Altlasten des Weltkriegs: Japanische Chemiewaffen in der Nähe der russischen Grenze gefunden

Der Zweite Weltkrieg ist 81 Jahre her, doch noch immer beschäftigt die Nachwelt die Beseitigung der militärischen Hinterlassenschaften. Dies betrifft vor allem gefährliche Munitionsreste wie Explosivstoffe oder auch chemische Kampfstoffe. Betroffen ist auch das russisch-chinesische Grenzgebiet.

Am 3. September begingen Russland und China den 81. Jahrestag des Sieges über Japan. Doch die Altlasten des Zweiten Weltkriegs wirken immer noch noch nach. Gerade in China sind die Überreste chemischer Kampfstoffe ein Problem, die die Kaiserlich Japanische Armee bei ihrem Abzug 1945 massenweise im Boden vergraben oder in Flüsse versenkt hatte.

Die japanischen Chemiewaffen brachten nicht nur in den 30er- und 40er-Jahren einer Vielzahl von chinesischen Armeeangehörigen und Zivilisten den Tod – die Rede ist von 2.000 Giftgasangriffen mit über 200.000 Toten –, sie stellen auch heute noch eine große Gefahr dar, zumal im Laufe der Zeit die Behälter mit den Chemikalien rostig zu werden drohen. Die Bergungseinsätze ziehen sich schon seit Jahren hin. Ein Ende ist jedoch noch nicht abzusehen.

Und auch Russland ist von der Kontamination des Bodens mit Giftgas indirekt betroffen. Denn wie die russische Nachrichtenagentur TASS heute berichtete, befinden sich einige der in Nordchina zurückgebliebenen japanischen Chemiewaffenarsenale nur 20 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Rede ist von der Stadt Hunchun in der Provinz Jilin, die an die russische Provinz Primorje grenzt.

Im Bericht wird Wladimir Tarabrin zitiert, der Ständige Vertreter der Russischen Föderation bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) mit Sitz in Den Haag. Ihm zufolge stellen die chemischen Kampfstoffe aus dem Zweiten Weltkrieg eine Gefahr für Mensch und Umwelt dar, da das Risiko von Leckagen bei den Giftgasgranaten besteht. Dadurch könnte es zu einer Kontamination des Grundwassers kommen.

Tarabrin, der zugleich auch russischer Botschafter in den Niederlanden ist, befindet sich derzeit auf einem China-Besuch. Dem TASS-Korrespondenten Roman Balandin erklärte er bezüglich der Giftgasrelikte: "Sie stellen tatsächlich eine ernsthafte Bedrohung für die Bevölkerung dar. Gott bewahre, ein Leck könnte zu schwerwiegender Bodenverseuchung und Gesundheitsschäden führen. Und für uns ist das kein abstraktes Problem. Nur 20 Kilometer von einem der Standorte entfernt verläuft die russische Grenze."

Tarabrin zufolge könnte die Beseitigung chemischer Kampfstoffe im russisch-chinesischen Grenzgebiet noch Jahrzehnte andauern, obwohl man seit 2007 daran arbeite und obgleich jedes Jahr mehrere Hundert Giftgasgranaten geborgen würden. Denn es handele sich um Hunderttausende davon.

Und bei jeder einzelnen Granate müssten die Kampfmittelentsorger mit Umsicht vorgehen, brachte der Diplomat vor. Jede Granate müsse vorsichtig geborgen, in einen speziellen Raum gebracht und dann gereinigt werden. Erst nach mehreren technischen Schritten könne man sie in einer speziellen Kammer durch eine Explosion vernichten. Es sei demnach schon jetzt absehbar, dass der aktuelle Plan, der eine Beendigung der Bergungsarbeiten im Jahr 2027 vorsieht, hinfällig sei.

Die derzeitigen politischen Spannungen zwischen China und Japan tun offenbar ihr Übriges. So berichtet Tarabrin über Beanstandungen Chinas: "Die chinesische Seite hat berechtigte Beschwerden gegen die japanische Seite, vor allem wegen der unzureichenden Bereitstellung von Geldern und Personal." Für die Japaner sei die Bergungsarbeit aber auch nicht einfach. Im Mai 2026 hätten zwei japanische Bergungsmitarbeiter Verbrennungen erlitten.

Erst Ende August hatte der chinesische Außenamtssprecher Lin Jian die japanische Regierung zu einem beschleunigten Handeln bei der Beseitigung chemischer Kampfstoffe aufgefordert. Der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge erklärte der Diplomat: "Die Beseitigung der gefährlichen, zurückgelassenen Chemiewaffen ist die unumstößliche historische Verantwortung der japanischen Regierung und ihre völkerrechtliche Pflicht."

Japan tat sich lange Zeit schwer mit diesem Teil seiner Vergangenheit. Die Kaiserlich Japanische Armee – sich bewusst, dass es sich um einen Verstoß gegen das Völkerrecht gehandelt hatte – hatte alle Aufzeichnungen über Giftgaseinsätze vernichtet. 1999 kam es jedoch zu einem Abkommen zwischen beiden Ländern, das die Entsorgung der Altlasten aus dem Weltkrieg regelte. Im Jahr 2019 tauchte zudem ein rund hundertseitiges Zeitdokument auf, das den Giftgaseinsatz einer japanischen Einheit im Jahr 1939 beschrieb.

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