgänge in das gebärfähige Alter, die selbst in den Jahren des Ersten Weltkriegs und der Revolutionswirren auf die Welt gekommen waren. Diese Jahrgänge waren in ihrer Zahl selbst stark reduziert − aufgrund der Geburtenausfälle der Kriegszeiten und durch die Übersterblichkeit der Revolutionszeit. Weniger Väter und Mütter − weniger Geburten, was automatisch ohne jede Hungersnot zu reduziertem Bevölkerungswachstum in den Jahren nach 1932 geführt hätte. Diesen Faktor lassen die Demographen in der besagten Studie völlig unbeachtet. 

Hinzu kommt, dass während der sowjetischen Industrialisierung nicht ein Durchschnitt der Bevölkerung die Ukrainische SSR in Richtung der Industrialisierungsprojekte im Ural, in Sibirien und in Zentralasien verließ, sondern hauptsächlich junge Männer und Frauen − also die, die überhaupt für Geburten sorgen. In der Folge geht die Geburtenrate natürlich deutlich stärker zurück, als durch eine anteilige Herausrechnung der Emigrierten zu ermitteln ist. 

Und schließlich ging die Geburtenrate in der Sowjetunion der Dreißiger Jahre im Vergleich zur archaischen, vorindustriellen Agrargesellschaft auch aus anderen, in Europa bestens bekannten Gründen zurück: Das Land wurde in jenen Jahren stark urbanisiert, Frauen bekamen auf Massenbasis Aufstiegs- und Bildungschancen, entschieden sich immer später für die Geburt, wenn überhaupt. Abtreibungen wurden durch die Bolschewiki zunächst legalisiert, standen ohne größere Barrieren zur Verfügung. Und sechs bis zehn Kinder zu haben, wie auf dem Dorf, war in der Stadtgesellschaft ohnehin weder üblich noch aufgrund der Wohnverhältnisse möglich. 

Das, der Verzicht auf Angaben zur freiwilligen Binnenmigration, die in jenen Jahren möglich und üblich war, und andere Schätzungsfehler summieren sich in dieser Studie so stark, dass ihr eine Überhöhung der Opferzahl um mindestens eine halbe Million vorzuwerfen ist, womit wir wieder bei den auf Grundlage der staatlichen Aufzeichnungen ermittelten Zahlen wären.

Behauptung: Der Hungertod wurde gezielt organisiert 

Tatsachen: Die sowjetische Regierung führte gerade in jenen Jahren mit Volldampf eine Industrialisierung des Landes durch und brauchte dafür Millionen Arbeiter sowie Millionen Soldaten für den bevorstehenden Weltkrieg. Warum sie angesichts akuten Arbeitskräftemangels plötzlich beschließen sollte, unterschiedslos Millionen Menschen, darunter eigene Anhänger, zu töten, ist rational nicht erklärbar. Eine einleuchtende Antwort von den Befürwortern der Genozid-These darauf wird es sowieso nicht geben.

Fragen wir, was jemand, der solch einen diabolischen Plan verfolgt, für seine Umsetzung tun würde. Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen, wenn Sie einen anderen Weg sehen: Er müsste den Bauern mehr Getreide abnehmen, als diese produzieren können. Dafür, was sie leisten können, ohne selbst in Not zu geraten, sind in einem Jahr ohne erkennbare Missernten Erfahrungswerte der Vorjahre ein guter Anhaltspunkt. Wollte die sowjetische Regierung einen Genozid an den ukrainischen Bauern verüben, müsste sie die Abgabe von mehr Getreide als in den Jahren zuvor fordern. 

Tatsächlich waren die Pläne und die Vorgaben für Getreideeinkäufe für das Jahr 1932 nicht nur nicht höher als in den Vorjahren, sie wurden im Laufe des Jahres sogar mehrfach reduziert. Die Zentralregierung reagierte damit auf Berichte, dass auf großen Flächen der Felder im Frühjahr gar keine Aussaat erfolgt war. Aus Regierungssicht handelte es sich dabei um Sabotage, durch die nicht nur die zur Finanzierung der Industrialisierung erforderlichen Exporte gefährdet wurden, sondern auch eine Hungersnot für die wachsende städtische Bevölkerung drohte. Was sich tatsächlich ereignet hatte, war ein Phänomen, das einmalig in der Weltgeschichte war und mit dem so niemand rechnen konnte, worauf wir in einem eigens den Ursachen gewidmeten Artikel näher eingehen werden. 

Trotz des Sabotageverdachts reduzierte die Regierung in Moskau, wie schon erwähnt, mehrfach die Vorgaben für die Getreidelieferungen an die Ukrainische SSR und passte diese der auf Grundlage reduzierter Aussaat erwarteten Ernte an. Ob das als Reaktion ausreichte, muss Gegenstand einer anderen Untersuchung sein. Es zeigt sich jedoch klar, dass das Verhalten Moskaus eben nicht dasjenige eines Verrückten war, der vorsätzlich einen Genozid plant: Für diesen hätte es keinen Anlass zur Herabsenkung seiner Forderungen gegeben.

Dass sich eine Katastrophe anbahnt, war zu dem Zeitpunkt noch nicht absehbar: Sie sollte erst erkennbar werden, als im Spätsommer und Herbst selbst das Ausgesäte nicht, nicht rechtzeitig oder nicht vollständig abgeerntet wurde. Nun war die lokale KP, deren Führer genauso wenig Russe war wie Stalin, vollends davon überzeugt, es mit bäuerlicher Sabotage zu tun zu haben. Die lokalen Bürokraten trauten sich nicht, den erneuten Ausfall, der selbst gegenüber den mehrfach reduzierten Vorgaben eingetreten war, "nach oben" zu melden, denn er würde unweigerlich als ihr eigenes Versagen, gar als ihre eigene Sabotagehandlung gewertet werden.

(Fortsetzung folgt)

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