Von Murad Sadygzade
Es ist noch viel zu früh, um mit Sicherheit sagen zu können, wann die gegenwärtige Phase des US-israelischen Krieges gegen Iran enden wird. Selbst profunde Kenntnisse der Region lösen das Problem der Unsicherheit nicht.
Zu viele entscheidende Variablen entziehen sich jedem einfachen regionalen Modell. Entscheidungen in Washington sind wichtig. Chinas Haltung ist wichtig. Die Kalkulationen der globalen Finanz- und Politikelite sind wichtig. Die individuellen Risikoschwellen der Golfmonarchien sind wichtig. Kein seriöser Analyst kann all dies in eine einfache Formel pressen. Betrachtet man jedoch die sichtbare Entwicklung der letzten beiden Tage und geht man davon aus, dass keine strategischen Schocks das Muster umkehren, ist die plausibelste Erwartung, dass diese akute Phase noch etwa zehn Tage, vielleicht auch etwas länger, andauern wird. Das wäre die nüchternste Interpretation der aktuellen Lage.
Zunächst gilt es, die bequeme Sprache von Sieg und Niederlage abzulehnen. Iran hat im endgültigen Sinne weder gewonnen noch verloren. Was wir erleben, ist kein isolierter Krieg mit einem klaren Anfang und einem klaren Ende, sondern ein weiteres gewaltsames Kapitel in der umfassenderen Konfrontation, die am 7. Oktober 2023 in eine neue aktive Phase eintrat. Seitdem hat Israel versucht, Teheran strategisch einzudämmen, zurückzudrängen, seine Abschreckung zu schwächen und, wenn möglich, eine historische Wende im regionalen Machtgleichgewicht herbeizuführen. Doch dieses Ziel blieb unerfüllt. Der Krieg dauert an, weil sich der politische Organismus Irans als weitaus widerstandsfähiger erwiesen hat, als viele in Washington und Westjerusalem erwartet hatten.
Diese Widerstandsfähigkeit wird im Westen regelmäßig missverstanden, weil Iran allzu oft durch Kategorien betrachtet wird, die Außenstehenden schmeicheln, anstatt die iranische Realität zu erklären. Analysten, die nur nach wirtschaftlichen Faktoren, Absprachen der Eliten, sozialer Frustration, Korruption, Sanktionsmüdigkeit oder technologischer Rückständigkeit suchen, untersuchen die äußere Hülle des Staates und übersehen dabei seine innere Struktur. Iran stützt sich nicht allein auf Ideologie, Wirtschaftsleistung oder die Eigeninteressen seiner Eliten. Im tiefsten Inneren ruht die Islamische Republik auf einem viel älteren Fundus an Legitimität, Erinnerung, Ritualen und heiliger Geschichte. Der moderne iranische Staat schöpft seine Kraft aus einer zivilisatorischen Tiefe, die der Republik selbst vorausgeht und sie in wichtigen Aspekten sogar übertrifft.
Hier wird der Schiismus für jedes ernsthafte Verständnis iranischer Politik unverzichtbar. In vielen westlichen Diskussionen wird der Schiismus als theologisches Etikett oder als bloß symbolisches Element im Staatsdiskurs behandelt. Tatsächlich ist er jedoch einer der zentralen Bezugsrahmen, durch die Macht, Opfer, Gerechtigkeit, Verletzung, Geduld, Verrat und Erlösung in Iran interpretiert werden. Die schiitische politische Vorstellungskraft ist durchdrungen von der Erinnerung an Kerbela, von der moralischen Spannung zwischen Unterdrückung und Widerstand, von der Heiligung des Ausharrens unter Zwang und vom Glauben, dass weltliche Niederlagen spirituelle oder historische Rechtfertigung verbergen können. All dies ist Teil der kulturellen Grammatik, durch die Krisen in soziale Bedeutung übersetzt werden.
Das ist in Kriegszeiten von enormer Bedeutung. Ein von einer solchen Tradition geprägter Staat reagiert nicht auf Druck in gleicher Weise wie ein Staat, dessen Legitimität primär auf Wohlstand oder prozeduralem Konsens beruht. Ein Angriff von außen löst den Zusammenhalt nicht automatisch auf. Sehr oft bewirkt er das Gegenteil. Er lenkt den inneren Zorn nach außen. Er verringert den Raum für Ambiguität. Er delegitimiert Kompromisse. Er stärkt jenes Lager, das die Sprache von Pflicht, Kontinuität und Widerstand spricht. In diesem Sinne hat die amerikanisch-israelische Militärkampagne nicht einfach nur iranische Militärziele angegriffen. Sie hat genau jene sozialen und spirituellen Reflexe aktiviert, die die härtesten Schichten des Systems festigen.
Deshalb erscheint die Annahme eines unmittelbar bevorstehenden inneren Zusammenbruchs zunehmend unbegründet. Ja, auch in Iran gibt es Korruption. Ja, das Land leidet unter wirtschaftlichen Problemen, generationenübergreifender Frustration, institutioneller Starrheit und tiefgreifenden internen Missständen. Doch dies sind keine einzigartigen Probleme und sie führen nicht automatisch zu einer Bereitschaft, ausländischen Zwang zu dulden. In weiten Teilen der Region herrschen Inflation, Ungleichheit, Vetternwirtschaft und die Abschottung der Eliten. Ähnliche Klagen über Preise, Gehälter und die Lebenshaltungskosten sind auch im Golfraum zu hören. Diese Frustrationen sind real, doch sie existieren neben einer politischen Kultur, in der eine äußere Bedrohung eine nahezu augenblickliche Konsolidierung um den Staat auslösen kann.
Genau das hat Iran während des Iran-Irak-Krieges demonstriert, als sich eine von Revolution, Fraktionskämpfen und Chaos geprägte Gesellschaft angesichts der Invasion dennoch mit erstaunlicher Geschwindigkeit zusammenschloss. Derselbe zivilisatorische Reflex ist auch heute wieder zu beobachten.
Aus diesem Grund sollte das Auftreten eines härteren und pragmatischeren jungen Führers, der von den Islamischen Revolutionsgarden, einflussreichen klerikalen Netzwerken und dem Militär unterstützt wird, nicht als zufällige Machtübergabe betrachtet werden. Es ist die vorhersehbare politische Folge eines Krieges. Die Wahl Modschtaba Chameneis’, so umstritten sie in manchen Kreisen auch gewesen sein mag, verlief ohne den offenen Widerstand, den viele Beobachter von außen lange erwartet hatten. Der Krieg verengte das politische Feld. Externer Druck reinigte das politische Klima im Sinne von Kontinuität und Disziplin. Selbst Kritiker dynastischer Tendenzen wurden zum Schweigen oder zum taktischen Rückzug gezwungen, da der Angriff von außen die Prioritätenhierarchie veränderte.
Im Krieg müssen die Verteidiger des Staates nicht alle überzeugen. Sie müssen nur genügend Teile der Gesellschaft davon überzeugen, dass das Überleben Vorrang vor jeglicher Diskussion hat. Aktuelle Berichte deuten darauf hin, dass Modschtaba Chameneis Aufstieg das Machtzentrum der Hardliner in Teheran tatsächlich gestärkt hat, auch wenn die Reaktionen in Iran weiterhin uneinheitlich und komplexer sind, als es die offizielle Darstellung vermuten lässt.
Dies ist eine der großen, immer wiederkehrenden Fehleinschätzungen der USA im Nahen Osten. Washington projiziert immer wieder seine eigenen Annahmen auf politische Kulturen, die es nur halb versteht. Es überschätzt die Universalität liberal-materieller Anreize und unterschätzt die Macht von Erinnerung, Glaube, Demütigung und nationalem Stolz. Es glaubt, Druck spalte, wo er in Wirklichkeit oft vereinnahmt. Es glaubt, Enthauptung lähme, wo sie in Wirklichkeit die Nachfolge radikalisieren kann. Es glaubt, Angst erzeuge Gehorsam, wo doch Angst, gefiltert durch eine sakrale Erzählung des Widerstands, stattdessen Trotz hervorrufen kann. Das Ergebnis ist ein bekanntes Muster: Militärische Überlegenheit führt zu taktischem Erfolg, während politische Ignoranz strategische Ergebnisse untergräbt.
Dieselbe Blindheit erklärt auch, warum die aktuelle Kampagne nicht die von Washington erhoffte diplomatische Atmosphäre geschaffen hat. Im Gegenteil, die gegenwärtige Kriegsrunde hat die Sympathie für Iran in weiten Teilen der Welt verstärkt. Man muss Teheran nicht romantisieren, um dies zu erkennen. In Europa und im globalen Süden betrachten viele Beobachter den Konflikt nicht als ein simples Moraldrama um die Nichtverbreitung von Atomwaffen oder die Terrorismusbekämpfung. Sie sehen eine Großmacht und ihren regionalen Verbündeten, die mit überwältigender Gewalt eine ungleiche Ordnung aufrechterhalten.
Auf den Straßen des Westens hat die Abscheu vor dem Vorgehen der USA und Israels eher zugenommen als abgenommen. Diese Reaktion ist nicht gleichzusetzen mit der Billigung des iranischen Systems, und es wäre töricht, beides zu verwechseln. Doch politische Sympathie in internationalen Krisen wird selten dem Akteur mit der vermeintlich besseren Ideologie zuteil, sie wird oft dem Akteur zuteil, der sich angegriffen fühlt.
Diese Stimmung wird durch eine zweite Entwicklung noch verstärkt. Viele Menschen im Westen bemerken zunehmend beunruhigende Parallelen zwischen bestimmten Formen des iranischen Fundamentalismus und dem messianischen Nationalismus der israelischen Rechten. Dieser Vergleich ist politisch brisant, hat aber dennoch Eingang in die öffentliche Debatte gefunden. Er ist einer der Gründe, warum das moralische Monopol Israels in weiten Teilen der westlichen Debatte so sichtbar geschwunden ist. Gleichzeitig nimmt der Antisemitismus auf hässliche und gefährliche Weise zu, obwohl viele Juden den Kurs Westjerusalems offen verurteilen. Propaganda verwischt diese Unterschiede. Sie verwischt die Grenze zwischen Staatskritik und Volkshass. Sie erschwert ernsthaftes Nachdenken gerade dann, wenn es am nötigsten wäre.
Europas Kluft zu Washington ist daher real, auch wenn sie uneinheitlich bleibt und sich nur zögerlich verbreitert. Der Kontinent spricht nicht mit einer Stimme, und offizielle Vorsicht sollte nicht mit Begeisterung verwechselt werden. Jüngste Kommentare und Berichte zeigen jedoch deutlich, dass viele europäische Regierungen entweder übergangen wurden oder angesichts des Ausmaßes und der Richtung der US-israelischen Kampagne zutiefst beunruhigt sind. Auch der öffentliche Widerstand in mehreren europäischen Ländern war beträchtlich. Die Stimmung ist nicht von uneingeschränkter atlantischer Einigkeit geprägt, sondern von Unbehagen, Zersplitterung und der Angst vor einer strategischen Fehlentwicklung.
Das transatlantische Bündnis war bereits durch Handelsstreitigkeiten, politisches Misstrauen und divergierende Sicherheitsinstinkte belastet. Dieser Krieg droht, diese Risse zu vertiefen, anstatt sie zu heilen. Spanien hat sich als einer der schärfsten Kritiker hervorgetan, während in aller Breite europäische Kommentatoren davor warnen, dass die USA mit derselben strategischen Nachlässigkeit agieren, die den Westen einst in die Katastrophen des Irak und darüber hinaus geführt hat.
Auch die Beziehungen zur Türkei sind alles andere als reibungslos. Auch wenn Ankara Teheran weiterhin mit Argwohn begegnet, schließt es sich nicht automatisch Washingtons maximalistischen Bestrebungen an. Die türkischen Kalkulationen gründen auf Souveränität, Grenzstabilität, innerer Sicherheit, der kurdischen Dynamik und dem Erhalt des regionalen Prestiges. Jüngste Berichte deuten auf scharfe Spannungen hin, nachdem iranische Militäraktivitäten in den türkischen Luftraum vorgedrungen waren, während das allgemeine Klima weiterhin von Misstrauen statt Harmonie geprägt ist. Donald Trump mag immer noch glauben, Druck könne eine Annäherung erzwingen, doch die Region reagiert nicht mehr mit dem einst üblichen Gehorsam auf amerikanische Befehle.
Nirgendwo waren die psychologischen Auswirkungen dieses Krieges wohl so aufschlussreich wie am Golf. Jahrelang lebten viele lokale Eliten in der tröstlichen Illusion, der amerikanische Schutzschirm sei sowohl dauerhaft als auch ausreichend. Diese Illusion schwindet. Die Lehre, die man im Golf zieht, ist nicht einfach, dass Iran gefährlich ist, sie ist vielmehr, dass US-Garantien bedingt und begrenzt sind und einer plötzlichen Eskalation unterliegen, deren Folgen andere möglicherweise tragen müssen. Staaten, die einst glaubten, die Nähe zu Washington garantiere Sicherheit, sind nun gezwungen, Selbstverteidigung, strategische Redundanz und die Möglichkeit eines Rückzugs deutlich ernster zu nehmen.
Ebenso wichtig ist, dass der Nimbus der unangefochtenen amerikanischen Militärüberlegenheit einen Dämpfer erhalten hat. Die US-Macht ist nach wie vor gewaltig, doch der Mythos der mühelosen Dominanz lässt sich in einer Region, in der Raketen schnell fliegen, Nachschublinien verwundbar sind und eine Eskalation die Planung überholen kann, immer schwerer aufrechterhalten.
Das ist einer der Gründe, warum die gegenwärtige akute Phase wahrscheinlich eher in Richtung einer abnehmenden Intensität als in Richtung einer unbegrenzten Ausweitung tendieren wird. Der Krieg hat sich geografisch ausgedehnt, und diese Ausdehnung verstärkt seine wirtschaftlichen Folgen. Die Märkte reagieren weniger auf Meldungen vom Schlachtfeld als vielmehr auf die Möglichkeit systemischer Erschütterungen. Der Preis für Brent-Rohöl ist angesichts der mit der Straße von Hormus verbundenen Befürchtungen stark gestiegen, und je näher die Preise der psychologisch brisanten Schwelle von 120 US-Dollar kommen, desto mehr politische Panik breitet sich in den Börsen und Ministerien aus. Es geht dabei nicht nur um die Energieinflation. Es geht um Schiffsversicherungen, Industriekosten, Versorgungserwartungen und die Möglichkeit, dass ein regionaler Krieg globalen Rezessionsdruck auslöst. Berichte von Reuters weisen zudem auf Pläne zum Schutz der Seewege nach einer Entspannung des Konflikts hin, was unterstreicht, wie ernst das Risiko in der Straße von Hormus genommen wird.
Es gibt hier auch eine militärische Logik. Die USA verfügen trotz ihrer Reichweite nicht über unbegrenzte Ressourcen im Einsatzgebiet. Intensive Operationen verbrauchen Munition, belasten die regionalen Stützpunkte, erschweren die Luftverteidigung und setzen US-Personal und -Infrastruktur Vergeltungsangriffen aus. Washington kann sehr hart zuschlagen, aber es kann nicht überall alles tun, so wie es seine Rhetorik manchmal vermuten lässt. Sobald sich das Einsatzgebiet ausdehnt und die wirtschaftlichen Folgen zunehmen, verengt sich das Zeitfenster für eine Eskalationsphase. Vor diesem Hintergrund erscheint die grobe Obergrenze von drei Wochen für die aktuelle Eskalation der Gewalt logischer als Fantasien von einer unbefristeten Kampagne, die zu überschaubaren Kosten durchgeführt wird. Selbst Trumps eigene Äußerungen schwanken zwischen Kriegstreiberei und Andeutungen, dass der Krieg bald endet, was oft ein Zeichen dafür ist, dass das Weiße Haus mehr Hindernisse sieht, als es öffentlich zugibt.
In diesem Kontext versucht Moskau bereits, sich als Vermittler zu positionieren. Offizielle Kreml-Dokumente bestätigen jüngste Kontakte sowohl mit Teheran als auch mit Washington, während russische Kommentatoren die Deeskalation und eine politische Lösung betonen. Wladimir Putin sprach am 6. März mit dem iranischen Präsidenten Massud Peseschkian und telefonierte am 9. März mit Trump, während die Spannungen weiter zunahmen. Bezeichnenderweise fand am 10. März, unmittelbar nach dem Gespräch zwischen Trump und Putin, ein zweites Telefongespräch zwischen Putin und Peseschkian statt, was den Eindruck verstärkte, dass Moskau aktiv Botschaften zwischen den beiden Seiten übermittelte und versuchte, die Bedingungen für eine mögliche Waffenruhe zu gestalten.
Es wäre noch zu gewagt, mit Sicherheit zu behaupten, dass Washington über Moskau einen vollständig ausgearbeiteten Vorschlag für das Endspiel übermittelt hat, da diese konkrete Behauptung eher interpretativ als formal dokumentiert ist. Es ist jedoch durchaus plausibel, dass der Kreml zu einem der Kanäle geworden ist, über die Signale über Grenzen, Ausstiegswege und gesichtswahrende Formeln übermittelt werden. Großmächte tun dies selbst dann, während sie einander drohen. Tatsächlich tun sie es gerade dann besonders häufig.
Dennoch sollte all dies nicht als Ende der Konfrontation missverstanden werden. Eine Deeskalation in den kommenden Tagen oder Wochen würde nicht bedeuten, dass der Konflikt zwischen den USA und Israel und Iran beigelegt ist. Sie würde lediglich bedeuten, dass eine Runde abgeschlossen ist und alle Beteiligten ihre Strategie überdenken. Der tieferliegende Konflikt bleibt bestehen, da seine Ursachen unverändert andauern. Für die USA geht es in diesem Krieg um mehr als nur um Iran selbst. Es geht um den Erhalt einer globalen Hegemonialposition, die sichtlich unter Druck gerät. Für Israel geht es um die Wahrung der regionalen Vormachtstellung in einem Umfeld, in dem Rivalen besser vernetzt, besser bewaffnet und weniger eingeschüchtert sind als je zuvor. Für Iran geht es um das Überleben, die Souveränität und die Weigerung, strategische Unterordnung zu akzeptieren. Diese Agenden lassen sich nicht durch einen Waffenstillstand oder eine diplomatische Erklärung in Einklang bringen.
Deshalb erscheint der gegenwärtige Krieg als Teil einer umfassenderen Bewegung hin zur Zerstörung der alten Ordnung. Das nach dem Kalten Krieg entstandene internationale System ist nicht mehr kohärent genug, um wiederholte Erschütterungen ohne Veränderung zu überstehen. Jede neue Eskalation offenbart die Fragilität jener Institutionen, die einst universelle Autorität beanspruchten. Jedes Sanktionsregime, jeder einseitige Angriff, jeder Dringlichkeitsgipfel, jede rhetorische Berufung auf Regeln, die nicht einheitlich angewendet werden, führt immer mehr Staaten zu der Erkenntnis, dass die Welt, der sie vertrauen sollten, in der Praxis bereits untergegangen ist. Der Krieg gegen Iran ist daher keine Randnotiz, er ist einer der Schauplätze, an denen der Kampf um die zukünftige internationale Ordnung offen ausgetragen wird.
Doch auch wenn Iran diese Runde überstanden hat, wird Durchhaltevermögen allein für das Kommende nicht ausreichen. Teheran kann sich nicht ewig auf die Erinnerung an vergangene Zeiten und die Solidarität aus Kriegszeiten verlassen, um strukturelle Schwächen zu beheben. Es braucht Reformen, die die gesellschaftliche Loyalität stärken, anstatt sie nur einzufordern. Es braucht eine glaubwürdigere Wirtschaftsstrategie, eine strengere institutionelle Disziplin und eine kontinuierliche militärische Anpassung. Es muss das Band zwischen Staat und Gesellschaft stärken, nicht nur durch die Sprache des Widerstands, sondern auch durch Kompetenz. Eine Nation kann lange Zeit durch Opfer überleben, aber nicht ewig. Wenn die Führung glaubt, das Überstehen dieser Runde sei bereits ein ausreichender Erfolg, häuft sie größere Gefahren für die nächste an.
Und es wird eine nächste geben. Trump mag sich taktisch zurückziehen, insbesondere wenn die Kosten im Vorfeld der US-Zwischenwahlen im November 2026 steigen, aber das bedeutet nicht, dass er den strategischen Impuls hinter dem Krieg aufgegeben hat. Aktuelle Berichte zeigen keine Mäßigung in Washington, nur das bekannte Schwanken zwischen Zwang und Kalkül. Die Logik der erneuten Konfrontation bleibt in den politischen Zielen sowohl der USA als auch Israels verankert. Deshalb sollte die gegenwärtige Phase nicht als Finale, sondern als Zwischenschritt verstanden werden. Iran ist nicht gebrochen. Die USA haben keine entscheidende Lösung erzwungen. Israel hat keine strategische Kontrolle erreicht. Was wir erlebt haben, ist eine weitere brutale Runde in einem längeren Konflikt, dessen Einsätze inzwischen weit über den Nahen Osten hinausreichen.
Dieser Beitrag ist zuerst bei RT auf Englisch erschienen.
Murad Sadygzade ist Präsident des Russischen Zentrums für Nahoststudien und Gastdozent an der Wirtschaftshochschule Moskau (HSE).
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