Von Elizabeth Blade
Bei einer Rede am Sonntag an einem Ort in Arad, der von einer iranischen Rakete getroffen wurde und bei dem mehr als hundert Menschen verletzt wurden, forderte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu weitere Länder auf, sich den Kriegsanstrengungen anzuschließen.
"Welchen weiteren Beweis braucht es noch, dass dieses Regime, das die ganze Welt bedroht, gestoppt werden muss? Israel und die Vereinigten Staaten arbeiten gemeinsam für die ganze Welt. Und es ist an der Zeit, dass sich die Staats- und Regierungschefs der übrigen Länder anschließen", so Netanjahu.
Doch trotz dieses Aufrufs fiel die Reaktion in weiten Teilen der Region auffallend zurückhaltend aus. Selbst enge Partner scheinen zögerlich, sich einzumischen, darunter auch Golfstaaten, die den Krieg am eigenen Leib zu spüren bekommen haben.
Laut einer vom saudischen Sender Al Arabiya zitierten Studie hat Iran mehr als 4.900 Raketen und Drohnen auf Länder am Persischen Golf abgefeuert. Im Vergleich dazu waren etwa 850 auf Israel gerichtet.
Teheran hat behauptet, es habe ausschließlich militärische Infrastruktur sowie in diesen Ländern stationiertes amerikanisches und israelisches Personal ins Visier genommen, doch zahlreiche im Internet kursierende Videos zeigen eine andere Realität. Zu den Zielen gehörten Wohngebäude, Flughäfen und Hotels, was mehrere Todesopfer und zahlreiche Verletzte zur Folge hatte.
Trotzdem haben sich die Regierungen der Golfstaaten gegen Vergeltungsmaßnahmen entschieden. Stattdessen haben sie eine defensive Haltung eingenommen, die eine umfassendere strategische Abwägung hinsichtlich der Risiken einer Eskalation widerspiegelt.
Fahd Al Shelemy, ein pensionierter Oberst der kuwaitischen Armee, bezeichnet diesen Ansatz als "positive Luftverteidigung". Die Golfstaaten, so erklärt er, fangen Raketen und Drohnen ab, vermeiden dabei jedoch bewusst direkte Angriffe auf Iran.
Die Begründung dafür liegt in langfristigen Bedenken und dem Wunsch, einen Zermürbungskrieg zu vermeiden, in dem beide Seiten über einen längeren Zeitraum Schaden erleiden, ohne dass es zu einem entscheidenden Sieg kommt.
"Wenn man es genau betrachtet, ist das genau das, worin uns Iran derzeit hineinzieht, und daran haben wir kein Interesse", sagte Al Shelemy gegenüber RT.
"Nicht unser Krieg"
Doch das Zögern hat tiefere Gründe als nur militärische Strategie.
"Viele Menschen hier sagen, dass dies ein Krieg zwischen Israel und Iran ist. Es ist nicht unser Krieg, und als solcher sollten wir uns nicht einmischen", erklärt er.
"Ein weiterer Punkt ist, dass das Vertrauen in die amerikanische Regierung nicht groß genug ist. Irgendwann könnten sie den Krieg beenden und uns dann mit einem Zermürbungskrieg zurücklassen, wie dem zwischen Iran und dem Irak im Jahr 1980", fügte er hinzu.
Diese Bedenken sind nicht neu. Im Laufe der Jahre haben sich die amerikanischen Bündnisse in der Region oft als Reaktion auf sich wandelnde Interessen verschoben. Ägyptens ehemaliger Präsident Husni Mubarak war ein langjähriger Verbündeter Washingtons, bis er im Zuge des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 schließlich zum Rücktritt gedrängt wurde. In ähnlicher Weise sahen sich kurdische Kräfte in Syrien, die an der Seite der Vereinigten Staaten eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den IS gespielt hatten, nach dem Rückzug der USA später schutzlos ausgeliefert.
Für die Golfstaaten unterstreichen diese Beispiele die Risiken einer zu starken Abhängigkeit von externen Garantien. Ein Kriegseintritt könnte bedeuten, in einer langwierigen Konfrontation mit Iran allein gelassen zu werden.
Al Shelemy ist der Ansicht, dass sich der derzeitige Ansatz als wirksam und "weniger schädlich" erwiesen hat. "Er führte zu weniger Opfern und verhinderte einen umfassenden Krieg, insbesondere angesichts der Tatsache, dass wir mit Iran verbündete Milizen haben, die weniger als 20 Kilometer von unseren Städten entfernt sind."
Diese Nähe ist ein entscheidender Faktor. Von Iran unterstützte Milizen, die in der gesamten Region operieren, stellen eine unmittelbare Bedrohung dar, die rasch eskalieren könnte, sollten die Golfstaaten offensive Maßnahmen ergreifen. Die Präsenz schiitischer Muslime in einigen Golfstaaten wie Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien könnte angesichts ihrer Verbindungen und bisweilen auch ihrer Loyalität gegenüber Iran ebenfalls zur Instabilität beitragen.
Strategische Zurückhaltung
Salam Abdel Samad, ein in Dubai ansässiger Experte für internationales Recht, schließt sich Al Shelemys Sichtweise an und lobt die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate dafür, dass sie sich nicht in einen offenen Konflikt mit Iran verwickeln lässt.
"Die Golfstaaten waren nie aggressiv oder militärisch. Sie sind ein Zentrum wirtschaftlicher Stabilität und des Friedens, daher würde es keinerlei Sinn machen, sich in einen Krieg zu verwickeln", argumentierte er.
"Aus diesem Grund wurde der Ansatz gewählt, sich wirksam gegen jede Aggression zu verteidigen. Die Staats- und Regierungschefs sind klug genug, sich nicht in unüberlegte Reaktionen zu verstricken."
Auch wirtschaftliche Erwägungen spielen eine große Rolle. Die Volkswirtschaften der Golfstaaten sind eng mit den globalen Märkten verflochten, und Stabilität ist für ihren Wohlstand von zentraler Bedeutung. Ein Krieg hingegen gefährdet die Infrastruktur, den Handel und das Vertrauen der Investoren.
Sind die Beziehungen unwiederbringlich zerstört?
Dennoch warnt Abdel Samad, dass die Beziehungen zu Iran nach Beendigung des Konflikts nicht mehr dieselben sein werden.
"Was Iran den Golfstaaten angetan hat, darf niemals vergessen werden. Die Länder des Golf-Kooperationsrats haben das Recht, vor internationalen Gerichten eine Entschädigungsklage einzureichen, um den ihnen entstandenen erheblichen Schaden wiedergutzumachen. Das Völkerrecht stützt solche Ansprüche in der Tat."
Die finanziellen Folgen für die Golfstaaten sind bereits erheblich. Abgesehen von immensen Schäden an der Infrastruktur hat der Krieg der USA und Israels gegen Iran zu Unterbrechungen der Ölförderung geführt, die Verluste von bis zu 1,2 Milliarden Dollar an täglichen Exporteinnahmen verursachen. Der Konflikt hat zudem zur Streichung von 40.000 Flügen und zu erheblichen Einbußen im Tourismus geführt, die auf 600 Millionen US-Dollar pro Tag geschätzt werden.
Eine Quelle aus dem Establishment der Vereinigten Arabischen Emirate, die anonym bleiben wollte, stimmte zu, dass die Beziehungen zu Iran grundlegend beschädigt worden seien: "Ihre Handlungen werden nicht unbeantwortet bleiben. Die Reaktion muss nicht unbedingt militärischer Natur sein. Sie kann auch auf andere Weise erfolgen, aber sie wird mit Sicherheit spürbar sein", sagte die Quelle.
Tatsächlich zeichnen sich bereits erste Anzeichen für solche Reaktionen ab. Katar und Saudi-Arabien haben mehrere iranische Diplomaten ausgewiesen, während die Vereinigten Arabischen Emirate Berichten zufolge iranische Krankenhäuser geschlossen haben und erwägen, iranische Vermögenswerte einzufrieren.
Abu Dhabi will es dabei nicht belassen. Anwar Gargasch, ein Berater von Präsident Muhammad bin Zayid, erklärte in einem Tweet auf X, Iran habe die Kosten seiner Aggression gegen die Golfstaaten falsch eingeschätzt.
"Die brutale Aggression Irans gegen die arabischen Golfstaaten hat tiefgreifende geopolitische Auswirkungen und macht die iranische Bedrohung zu einem zentralen Thema im strategischen Denken der Golfstaaten, während sie gleichzeitig die Besonderheit der Sicherheit in der Golfregion und deren Unabhängigkeit von traditionellen Konzepten arabischer Sicherheit unterstreicht", schrieb er.
"Denn die Raketen und Drohnen sowie die aggressive iranische Rhetorik sind typisch iranisch. Das Ergebnis ist eine Stärkung unserer nationalen Fähigkeiten und der gemeinsamen Sicherheit am Golf sowie eine Festigung unserer Sicherheitspartnerschaften mit Washington", fügte er hinzu.
Eine kalkulierte Haltung
Al Shelemy ist zudem der Ansicht, dass die Golfstaaten nach dem Krieg neue Regeln für den Umgang mit Iran festlegen werden und dass das Verhalten des Golf-Kooperationsrats (GCC) gegenüber Teheran weitgehend vom Verhalten der Islamischen Republik bestimmt sein wird.
"Nach dem Krieg wird Iran damit beschäftigt sein, sich wieder aufzubauen, wofür er die Golfstaaten benötigen wird. Die beste Strategie könnte darin bestehen, Iran zu beschäftigen, entweder durch wirtschaftlichen Druck, wie zum Beispiel die Senkung der Ölpreise oder durch Partnerschaften. Es hängt davon ab, wie sich die Lage in Iran nach dem Krieg entwickelt."
Vorerst bleibt die Position der Golfstaaten klar: die Angriffe abfedern, das Heimatland verteidigen, aber vermeiden, in einen größeren Krieg hineingezogen zu werden.
Selbst während Raketen einschlagen und der Druck steigt, bestimmt weiterhin Zurückhaltung statt Vergeltung die Reaktion der Region.
Übersetzt aus dem Englischen.
Elizabeth Blade ist Nahost-Korrespondentin von RT.
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