Dreimal ging England in den harten Lockdown, um das Coronavirus zu bekämpfen. Der britische Premierminister Boris Johnson will alle noch verbliebenen Corona-Maßnahmen am 19. Juli aufheben. Auch die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus soll an diesen Plänen nichts ändern. Ein britischer Gesundheitsexperte aber warnt, dass die Folgen der Pandemie die Ungleichheit zwischen Arm und Reich verschlimmert hätten.
In Manchester war die Zahl der an oder mit dem Coronavirus Verstorbenen um 25 Prozent höher als der Durchschnittswert Englands. Zum Ausgleich der regionalen Unterschiede in England wollen britische Minister große wirtschaftliche Industrieprojekte realisieren. Sir Michael Marmot, Direktor des UCL Institute for Health Equity und Experte für öffentliche Gesundheit, sieht dies als den falschen Weg an. Um das Problem zu lösen, brauche es einen "moralischen und praktischen" Plan und Investitionen in den Bereichen Bildung, Arbeitsplätze, Wohnräume und lokale Dienstleistungen. Hier müssten die Ausgaben in den kommenden fünf Jahren verdoppelt werden. Der Fokus müsse auf der Unterstützung der Kinder und Jugendlichen liegen, die durch die Pandemie gelitten haben.
Nur so ließe sich der Ungleichheit zwischen Gesundheit und Wohlbefinden begegnen. Er sprach von einem "atemberaubenden" Rückgang der Lebenserwartung.
Die besorgniserregende Situation sei auf Jahrzehnte der Ausgabenkürzungen zurückzuführen. Besonders sticht dabei Manchester heraus, aber auch in London zeigt sich der Graben zwischen Arm und Reich:
"Es ist auch ziemlich schlecht für die Lebenschancen, in ärmeren Teilen Londons zu leben. Es sollte sich nicht nur um die Midlands, den Nordosten und den Nordwesten (Englands) handeln. Die benachteiligten Teile Londons brauchen ebenfalls Aufmerksamkeit."
Im Nordwesten Englands sank die Lebenserwartung im vergangenen Jahr um 1,6 Jahre bei Männern und um 1,2 Jahre bei Frauen. In ganz England nahm sie um 1,3 Jahre für die männliche und um 0,9 Jahre für die weibliche Bevölkerung ab. Die COVID-19-Sterblichkeitsraten in Manchester bezifferte sich auf etwa 400 männliche und 250 weibliche Todesopfer pro 100.000 Einwohner in den armen Stadtteilen Salford und Tameside. In den wohlhabenderen Stadtteilen wie Trafford lag sie bei 250 beziehungsweise 150 pro 100.000 Einwohner.
Marmot warnte:
"Diese sozialen und regionalen gesundheitlichen Ungleichheiten, die Verschlechterung der Gesundheit für die am meisten benachteiligten Menschen, sind Zeichen einer Gesellschaft, die nicht funktioniert, um die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu erfüllen."
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