Von Iwan Timofejew
Die Konzentration US-amerikanischer Streitkräfte im Persischen Golf hat Diskussionen über die Möglichkeit einer neuen Militäroperation gegen Iran ausgelöst. Internationale Beziehungen sind schwer vorherzusagen. Die Entwicklung der Situation lässt sich jedoch leicht als eine Reihe alternativer Szenarien betrachten. Eine Militäroperation ist eines davon.
Für ein militärisches Szenario sprechen mehrere Argumente. Zunächst einmal haben die Vereinigten Staaten ganz konkrete Motive, gerade jetzt eine Operation durchzuführen. Iran zählt seit über 40 Jahren zu Washingtons wichtigsten und beständigsten Gegnern. Die Beziehungen Irans zu Israel, einem wichtigen US-Verbündeten in der Region, sind sogar noch unversöhnlicher. Westliche Verbündete gehen davon aus, dass Iran seit vielen Jahren nach Atomwaffen strebt, und Nordkoreas erfolgreicher Aufstieg zu einer faktischen Atommacht dient dabei als offensichtlicher Präzedenzfall.
Im Gegensatz dazu bietet die jüngere Geschichte zahlreiche Beispiele von Staaten ohne Atomwaffen, die gewaltsam angegriffen oder zerschlagen wurden: Irak, Libyen, Syrien, Venezuela. Auch Iran selbst war 2025 Ziel militärischer Angriffe. Gleichzeitig hat Teheran bemerkenswerte Fortschritte in seinem Raketenprogramm erzielt, das US-Beamte offen als direkte Bedrohung bezeichnen. Iranische Gegenangriffe auf Israel im Konflikt des vergangenen Jahres unterstrichen diese Fähigkeit.
Die Proteste in Iran könnten für die USA ein weiterer Anreiz dafür sein, Gewalt anzuwenden. Sie werden wahrscheinlich als Zeichen der Schwäche der iranischen Machthaber gewertet, und die Entstehung von Protesten wird als Vorbote revolutionärer Veränderungen interpretiert. Aus dieser Sichtweise könnte militärischer Druck als Katalysator wirken – Protestbewegungen verstärken, staatliche Institutionen untergraben und potenziell entweder einen Systemzusammenbruch oder einen Bürgerkrieg nach syrischem Vorbild auslösen.
Zudem haben die Vereinigten Staaten in der Vergangenheit zahlreiche erfolgreiche Militäroperationen durchgeführt, die zur Umstrukturierung der politischen Systeme der Zielländer geführt haben. Afghanistan, aus dem die amerikanischen Truppen zum Rückzug gezwungen wurden, bildet eine Ausnahme. Doch selbst dort hielt sich die von den USA unterstützte Regierung fast zwei Jahrzehnte lang.
Aus dieser Perspektive mag die aktuelle Situation für amerikanische Planer eine Chance darstellen, mehrere Sicherheitsbedenken gleichzeitig mit begrenztem militärischem Aufwand anzugehen. Die wahrscheinlichste Form eines solchen Vorgehens wäre keine Bodeninvasion, sondern eine Kombination aus Luftangriffen, Operationen von Spezialeinheiten und Bemühungen zur Bewaffnung und Organisation von Oppositionsgruppen. Eine umfassende Landoperation wäre kostspielig, politisch riskant und schwer zu rechtfertigen.
Gleichzeitig birgt ein solches Szenario erhebliche Risiken. Das erste Risiko liegt in der Beschaffenheit des iranischen Militärsystems. Zwar ist Iran anfällig für konzentrierte Luftangriffe, doch dürften Luftangriffe allein weder die regulären Streitkräfte noch die Islamischen Revolutionsgarden destabilisieren. Beide behalten die Fähigkeit, Raketengegenangriffe zu starten und am Boden lang anhaltenden Widerstand zu leisten.
Zweitens ist weiterhin unklar, ob die iranische politische Elite intern gespalten ist. Ohne eine echte Spaltung an der Spitze ist eine rasche politische Transformation durch eine externe Intervention unwahrscheinlich. Drittens ist die Bereitschaft der Bevölkerung zu einem bewaffneten Kampf gegen die Regierung mit US-Unterstützung fraglich. Massenproteste sind das eine, ein Bürgerkrieg etwas ganz anderes. Eine Intervention von außen könnte die Position der Regierung vorübergehend stärken und die Legitimität ihrer Notstandsmaßnahmen erhöhen.
Viertens bestehen erhebliche wirtschaftliche Risiken. Jede Eskalation würde die Energieversorgung und den Schiffsverkehr im Persischen Golf gefährden und hätte globale Auswirkungen. Fünftens droht ein Reputationsschaden. Ein Fehlschlag würde die Glaubwürdigkeit der US-Regierung schwächen und Zweifel an Washingtons Fähigkeit, Krisen großen Ausmaßes zu bewältigen, verstärken.
Ein alternatives Szenario ist die Fortsetzung des wirtschaftlichen Drucks: Sanktionen, Blockaden und diplomatische Isolation mit dem Ziel, das iranische politische System schrittweise von innen heraus zu untergraben. Die Logik ist bekannt: Anwachsender wirtschaftlicher Druck führt zu Protesten, Proteste untergraben die Legitimität, und das System bricht unter seiner eigenen Last zusammen.
Das Problem ist, dass dieser Ansatz in der Vergangenheit kaum funktioniert hat. Es besteht die reale Möglichkeit, dass sich Iran – wie schon mehrmals geschehen – politisch und wirtschaftlich anpasst. Gleichzeitig würden die Fortschritte in Irans Atom- und Raketenprogramm weitergehen. Sowohl die USA als auch Israel verfügen über nukleare Abschreckungskapazitäten gegenüber Iran, doch Teherans Übergang zum Atomwaffenstatus würde das strategische Gleichgewicht grundlegend verändern. Revolutionäre Umwälzungen in einem Atomstaat bergen extreme Risiken und werfen unweigerlich Fragen nach der Kontrolle über die Waffen und möglichen Eskalationsprozessen auf.
Aus Washingtoner Sicht erscheint daher eine begrenzte Strategie des "Angreifens und Abwartens" am rationalsten. Ein kurzer, fokussierter Luftangriff würde die Widerstandsfähigkeit des iranischen politischen Systems, die Reaktion der Bevölkerung und den Zusammenhalt der Streitkräfte testen. Sollte Iran dem Angriff standhalten und das System intakt bleiben, könnten die USA einen Schritt zurücktreten, die Sanktionen wieder in Kraft setzen und die Lage neu bewerten. Diese Logik wird durch die Tatsache bestärkt, dass Iran nicht in der Lage ist, den USA selbst entscheidenden Schaden zuzufügen, während selbst begrenzte Angriffe der USA die militärische Infrastruktur und die industrielle Basis Irans schwächen könnten.
Die USA könnten dann auf einen weiteren günstigen Moment für eine weitere Operation warten. Daher erscheint die Aussicht auf erneute US-Luftangriffe auf Iran durchaus realistisch.
Iran hat selbst zwei Optionen. Die erste besteht darin, dem militärischen und politischen Druck der USA entgegenzuwirken. Sollte es zu einem Angriff kommen, wird das Land diesem standhalten, wie bereits im letzten Jahr. Teheran wird vermutlich versuchen, die Verluste für die USA und ihre Verbündeten zu maximieren und ihnen so den Anreiz für ähnliche Operationen in der Zukunft zu nehmen, auch wenn die Möglichkeiten hier begrenzt sind.
Die zweite Option ist der Versuch, mit den USA zu verhandeln. Dieses Szenario ist jedoch für Teheran womöglich noch riskanter. Gespräche unter direktem militärischem Druck würden wahrscheinlich Maximalforderungen Washingtons beinhalten, nicht nur hinsichtlich Irans Atom- und Raketenprogramm, sondern auch zu innenpolitischen Angelegenheiten. Verhandlungen aus einer solchen Position heraus bergen das Risiko von Zugeständnissen ohne jegliche Garantie, dass ein militärisches Eingreifen künftig ausgeschlossen wird.
Zusammengenommen erscheint die Wahrscheinlichkeit eines US-Militäreinsatzes gegen Iran durchaus real. Ein solcher Schritt hätte schwerwiegende Konsequenzen nicht nur für Teheran, sondern für die gesamte Region und für Drittstaaten weit darüber hinaus.
Iwan Timofejew ist Programmdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai. Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Kommersant veröffentlicht.
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